Frauen, Kinder, Kakerlaken

Fantasy-Filmfest-Blog 7.Tag: "Doghouse", "Hansel & Gretel", "Infestation"

Die Bedrohungsquellen im Horrorfilm sind vielfältig und je unbedrohlicher der ihnen zu Grunde liegende Gegenstand im Alltag ist, desto verstörendere Plots lassen sich mit dessen Verkehrung ins Gefährliche konstruieren. Die 1970er- und -80er-Jahre haben das mit Horrorfilmen über die zumeist unbeachtete Fauna deutlich gemacht. Da wurden Schnecken ( Slugs, USA/Spanien 1988), Frösche ( Frogs, USA 1972) und sogar Regenwürmer ( Squirm, USA 1976) zu Feinden stilisiert und die Filme sind bei weitem nicht als bloßer Trash anzusehen gewesen. Die Bedrohungen sind heute wieder etwas weniger spektakulär, aber dafür bedienen sie Ängste, die durchaus ernst zu nehmen sind.

"Doghouse"

In "Doghouse" reisen ein paar zu alt geratene Jungs aufs Land um dort einen Freundinnen/Ehefrauen-freies Wochenende zu verbringen (ein Quoten-Schwuler ist auch dabei). Der Prolog zeigt schon, wie sehr sie unter der Fuchtel ihrer Lebenspartner stehen und dass sie sich daher ein bisschen sexistische und chauvinistische Auszeit verdient haben. Dass sie nun ausgerechnet in einem Ort ankommen, in dem ein militärisches Viren-Experiment alle Frauen in blutrünstige Zombies verwandelt hat, verhilft ihrer latenten Misogynie zu handfestem Ausdruck. Mit ein paar Verlusten auf ihrer Seite richten sie ein Blutbad unter den "Cannibal Feminists", wie einer der Protagonisten die Gegnerinnen apostrophiert, an.

Zwar ist das alles gar nicht so harmlos, doch der Spaß darf bei der Weiberjagt trotzdem nicht zu kurz kommen. Da wird eifrig Spielzeug zu Waffen umfunktioniert, flotte Zoten wechseln einander ab und selbst Verletzungen werden mannhaft ertragen. Gerade im Schlagschatten zu "Polytechnique", in dem sich ja ebenfalls ein Mann auf die Jagd nach vermeintlichen Feministinnen macht, wundert man sich über die Programmierung einer Splatter-Komödie wie "Doghouse" auf dem Festival schon ein wenig. Der Film hat sein Publikum (und seinen Szenenapplaus) natürlich doch noch gefunden. Filme wie "Doghouse" gibt es in jedem Jahr auf dem Fantasy-Filmfest zu sehen und man ist gut beraten, sich sein jugendliches Temperament bewahrt zu haben, wenn man auf sie trifft - dann hat man wahrscheinlich ebenso viel Spaß mit dem Film, wie die Jungs im Film mit den Frauen.

"Hansel & Gretel“

"Hansel & Gretel" ist einer jener asiatischen Filme, die den Autor dieser Zeilen immer wieder recht sprach- und konzeptlos zurücklassen. Dieser oft ganz andere Zugriff auf filmisches Erzählen, die sonderbaren Plotkonstruktionen, bei denen man nie sagen kann, ob sie jetzt ein Ausdruck für mangelndes Erzähltalent oder im Gegenteil unkonventionelles Arbeiten mit Stoffen sind, der Wille zur überladenen Ausstattung und zum Overacting - das alles sind Zutaten, denen man im ambitionierten Kinos Süd-Koreas durchaus nicht selten begegnet. Gerade in Verbindung mit dem skurrilen Hang zur europäischen Folklore - der sich ja bereits in Park Chan-Wooks "Cyborg"-Film und dessen "Jodel"-Episode gezeigt hat - deuten schon an, dass man sich vielleicht auf eine ganz besondere Erfahrung einstellen muss, wenn man eine Karte für einen Film wie "Hansel & Gretel" erwirbt.

Invertierte Märchenmotive gibt es darin zuhauf, die sich allesamt zu einer Fabel über das Erwachsenwerden bündeln: Ein junger Mann wird nach einem Autounfall in einen Märchenwald verschlagen und dort von drei Kindern festgehalten, die ihn als ihren Beschützer für immer bei sich behalten wollen. Ungut ist, dass die Mutter des Mannes im Sterben liegt und seine Freundin zudem schwanger ist. Wie kann er den Kindern, die jeden ihrer Wünsche auf magische Weise in Erfüllung gehen lassen können, nun begreiflich machen, dass er nicht bei ihnen bleiben kann? Der ästhetisch überfrachtete Märchenfilm hat Längen, nicht ausbuchstabierte Seitenplots, angerissene Motiv-Versatzstücke und kommt zudem am Ende wie ein Lehrstück daher. Verreißen möchte man ihn dennoch nicht, weil sich gerade darin die eingangs erwähnte Unterschiedlichkeit zu westlichen Erzählkonzepten deutlich zeigt. Die Story-Ähnlichkeit von "Hansel & Gretel" zu Horrorfilmen wie "Dark Water", "The Ring" oder "The Eye" zeigt bereits, dass man zum Verständnis des Films eben auch ein Verständnis der Hintergrundkultur(en) benötigt.

"Infestation"

Das ist bei "Infestation" zum Glück nicht nötig, denn vor Ungeziefer ekelt man sich weltweit. Erst recht, wenn es so groß ist, dass ein einzelner Schuh zum Zertreten nicht mehr ausreicht. Kyle Rankins Film versetzt die Mitarbeiter eines Callcenters ohne Vorwarnung in einen Krieg mit übergroßen Insekten, die offenbar weite Landstriche besetzt halten und die Menschen in Kokons zum späteren Verzehr eingesponnen haben. Ein Stich der Tiere kann zudem unangenehme Metamorphosen nach sich ziehen, so dass die Flucht vor dem äußeren Feind bald schon durch eine vor dem versteckten inneren angefeuert wird. Das Überraschende an diesem Film, der ja auch zu einer bloßen "Eight Legged Freaks"-Wiederholung hätte werden können, ist, dass er keine Zeit darauf verschwendet, eine heile Welt zu konstruieren, in die das Grauen schleichend einbricht.

Nein, wenige Augenblicke nach dem Filmstart ist man plötzlich dort angekommen, wo sich die Haupthandlung abspielt: In der Insekten-Hölle. Dieses Vorgehend hat vor allem den Vorteil, dass es jede Herleitung des Problems (üblicherweise: Radioaktivität, Chemikalien oder außerirdische Einflüsse) auslassen kann und sich auch nicht um die biologischen Regeln insektischen Wachstums kümmern muss. Der Film versetzt seine Figuren in das Setting, behauptet, dass sie sich darin entwickeln und zu einem positiven Ende finden und stößt den Zuschauer dann abermals vor den Kopf. Das kann man nicht anders als unverfroren und wunderbar nennen.

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