Frankreich: Die Atomnation kommt ins Zweifeln

Seit in Japan der Supergau droht, haben französische Atomkraftkritiker wieder eine Stimme und fordern eine Volksabstimmung zur Atomkraft. Die Unsicherheit in Regierungskreisen wächst mit jeder neuen Explosion.

Vor wenigen Stunden erklärte der französische Außenminister, Alain Juppé, dass sich Japan auf eine nukleare Katastrophe zu bewege. In Japan waren 54 Meiler am Netz. Noch vor dem Unglücksland liegt die Atomnation Frankreich mit ganzen 58 Atomkraftwerken - Frankreich ist gleich nach den USA das Land mit den meisten Atomkraftwerken.

Erstmals räumte ein Mitglied der Regierung unter Präsident Nicolas Sarkozy ein, dass ernsthaft über die Sicherheit der französischen Atomkraftwerke und sogar über eine Reduzierung der Meiler nachgedacht werden könne - allerdings sei dies nicht in den kommenden 20 bis 30 Jahren realistisch, meinte Juppé gegenüber dem Fernsehsender Europe 1. Sarkozy hatte in den letzten Tagen immer wieder betont, die Ereignisse in Japan seien kein Grund für einen Ausstieg.

Forderung nach einem Referendum

Die Grünen Spitzenpolitiker Nicolas Hulot und Daniel Cohn-Bendit (Europe Écologie-Les Verts) haben nach den Explosionen in den japanischen Kernkraftwerken und dem immer noch drohenden Supergau eine Volksabstimmung zur Atomkraft gefordert. Sie nutzen damit die Gunst der Stunde, endlich eine nationale Grundsatzdebatte zur Atomkraft ins Rollen zu bringen. Ein Referendum lehnen Regierungspolitiker allerdings ab.

Je mehr sich jedoch die Krise in Japan zuspitzt, desto weniger können auch eingefleischte französische Atombefürworter sich den Druck der Atomkritiker entziehen - vor allem da diese nun durch die Reaktion der deutschen Regierung bestärkt werden. Noch gestern verteidigte der konservative Minister für Energie und Umwelt, Eric Besson, die Atomkraft in einem Interview mit France Inter: Die Atomkraft sei immer noch die billigste Energieform und ein Erdbeben in Frankreich nicht zu erwarten

Japan sei Opfer einer Umweltkatastrophe von biblischem Ausmaß und zudem sei keine Energieform 100% sicher. Wenn die Franzosen unbedingt einen Ausstieg wollten, so Besson, könnten sie dies bei der nächsten Präsidentenwahl geltend machen.

Regierungschef und Umweltministerin: wenig Verständnis für eine nukleare Grundsatzdebatte

Premierminister Francois Fillon wie auch Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet zeigten ebenfalls wenig Verständnis für eine nukleare Grundsatzdebatte, im Gegenteil: Zwar wolle man weiterhin an der Sicherheit der Kraftwerke arbeiten, ein Grund zur Abschaltung sei Japan aber nicht.

Französische Umweltschützer werfen der Regierung vor, der Debatte aus dem Weg zu gehen. Greenpeace Frankreich nannte es einen Skandal, dass französische Regierungspolitiker in die Atomkraft nicht nur verteidigten, sondern auch noch Werbung für sie machten.

Das Netzwerk Sortir du Nucléaire organisiert in Paris und anderen französischen Städten verschiedene Mahnwachen und Demonstrationen. Das Netzwerk erklärte, dass es höchste Zeit sei, sofort aus der Atomkraft auszusteigen und unterstützt die Idee eines Referendums.

Die Atomgegner kritisieren, dass ein Großteil der französischen Atomkraftwerke älter als 30 Jahre alt ist und zudem einige AKWs wie beispielsweise in Fessenheim im Elsass und Cadarache in Zonen liegen, in denen kleine bis mittlere Erdbeben möglich sind.