Fußball total oder: Kampf der Kulturen?

Deutschland im Finalfieber. Heute Abend streiten zwei deutsche Teams in Wembley um die höchste Trophäe, die es im europäischen Vereinsfußball zu erringen gilt

Schon vor ein paar Wochen erreichte mich eine besorgte Mail von meinem Freund Sepp, der gerade in Santiago di Chile mit seinen Studenten über den Zusammenhang von "Barock und brasilianischer Fußballkunst" nachdenkt. Darin zeigte sich der Sportfan und Fußballexperte darüber genervt, welches Aufsehen hierzulande in den Medien um die Tatsache gemacht wird, dass zwei deutsche Vereinsmannschaften um den "Henkelpott" in der "Königsklasse" heute Abend streiten werden.

In der Tat ist der mediale Rummel, den das Spiel ausgelöst hat, kaum noch zu beschreiben. Der Focus machte das Treffen letzten Montag zu seiner Titelstory; der Spiegel, nicht gerade für seine Liebe zum Fußball bekannt, lieferte ausführliche Betrachtungen zu den beiden Teams; Maybrit Illner machte das Ereignis zum Thema am Donnerstagabend in ihrer Quasselrunde; die SZ brachte gestern gleich zwei dicke Extra-Beilagen zum Finale 2013; und der Bezahlsender Sky ist seit Mittag auf Dauersendung.

Es gehört wenig Fantasie dazu, dem zweiten öffentlich-rechtlichen Zwangsfernsehen heute Abend eine Topquote vorauszusagen. Ganz abgesehen von den Millionen von Fans, die die Innenstädte, Hallen und Bierkneipen fluten oder sich in den Stadien oder Fanmeilen beim Public Viewing und bei Dauerregen und Schafskälte sich den Allerwertesten abfrieren werden.

Angesichts dieses stetig anschwellenden medialen "Dauerfeuers" und "Dauertrommelns", das auf Zuseher, Zuhörer und Leser hereinprasselt, seitdem die beiden deutschen Topclubs die favorisierten spanischen Überteams, Barca und Real, aus dem Rennen geschlagen haben, kann man schon nachvollziehen, dass sich so mancher Beobachter über den "patriotischen Eifer" erregt, den vor allem das Nachrichtengewerbe erfasst hat und den die Funktionäre des deutschen Fußballs öffentlich zur Schau tragen.

Im Falle meines Freundes Sepps ist das auch ebenso nachvollziehbar wie schwer verständlich. Als Neuamerikaner mit unterfränkisch-bayerischen Wurzeln hat er das Reeducationsprogramm, das während der 1950er hierzulande verordnet wurde, um aus vormals glühenden Nationalisten fortan aufrechte Demokraten zu machen, voll mitgemacht. Daher verwundert es nicht, dass er dem neudeutschen Fieber, das dieses Ereignis begleitet, betont reserviert gegenübersteht.

Andererseits dürften ihm, dem Wahlamerikaner, der vor Jahren sein Herz für Stars and Stripes entdeckt und so manchen US-Alleingang publizistisch unterstützt hat, aber derlei Gefühlsaufwallungen, die die Nation betreffen, nicht gänzlich unbekannt sein.

Freilich kann und konnte ich meinen Freund sogleich beruhigen. Profifußball ist Tagesgeschäft und immer Momentaufnahme. Nächstes Jahr kann schon wieder alles ganz anders sein. Erst recht, wenn Josep Guardiola seinen Job bei Bayern antreten, José Mourinho den Chelsea Footballclub übernehmen, David Moyes bei Manchester United das Erbe von Sir Alex Ferguson übernehmen, und Carlo Ancelotti oder gar Jupp Heynckes auf seine alten Tage nochmals zu (seiner alten Liebe) Real Madrid wechseln wird; aber auch, wenn das Spielerkarussell in Gang kommt, die Neutrainer den Spielerkader nach ihren Vorstellungen neu zusammenstellen und um Starkicker wie Cristiano Ronaldo, Wayne Rooney, Mario Gomez und Co. heftig gebuhlt und gepokert wird.

Dann werden die Karten neu gemischt. Man erinnere sich an die Jahre 2002/3, als der AC Milan und Juventus Turin im Old Trafford ein rein italienisches Finale bestreiten durften. Oder, vier Jahre später, an die Saison 2007/8, als im Luschniki-Stadion zu Moskau Manchester United und der FC Chelsea um die Krone im europäischen Vereinsfußball rangen. Auch da hieß es, die Serie A bzw. die Premier League werde fortan das Maß aller Dinge sein und den Fußball in Europa dominieren. Wie schnell das umkippen kann, hat man in der darauffolgenden Saison bereits gesehen.

Zum anderen sollte man bei all den überschwappenden Euphorie, die den deutschen Fußball erfasst hat, immer auch mitbedenken, dass das Erreichen eines Finales immer von Zufällen und falschen Schiedsrichtentscheidungen begleitet wird. Im Falle des BVBs waren es zwei Abseitstore im Viertelfinalrückspiel gegen den an diesem Abend weit besseren FC Malaga kurz vor Spielende; und bei Bayern München fehlte dem FC Arsenal am Schluss nur noch ein Törchen, um im Achtelfinalrückspiel in der heimischen Allianz-Arena zu reüssieren.

Zudem hatte der ungarische Schiedsrichter Viktor Kassai mit seinen vier Assistenten im Halbfinalhinspiel gegen Barca ein klares Foulspiel von Thomas Müller nicht geahndet und zudem ein Abseitstor der Münchner übersehen. Das Rückspiel im Camp Nou wäre dann nicht bloße Formsache für die Münchner gewesen. Messi hätte gespielt, Barca wäre topmotiviert auf den Platz gelaufen und wer weiß, was mit der Kulisse im Rücken alles passiert wäre.

Auch in den Jahren vorher, war das Erreichen der Finales und/oder das Erringen der Trophäe stets von Pleiten, Pech und Pannen begleitet, etwa von Pfostenschüssen, vergebenen Elfmetern oder krassen Fehlentscheidungen überforderter Unparteiischer. Man denke an das Abseitstor von Miroslav Klose im Achtelfinalhinspiel gegen den AC Florenz 2009/10, an die Aberkennung von Bojan Krkics regulärem Tor kurz vor Schluss im Halbfinalrückspiel Barcelona gegen Inter Mailand im Camp Nou in der selben Saison oder an die Mauertaktik des FC Chelsea letztes Jahr gegen Messi und Co und all die vergebenen Großchancen der Katalanen nebst verschossenen Elfmeter.

Damit will ich nur sagen: Aus dem Erreichen eines Finales eine Tendenz oder gar Rückschlüsse auf die Zukunft ableiten zu wollen, welches Land oder welcher Verein gerade die Macht im Fußball besitzt und den Takt und Rhythmus vorgibt, ist mehr als gewagt und frivol. Prognostizieren kann man nur, dass es fortan kaum noch Überraschungssieger geben wird, wie etwa den FC Porto, der in der "Arena auf Schalke" 2003/4 zuletzt gegen einen anderen Überraschungsfinalisten, den AS Monaco, den Pott in die Höhe stemmen durfte.

Mit den Erfolgen und der Verteilung der Gewinne, die allein in der Champions League zu erwirtschaften sind, haben sich die Einkommensverhältnisse unter den jeweiligen Vereinen grundsätzlich geändert. Ein Verein wie der FC Porto, Serienmeister in der portugiesischen Liga und bekannt für sein ausgesprochen gutes Händchen bei der Neuverpflichtung aufstrebender Talente, wird die "Königsklasse" nie mehr gewinnen können, da ihm regelmäßig (wie momentan der AS Monaco) die finanziell potenteren Vereine aus Manchester und Madrid, Mailand und Barcelona nach der Saison die besten Spieler wegkaufen.

Sieht man sich die Liste der Halbfinals bzw. Finals der letzten zehn Jahre an, dann finden sich dort stets die selben Adressen, die um den Titel wetteifern. Dass sich dazu mittlerweile auch der FC Bayern gesellt hat, trotz der vielen Pleiten in den Nullerjahren, ist dem Strategiewandel des Vereins und dem Betreiben insbesondere ihres Managers Uli Hoeneß zu verdanken, als man sich 2007, glaube ich, entschloss, voll ins Risiko zu gehen. Die Münchner plünderten zum ersten Mal ihr prall gefülltes Festgeldkonto und lockten den Italiener Luca Toni aus Florenz und den Franzosen Franck Ribéry aus Marseille für viel Geld an die Isar.

Seitdem drehen die Münchner am Milliardenspiel mit, das in Europa rund um den Fußball ausgebrochen ist. Die Investments von zig Millionen in Kickerbeine, mit rund 30 Millionen für Mario Gomez, etwa 25 Millionen in Arjen Robben und die 40 Millionen jüngst in Javi Martinez, nebst Ausstattung der hauseigenen Kicker Lahm, Schweinsteiger und Co. mit neun und zehn Millionen Jahresgagen, waren nur möglich, weil jedes Jahr die Teilnahme an der "Königsklasse" gesichert werden konnte. Damit die Einnahmen weiter munter sprudeln konnten, mussten manche Trainer, als es Spitz auf Knopf stand, vorzeitig gehen, Otto Rehhagel etwa, Jürgen Klinsmann oder auch Louis van Gaal.

Hinzu kommt, dass es dem Machtmenschen und Macchiavellisten Uli Hoeneß gelungen ist (auf zweifelhafte Weise, wie man mittlerweile weiß) deutsche Dax-Vorstände für den Verein zu begeistern. Wenn man so will, feiert in München die Deutschland AG ihre Wiederauferstehung. Allein die Deutsche Telekom, Adidas und Audi, deren Vorstände auch noch im Aufsichtsrat sitzen, lotsen jedes Jahr Millionen im höheren zweistelligen Bereich an die Säbener Straße. Sie sonnen sich in und an den Erfolgen, die die Münchner, vor allem wegen ihrer aggressiven Einkaufspolitik, in all den Jahren eingeheimst haben.

So war es für mich keine große Überraschung, dass Herbert Hainer (Adidas-Vorstand), Rupert Stadler (Audi-Vorsitzender), Martin Winterkorn (VW-Chef) und Timotheus Höttges (Telekom-Lenker) den Steuersünder Hoeneß entgegen ihrer eigenen ethischen Vorgaben in Amt und Würden gelassen haben. Ein ebenso möglicher wie ein zu erwartender Sieg gegen die Gelbschwarzen aus Dortmund heute Abend dürfte, so die Überlegung der Bel-Etage der deutschen Industrie, finanziell und marketingtechnisch mehr abwerfen als die mediale Delle, die ein Abweichen von sowieso recht fragwürdigen ethischen Maßstäben zur Folge hatte. Nach dem Ende des Spiels wird sich die Personalie Hoeneß wohl von selbst regeln.

Dass Borussia Dortmund in diesen exklusiven Kreis der finanziell potenten Topklubs vorstoßen konnte und nun gegen die "Geldsäcke" aus München das Finale bestreiten darf, grenzt, so und für sich gesehen, an ein mittleres Wunder. Noch vor etwa acht Jahren war der Verein bekanntlich finanziell am Ende. Der Gewinn der "Königsklasse" in der Saison 1996/7 gegen das hochfavorisierte Team aus Turin um Zinedine Zidane hatte den Präsidenten Gerd Niebaum und seinen Manager Michael Meier zu finanziellen Risiken verleitet und den Verein fast in die Insolvenz geführt.

Nur dank des Verzichts von Sponsoren auf ihre Gelder und dank eines Millionendarlehens aus München, wie Uli Hoeneß vor zwei Jahren süffisant anmerkte, konnte der BVB sportlich überleben. Dank Hans-Joachim Watzke, der finanziellen Sachverstand mitbrachte, und dank einem klug agierenden Manager Michael Zorc, der eine Spürnase sowohl für talentierte und charakterlich einwandfreie Jungprofis als auch für einen charismatischen und begeisterungsfähigen Trainer bewies, der diesen Talenten Spieltaktik und Spielverstand einimpfen konnte, erlebte die Borussia einen steilen Aufstieg, der den Abonnementmeister und Krösus der Liga aus München zunächst aus dem Tritt und zuletzt in Panik und helle Aufruhr versetzte.

Zwei deutsche Meisterschaften hintereinander, dazu eine 5:2 Demütigung im Pokal, begleitet von Seriensiegen am Stück gegen die Münchner sowie ein begeisternder Tempofußball mit Pressing und sofortigen Umschaltspiel, ließ den einen oder anderen Beobachter, so auch mich, mit der Zunge schnalzen und von einer möglichen "Wachablösung im deutschen Profifußball" sprechen. Träumen wäre wohl die bessere Wortwahl dafür gewesen. Denn die Münchner machten genau das, was sie in solchen Fällen immer gemacht hatten. Sie öffneten ihre prall gefüllten Geldschränke und investierten gezielt in teure Fußballbeine.

Zugleich analysierten sie ihre Fehler, kupferten bei der Konkurrenz aus Dortmund Teile deren Spielsystems ab und verdonnerten ihre Diven, Ribéry, Robben, Kroos, Gomez und Co. erstens zum "Maulhalten", zweitens zur kollektiven Defensivarbeit und/oder drittens auf die Ersatzbank. Und mit Matthias Sammer, dem "Dauernörgler", "Ehrgeizling" und "Erfolgsbesessenen" und bald wohl auch, in der Post-Hoeneß Ära, der neue starke Mann an der Säbener Straße, gelang Uli Hoeneß der Clou schlechthin. Nicht zufällig sprach Jürgen Klopp, als er von der Personalie im Sommer letzten Jahres erfuhr, von der "Hammer-Verpflichtung" des Jahres.

Und die Münchner wären auch nicht die "arroganten" Bayern, wenn sie nicht zu ihrer alten Kaufstrategie zurückgekehrt wären, nämlich potentielle Rivalen durch Spielerkäufe zu schwächen. Bei Robert Lewandowski, dem derzeit begehrtesten Stürmer Europas, hält sich dauerhaft und nachhaltig das Gerücht, dass er sich mit den Bayern längst handelseinig sei und schon nächste Spielsaison, aber spätestens im Jahr darauf, an der Säbener Straße sein Trainingsprogramm für über zwölf Millionen Jahresgage vollziehen wird.

Ablösesummen und Gehälter für Kicker, von denen einige DAX-Vorstände gelegentlich noch träumen, spielen in München anscheinend überhaupt keine Rolle. Scheinheilig war darum nicht nur der Versuch von Uli Hoeneß, sich mit den Vereinsbossen der Ligen zusammensetzen zu wollen, wie man spanische Verhältnisse, also das wachsende Gefälle zwischen den beiden Topklubs und dem Rest der Liga künftig, wenn nicht vermeiden, so doch zumindest abfedern könnte.

Und scheinheilig war schon immer der Versuch von Rummenigge, Hoeneß und Co., die Finanzpraktiken anderer Großklubs, etwa in Manchester, Paris, Madrid, Malaga oder Mailand, anzuprangern. Allein durch die Verteilung der Fernsehgelder (erinnert sei an den geheimen Sondervertrag mit dem damaligen Medienhändler Kirch, der 45 Millionen abwerfen sollte), dem üppigen Zufluss von Sponsorengeldern großer Konzerne (siehe oben), die es in diesem Ausmaß nur hierzulande gibt, und den Gewinnen aus Werbung und Vermarktung von Trikots und anderem Firlefanz wurden Hunderte von Millionen gescheffelt, die man in neue Fußballwunderbeine stecken kann und konnte.

Dass bei einem Jahresumsatz von knapp 350 Millionen Euro, den der Verein im Schnitt ausweist, nur ein paar Millionen Gewinn am Schluss übrig bleiben, würde bei einem börsennotierten Verein den Kurs der Aktie sofort in den Keller schießen lassen. Im Profifußball, wo solche finanziellen Regeln und Gepflogenheiten bekanntlich außer Kraft gesetzt sind, wird so eine Nachricht sofort in eine Erfolgsmeldung umgedichtet.

Und darum konnte auch die Meldung nicht wirklich überraschen, der FCB werde eine Ausstiegsklausel im Vertrag von Mario Götze nutzen und Deutschlands größtem Fußballtalent für 37 Millionen aus seinem laufenden Vertrag herauskaufen. Es mag sein, dass der Kauf des Jungspunds größter Wunsch von Josep Guardiola war und ist und der Mario dem Diktum der Bayern "Jetzt oder nie" entsprochen hat - galt es, einen potentiellen Rivalen zu schwächen, dann waren die Münchner noch nie ein Kind von Traurigkeit.

Überraschend war mithin weniger die Verpflichtung, als vielmehr der Zeitpunkt, mit der diese Nachricht öffentlich wurde, nämlich just vor dem ersten Halbfinale der Borussia gegen Real Madrid im Signal-Iduna Park. Statt sein Team auf das Spiel vorzubereiten, hatte Jürgen Klopp zunächst erst mal alle Hände voll zu tun, den eigenen Anhang nicht gegen Mario Götze aufzubringen.

Den Wechsel Götzes an die Isar an die Bild-Zeitung "durchgestochen" zu haben, dafür konnte nur einer aus der engsten Münchner Vereinsführung in Frage kommen, Matthias Sammer oder Uli Hoeneß. Denn erstens, konnte man mit dem "Soop" damit für kurze Zeit vom Wirbel um die Steueraffäre des Bayern-Präsidenten ablenken; und zweitens, wollte man den unliebsamen und längst in Ungnade gefallenen Rivalen eins auswischen und ihn nachhaltig verunsichern.

Der Transfer habe ihn damals wie ein Hammerschlag getroffen und ihn an den Rand einer "Herzattacke" gebracht, bekannte Jürgen Klopp jüngst dem britischen Guardian in einem denkwürdigen Interview. Michael Zorc sei danach "wie tot auf dem Trainingsplatz herumgelaufen", nachdem er ihm die Nachricht einen Tag nach dem furiosen Sieg über den FC Malaga überbracht hatte.

Seitdem ist die Beziehung zwischen den beiden Rivalen vergiftet. Nachdem Uli Hoeneß dummerweise den BVB als leichtbrüstigsten Gegner in den Halbfinals bezeichnet hatte und damit Jürgen Klopp eine willkommene Motivationshilfe für heute Abend geliefert hat, fliegen die Pfeile von der Isar an die Ruhr und zurück, sodass der "Fußballweise" Kaiser Franz schon mal mahnende Worte fand, um die Gemüter wieder zu beruhigen. Eine Situation wie in Spanien, wo sich Madrid und Barcelona, Madridistas und Katalanen, Real und Barca bekriegen, möchte man hierzulande nicht haben.

Allein der Zweifel bleibt und nützen dürfte es auch wenig. Dies zeigte nicht zuletzt das Interview mit Jürgen Klopp, wo der clevere Coach, Entertainer und Marketingkönig, gesponsert vom Adidas-Konkurrenten Puma, den BVB als "interessantes Fußballprojekt der Welt" bezeichnete, und dabei vielleicht nicht den "Klassenkampf" ausrief, wie die taz unkte, der heute Abend im traditionsbehafteten Wembleystadion geführt wird, aber zumindest einen "Kampf der Kulturen".

"Wir sind ein Klub und kein Unternehmen", „wir denken nicht zuallererst an 'Steuerersparnis'". Der BVB sei zudem ein "Arbeiterverein" und kein "Supermarkt", fügte spitz der Trainer Klopp hinzu, dem es sichtlich nicht nur darum ging, Werbung für den Verein, den Ausrüster und auch in eigener Sache zu machen, sondern auch darum, die neutralen Zuschauer, Briten und Engländer, auf seine Seite zu ziehen und für die Sache des BVB, des vermeintlichen Underdogs, zu begeistern.

Dortmund könne den Spielern nicht jene Beträge zahlen, die bei Bayern oder Real üblich seien, bemerkte er obendrein. Rund oder über zehn Millionen Jahresgehalt könne und wolle der Verein nicht zahlen. Deswegen werde es auch immer so sein, dass der Borussia bestimmte Schlüsselspieler weggekauft werden. Aus diesem Grunde habe man vor zwei Jahren Nuri Sahin, letztes Jahr Shinji Kagawa und dieses Jahr auch Mario Götze verloren, von Robert Lewandowski gar nicht zu sprechen.

So sei der Lauf der Dinge und von der Borussia weder aufzuhalten noch zu ändern. Die Spieler folgten der "Spur des Geldes", wie der Coach, den alle gern "Kloppo" rufen, nüchtern feststellte. Es sei hier "wie bei James Bond - außer, dass sie der andere Kerl sind", Goldfinger oder Dr. No, die es bekanntermaßen auf die Beherrschung der Welt abgesehen haben. Wen er damit gemeint hatte oder auf wen das gemünzt war, war leicht zu durchschauen. Beim Vergleich mit den Bayern könne der Verein halt nur an "die Geduld der Spieler" appellieren, an das tolle Stadion, die Superatmosphäre und die besten Fans der Welt. Gelänge das, dann könne man das Projekt Borussia "zu einem der besten auf der Welt entwickeln".

Hier die Guten, dort die Bösen; hier Pöhler und Fußballromantik pur, dort Kalkül und kalte Berechnung; hier Authentizität, dort eine Fußballfirma, die von Dax-Konzernen finanziell gefüttert wird - diese Frontstellung, so clever und verschlagen sie auch aufgemacht wird, stimmt und funktioniert freilich so nicht. Außen vor bleibt dabei nämlich die Tatsache, dass der BVB eine AG und der erste börsennotierte Verein in Deutschland ist, der gegenüber seinen Geldgebern auskunftspflichtig ist.

Ferner kann man bei einem Jahresumsatz von gut 200 Millionen im Jahr und einem Gewinn im höheren zweistelligen Millionenbereich in diesem Geschäftsjahr mit Sicherheit nicht mehr von Malocher- und/oder Arbeiterklub sprechen. Schließlich unterscheiden sich die Gebaren des BVB keinen Deut von denen der "Großkopferten" aus München. Auch bei der Borussia wird, was den Erwerb oder die Abwerbung von Spielern angeht, "kannibalisiert". So wie die Bayern dem BVB die besten Spieler abluchsen, so bedient sich der BVB bei jenen Vereinen, die ihren Spielern das nicht bieten können, was der BVB bietet.

Damit ist in etwa die Brisanz umrissen, die in der abendlichen Begegnung steckt. Für den FC Bayern geht es ab 20.45 Uhr um alles, um Image und Ansehen, vor allem nach den zwei verlorenen Finals 2010 gegen Inter und 2012 gegen den FC Chelsea; für den BVB dagegen "nur" um das Erklimmen einer neuen Stufe auf der Erfolgsleiter. Die Enttäuschung über eine Niederlage dürfte sich deshalb in Dortmund-Brackel und am Borsigplatz in Grenzen halten, ein gebührender Empfang und Jubel der Fans dürfte dem Team auch dann gewiss sein.

Für Bayern München wiederum wäre ein Sieg des BVB der Supergau schlechthin, der größte anzunehmende Unfall. Eine lang anhaltende Depression dürfte für Lahm, Schweinsteiger und Co. die Folge sein, nicht mal zu vergleichen mit dem KO im letzten Jahr, als man das "Finale dahoam" leichtfertig vergeigte.

Dass das diesmal nicht passieren wird, dafür steht nicht nur die Entschlossenheit, die Spielstärke und die Focussiertheit der Mannschaft, sondern auch der altersweise Trainerfuchs Jupp Heynckes, der die Sticheleien aus Dortmund oder aus seiner näheren Umgebung, von Sammer und Co. kalt an sich abperlen hat lassen und sich auf Scharmützel gar nicht erst eingelassen hat.

Während Klopp Interviews gab, lud Jupp Heynckes seine Spieler zu sich nach Hause auf den Bauernhof und servierte ihnen Rheinischen Sauerbraten, von Hauskoch Alfons Schuhbeck zubereitet.

Auch wenn ich Bayer bin, werde ich heute Abend mit den Schwarzgelben mitfiebern und inständig auf eine kleine Sensation hoffen. Zumal ich zu jenem Teil der deutschen Bevölkerung gehöre, der den Bayern alles Mögliche an den Hals wünscht, nur nicht den Sieg, den Triumpf und die Trophäe.

Nicht wegen Jupp Heynckes, den alle, wie ich auch, überaus schätzen, als Mensch wie als Fußballfachmann. Und nicht wegen der Spieler, deren Fan ich wäre, trügen sie ein anderes Leibchen. Hier gilt nach wie vor das, was Die Toten Hosen einst im "Bayern"-Song verkündet haben: "Nur eins weiß ich hundertprozentig gewiss, nie im Leben würde ich zu Bayern gehen."

Sondern zum einen wegen der prinzipiellen "Arroganz", die der Verein bewusst ausstrahlt und befeuert und vertritt; und zum anderen wegen der zweifelhaften Praktiken und Methoden, (siehe Sebastian Deisler, siehe Adidas, siehe Leo Kirch ...), die die Vereinsführung, insbesondere der Manager Uli Hoeneß, seit Jahrzehnten an den Tag gelegt hat. Deshalb befeuert mich heute Abend, was Jürgen Klopp dem Guardian ins Mikrofon diktiert hat:

"Wenn der Fan die Geschichte der Bayern respektiert und wie viel sie seit den 1970er Jahren gewonnen haben, soll er sie unterstützen. Aber wenn er die neue Geschichte hören will, die besondere Story, dann muss es Dortmund sein. Ich denke zu diesem Zeitpunkt muss man in der Fußballwelt auf unserer Seite sein."

Damit ist im Prinzip alles gesagt. Und dem muss auch nichts weiter mehr hinzugefügt werden.

Damit könnten wir den Vorhang schließen, alle Fragen offen lassen und einer Abwandlung folgen, die einst Gary Lineker, der Sportweise des englischen Fußballs schlechthin, über die Deutschen in Umlauf gebracht hat: "Fußball ist ein Spiel, bei dem 22 Mann einem Ball hinterherlaufen, und am Ende gewinnen die Bayern."

Aber wer weiß. Adi Preißler, einem Urgestein des BVB, wird das Bonmot: "Entscheidend ist auf'm Platz" zugeschrieben. Letztes Jahr wollte man auch keinen Pfifferling für die Blues aus London geben. Doch dann kam Didier Drogba. Abgefälschte Bälle, Torwartfehler, Hinausstellungen, Fehlentscheidungen der Unparteiischen usw. - die Palette der Unwägbarkeiten, die ein Spiel prägen und im Spiel passieren können, sind groß. Wer macht heute Abend den Drogba?

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