Für ein vertrauliches Gespräch treffen Sie mich an der dritten Buche links

Außer Kontrolle

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie gibt Ratschläge zu sicherem Surfen, Cloud- und Handynutzung. Und spricht eine Bankrotterklärung des Staates hinsichtlich der Privatsphäre aus.

Im zweiten Weltkrieg wurde der Satz "Feind hört mit" zum Slogan bezüglich Spionage. Gespräche, gerade auch wenn sie per Telefon geführt wurden, sollten nichts Vertrauliches enthalten. Auch in der DDR wurde aus Angst vor der allgegenwärtigen Überwachung darauf verzichtet, allzu Vertrauliches am Telefon mitzuteilen. Fast 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und fast 25 Jahre nach dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik erlebt dieser Slogan fröhliche Urständ'.

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) ist eine in Bonn ansässige zivile obere Bundesbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern (BMI), die für Fragen der IT-Sicherheit zuständig ist. Aktuell hat es Tipps zu einem sicheren Umgang mit neuen Kommunikationstechnologien herausgegeben - unter anderem für die Nutzung von Smartphones und der Cloud. Bemerkenswert dabei ist, dass sich unter diesen Tipps der Hinweis findet, vertrauliche Gespräche sollten lieber nicht per Mobiltelephon geführt werden.

Um überhaupt die Tragweise dieses "Tipps" zu erkennen, ist es wichtig zu beachten, wie weit der Mobilfunk sich verbreitet hat und wie viele Menschen bereits auf Festnetztelefonie verzichten, inwieweit aber auch der Mobilfunk notwendig ist. Gründe hierfür gibt es viele – Menschen leben nicht mehr in direkter Nähe zueinander und Kontakte werden über größere Distanzen hinweg gepflegt; Anwälte oder Polizei etc. können schnell verständigt werden, ohne dass hierfür Telefonzellen oder der Gang zur nächsten Festnetzmöglichkeit notwendig sind; Termine können schnell koordiniert oder abgesagt werden etc. Gerade auch die Gespräche mit Ärzten, Anwälten, Therapeuten, Journalisten sind oft vertrauliche Gespräche, die sensible Daten enthalten.

Der Hinweis des BSI ist deshalb das Eingeständnis eines kompletten Versagens, das die Menschen vor die Wahl stellt, entweder auf moderne Technologie zu verzichten, wenn es um Vertrauliches geht, oder aber das "vertraulich" schlichtweg zu streichen und stets damit zu rechnen, dass vertrauliche Daten nicht vertraulich bleiben.

Wenn das BSI empfiehlt, auf vertrauliche Gespräche per Handy zu verzichten, dann stellt es damit klar, dass es weder der Politik noch der Technik gelungen ist, für eine hinreichende Privatsphäre der Menschen in Bezug auf die Benutzung der Mobilfunktechnologie zu sorgen. Es fährt damit den Zug zurück in die Zeiten, in denen die Benutzung der Technologie geprägt war von Misstrauen und Angst vor dem allgegenwärtigen Abhören. In Zeiten, in denen vertrauliche Gespräche noch beim Waldspaziergang geführt wurden und in denen man sich jedes Wort am Telefon gut überlegte.

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