Frankfurt keine "Stadt der Zuflucht" mehr?

Stadt stellt finanzielle Mittel zur Unterstützung verfolgter Schriftsteller vorerst ein

Vierzig Städte weltweit gehören dem Netzwerk "Städt der Zuflucht" (ICORN) an, das es sich seit Mitte der Neunziger Jahre zur Aufgabe gemacht hat, verfolgten oder bedrohten Schriftstellern zu helfen. Für mindestens ein Jahr erhalten die Autoren ein Stipendium, das aus Geld und einer Wohnung besteht, um frei arbeiten zu können. Auch die Buchmesse-Stadt Frankfurt war bislang beteiligt. Bis zum 31. Mai ist dort noch der iranische Romancier Mohammad Baharloo untergebracht. Danach stellt die Stadt ihre finanzielle Unterstützung von jährlich 27.000 Euro ein. Während einige das Ende der Förderung befürchten, heißt es von den Organisatoren, es solle eine Evaluation stattfinden.


In vielen Ländern der Welt können Schriftsteller und Journalisten nicht frei arbeiten. Ihre Arbeit wird zensiert, oft werden sie verfolgt und bedroht, einigen drohen Folter und Tod. Erst im Januar wurde der junge Dichter Hashem Shaabani in Iran auf Weisung von Präsident Hassan Rohani hingerichtet. Die Betroffenen sind auf Hilfe von außen angewiesen; ein Stipendium hilft ihnen nicht nur kurzfristig, um aus Notsituationen herauszukommen und eine Zeitlang ohne Druck frei arbeiten zu können – oft ist mit solchen Maßnahmen auch eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit verbunden, die mit Lesungen, Vorträgen und Medienberichten einhergeht. Diese Aufmerksamkeit hat eine nicht zu unterschätzende Schutzwirkung, denn viele Diktaturen schrecken vor repressiven Maßnahmen gegen Personen zurück, die im Fokus der internationalen Öffentlichkeit stehen.


Dass ausgerechnet die Buchmesse-Stadt Frankfurt nun ihre mit 27.000 Euro im Jahr vergleichsweise geringe Unterstützung beenden will, sei ein völlig falsches Signal, beklagt Pro Asyl. Laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels wolle nun auch die Buchmesse prüfen, "ob das Programm noch das richtige Format sei, um die Meinungsfreiheit zu fördern". Kritik gebe es aus der SPD.

Betreut werden die Stipendiaten in Frankfurt durch Litprom –Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die eng mit der Buchmesse zusammenarbeitet. Anita Djafari von Litprom befürchtet allerdings nicht, dass das Programm komplett eingestellt werden könnte. "Es wird eine Evaluation stattfinden, an der alle Partner – Litprom, die Buchmesse und die Stadt – beteiligt sein werden, um die bisherigen Erfahrungen mit Städte der Zuflucht zu analysieren", sagt sie. "Gegen das Programm kann niemand etwas haben das wäre absurd. Es geht darum zu schauen, was man verbessern kann. Wo haperte es in der Vergangenheit, wo wurden Fehler gemacht, wie kann man die Betreuung der Autoren verbessern, welche Voraussetzungen braucht es dafür?"


Peter Ripken, der für Litprom die Stipendiaten ehrenamtlich betreut, ist nicht so gelassen. "Es ist im Moment schwer zu sagen, ob das Programm ernsthaft gefährdet ist. Aber ich bin skeptisch, die ganze Situation ist sehr unerfreulich. Fakt ist, dass das Kulturamt der Stadt Frankfurt die Mittel gestrichen hat, das ist der Status Quo. Dass die Buchmesse nun sagt, man wolle schauen, was man anders machen könne, finde ich eine arrogante Haltung. Als wüsste man das hier besser als in anderen beteiligten Städten wie Barcelona, Paris oder New Mexico."


Zuletzt war die iranische Dichterin und Übersetzerin Pegah Ahmadi als Stipendiatin der "Städte der Zuflucht" in Frankfurt – sie ist danach nicht nach Iran zurückgekehrt, sondern in Deutschland geblieben. Inzwischen lebt sie in Köln. Ihr letztes Buch "Mir war nicht kalt" ist bislang nur in Deutschland erschienen. Das Programm habe ihr in vielerlei Hinsicht geholfen, sagt sie: "Für zwei Jahre gab es mir wirtschaftliche Sicherheit und einen sicheren Ort, um meine Arbeit ohne Angst fortsetzen zu können. In Iran fühlte ich mich unsicher und bedroht, meine Bücher und Artikel wurden zensiert oder konnten gar nicht erst erscheinen. In Deutschland konnte ich frei sprechen in Interviews, Seminaren, Lesungen, und ich konnte wieder veröffentlichen."

In Iran, so sagt sie, seien Schriftsteller ständig unter Druck, "wesentliche Menschenrechte gelten für uns nicht. Wann immer wir versuchen, die Lebensrealität darzustellen, sind wir mit Brutalität, Ungerechtigkeit, Demütigung, Einschüchterung und Zensur konfrontiert. Es ist ein ständiger Kampf."

Ahmadi kam 2009 nach Deutschland, gerade erst hatte das Regime den Aufstand der Grünen Bewegung blutig niedergeschlagen. Im Anschluss an ihre zwei Jahre Frankfurt erhielt sie ein Stipendium der Brown University in den USA und kehrte danach nicht nach Iran, sondern nach Deutschland zurück. "Ich hatte keine Hoffnung mehr, bei einer Rückkehr in Sicherheit zu sein, also blieb ich hier. Litprom hat mich dabei sehr unterstützt und mich durch den Asylprozess begleitet. Dafür bin ich sehr dankbar. Besonders danke ich Peter Ripken für all seine Mühen."

Als Pegah Ahmadi von der Situation in Frankfurt hörte, war sie schockiert. "Wir brauchen diese Form von Schutz, um Autoren, Poeten, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten zu helfen. Solche Programme sollten nicht eingestellt, sondern ausgeweitet werden."

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