Geboren, um zu sterben

Arrogant, lässig, scharfzüngig: Auch in seinen Erinnerungen zeigt sich der jüngst verstorbene Polemiker Christopher Hitchens als meinungsstarker Stilist, dem es vor allem um sich selbst geht

Obwohl auf Podien und TV-Studios der angelsächsischen Welt dauerpräsent und dort auch so was wie ein intellektueller Star, ist Christopher Hitchens, der auf der Lohnliste von Vanity Fair stand, für The Atlantic und Slate.com schrieb und noch bis kurz nach dem Zusammenbruch der Twin Towers Kolumnen für die linke Politpostille The Nation verfasste, hierzulande lange Zeit nur Eingeweihten ein Begriff gewesen.

"Was mich nicht umbringt, macht mich stärker" (Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung)

Dies änderte sich erst, als er sich vor ein paar Jahren an die Seite prominenter Atheisten gesellte, zu Richard Dawkins und Daniel C. Dennett, Religionen als Quelle der Intoleranz, und Gewalt bezeichnete und den Glauben an einen Christengott als blanken Unsinn abtat (vgl. Der Herr ist kein Hirte).

Vollends aufmerksam auf ihn wurde auch eine breitere Öffentlichkeit, als er im Frühjahr letzten Jahres die britische Justiz dazu aufforderte, den Papst wegen der Missbrauchsskandale Handschellen anzulegen, sollte er britischen Boden betreten (vgl: Atheisten wollen Papst festnehmen lassen).

Davor war "the Hitch", wie er sich selbst gern titulierte, vor allem mit Reportagen aus Kriegs- und Krisengebieten aufgefallen. Auch schreckte er nie vor scharfzüngig formulierten Forderungen, Statements und Urteilen gegenüber Prominenten zurück. Bill Clinton nannte er nach dessen Affäre mit Monica Lewinsky einen "Vergewaltiger" und "notorischen Lügner", Henry Kissinger wollte er am liebsten ins Gefängnis stecken und in Mutter Teresa sah er vor allem eine religiöse "Fanatikerin".

Geduckt oder gar kleingemacht hat sich Hitchens nie. Stets zeigte er Rückgrat und bewahrte Haltung. Und er hat all das auch nicht verloren, als er nach Fertigstellung seiner Memoiren vor gut eineinhalb Jahren erfuhr, dass er an Speiseröhrenkrebs erkrankt war und eine Heilung oder gar Genesung ausgeschlossen sei. Weder brach danach die Welt für ihn zusammen noch zog er sich emotional geknickt ins Privatleben zurück oder revidierte gar seine Meinung über die Religion und den Aberglauben, den er zeit seines Lebens bekämpft hatte.

Im Gegenteil: Obwohl der Krebs bereits im vierten Stadium war ("ein fünftes Stadium gibt es nicht," schreibt er lapidar im Vorwort), ging Hitchens auf Lesereise, so lange er noch die Kraft dazu aufbrachte; und obwohl er am Schluss ein Drittel seines ursprünglichen Körpergewichts verloren hatte und dank diverser Chemotherapien und "Painkiller" kaum noch die Hand führen konnte, las er begierig seine Lieblingsliteraten und schrieb weiter Kolumnen für Vanity Fair - zuletzt über Charles Dickens (vgl. Charles Dickens’s Inner Child), Dostojevski und Friedrich Nietzsche (vgl. Trial of the Will). Ganz offensichtlich konnte er nicht nur nicht anders, er hatte auch nichts Anderes oder Besseres gelernt. "Mein Leben ist Arbeit und Arbeit mein Leben", lässt er uns wissen, "und ich habe immer sehr bewusst Sorge getragen, dass ich es über alle Maßen auskoste."

Daher verwundert es auch nicht, dass er keinen Priester zu sich ans Bett bat, als es aufs Ende zuging. Bewusst, wach und aktiv wollte er den Sensenmann erleben. Beten oder gar um Gnade betteln kam ihm nicht in den Sinn. "Der Einbruch des Todes", sagt er, habe es ihm vielmehr ermöglicht, "meine Verachtung für den falschen Trost der Religion und meinen Glauben an die zentrale Bedeutung von Wissenschaft und Vernunft um eine Petisse konkreter zum Ausdruck zu bringen".

Trotz dieser Selbstüberhöhung, seines ungebrochenen Kampfgeistes und seiner bewussten Koketterie mit dem Ende war er sich seiner eigenen "relativen Bedeutungslosigkeit" überaus bewusst. Falle er aus, so sei das nichts Weltbewegendes. Danach ginge "die Party", wie er das Leben nannte, "eben ohne ihn weiter".

Um ein rechtschaffenes Leben zu führen und nicht doch irgendwann zum Dieb, Lügner, Vergewaltiger oder gar Mörder zu werden, bräuchte es weder Gott noch den Glauben an ihn. "Selbstachtung" sowie "der Wunsch, andere Menschen zu achten" reichten dafür vollkommen aus, wohingegen doch gerade die Gottesfürchtigsten allzeit bereit seien, im Namen ihres Herrn noch die schrecklichsten Schandtaten zu begehen.

So unbescheiden, offen kämpferisch und von sich überzeugt sich Hitchens auch gern in seinen Erinnerungen gibt: als "unbeugsam", wie es im Untertitel der deutschen Ausgabe heißt, und "Widerspruchsgeist", als "Störenfried" oder gar "Rebell" wollte er nicht gern gesehen werden. Das fände er nicht nur als "trivial und herablassend", gesteht er, in ihnen schwinge auch noch eine "gewisse Selbstgefälligkeit" mit. Wenn er "Autoritäten in Frage" gestellt habe, sei das weder einer "Phase" seines Lebens noch einer Laune der "Hormone" geschuldet gewesen. Vielmehr habe er sich seine Gegner, Carter, Kissinger, Clinton usw., stets gezielt und mit Bedacht ausgesucht.

Gleichwohl sei er auch kein "Einzelgänger" oder gar "Feigling" gewesen, wie man ihm mitunter unterstellte. An "Freundschaften und Gesellschaften" habe es ihm nie gemangelt. Nach beiden habe er geradezu gelechzt, wie die vielen durchzechten und durchstrittenen Nächte bewiesen. Sicher habe ihm der "Mut zum echten Soldaten oder echten Dissidenten gefehlt". Trotzdem habe er Widerstandskämpfer immer und überall unterstützt, am Hindukusch und in Mesopotamien genauso wie auf Kuba, in Bosnien oder in Nicaragua.

Um etwa herauszufinden, ob es sich um "Folter" handle oder nicht, habe er sich sogar freiwillig der "Prozedur des Waterboardings" unterzogen, auch wenn das vielleicht nicht ganz so schmerzhaft ist wie "brazilian waxing", die Haarentfernung mit heißem Wachs

Hitchens war nicht nur ein gewiefter Polarisierer, ein "Kotzbrocken", "Widerling" (oder wahlweise auch "Arschloch", der andere mit seiner renitenten Rechthaberei und seiner bewusst zur Schau getragenen Egozentrik nervte und provozierte, er war auch jemand, der mit seinen abrupten und diversen politischen Platz-, Seiten- und Stellungswechseln Freunde wie Gegner vor den Kopf schlug und mitunter in den Wahn trieb.

Anfang der Achtzigerjahre verteidigte er noch als "linksoppositioneller Marxist", der in Kuba einst die Revolution gefeiert und im Vietnam-Krieg gegen die Amerikaner erbittert polemisiert hatte, den Falkland-Feldzug der Maggie Thatcher. Und als zwanzig Jahre später die Twin Towers zusammenkrachten und George W. Bush den Irak mit fadenscheinigen Argumenten angriff, pirschte er sich unvermittelt ins Lager der neokonservativen Falken (vgl. Hitchens feiert den Irak-Krieg). Für die politische Linke war Hitchens, der Leo Trotzki und Rosa Luxemburg verehrte und Paul Wolfowitz und Ahmed Tschalabi zu seinen Freunden zählte, endgültig verloren und zum "Wendehals", "Verräter" und "Kriegstreiber" mutiert.

Auch diese Wendemanöver zeigen, dass er weder Scheu noch gar Angst vorm Aussprechen unangenehmer Wahrheiten kannte. Und zwar auch dann nicht, wenn sie ihm selbst das Leben hätten kosten können. Als etwa der Ayatollah Khomeini die Fatwa über Salman Rushdie verhängte, ergriff er unerschrocken und öffentlich Partei für den britischen Schriftsteller und geißelte all jene Verlage, Politiker und Kollegen, die den "Schwanz einzogen" und sich hinter hohlen Floskeln verschanzten. Und noch jüngst, als er in Beirut das Hakenkreuz auf dem Plakat einer Pro-Assad-Partei erblickte, beschmierte er es mit dem berühmten F-Wort, was ihm prompt eine Tracht Prügel einbrachte.

Zurückhaltung, Rücksichtnahme oder gar Demut waren für ihn Fremdwörter. Arrogant im Auftreten, brillant im Formulieren, lässig im Ausdruck - in diesen Posen gefiel "Hitch" sich am allerliebsten, vor allem, wenn er auf einem Podium Platz nahm, im Studio eines US-Kabelsenders saß und etwa mit Noam Chomsky, Charlton Heston oder Norman Finkelstein die Klinge kreuzte. Dann war er in seinem Element, dann lief er zur intellektuellen Hoch- und Bestform auf.

Was andere über ihn dachten, das hat ihn nie sonderlich interessiert. Dafür war er viel zu eitel und zu sehr von sich selbst eingenommen. War er mal von der Richtigkeit einer Sache überzeugt, und das war sehr häufig der Fall, dann posaunte er die auch lauthals hinaus. Selbst David Irving, den trotzigen Holocaust-Lügner, lud er zu sich nach Hause, um mit ihm über Geschichte und Antisemitismus zu debattieren. Hatte er sich doch mal getäuscht und bemerkt, dass er übers Ziel hinausgeschossen war, übte er sich entweder in Lakonie und spöttelte frohgemut über sich und die Welt oder flüchtete sich in Selbstironie.

Als etwa andere Bellizisten längst die Seite gewechselt und ins Lager der Irak-Kriegsgegner übergelaufen waren, verteidigte er stur und vehement den US-Einmarsch ins Zweistromland. Saddam Hussein zur Strecke zu bringen, hielt er auch dann noch für eine gute Idee, als sich das US-Desaster im Irak bereits abzeichnete, für das er die Unfähigkeit der Bush-Administration verantwortlich machte. Renitent hielt er weiter an der Behauptung fest, der Irak hätte gezielt nach Massenvernichtungswaffen gestrebt.

Auch wenn Hitchens in seinen Memoiren es lieber anders sehen mag: sein Lebensstil war alles andere als konventionell. Immer lebte er am Limit, "auf dem Siedepunkt", wie es bei Georges Bataille über den exzessiven Selbstverschwender heißt, und am Fuße des "Vulkans" (M. Lowry). Vor allem seine jüdische Mutter, die später mit einem Liebhaber durchbrannte und mit diesem dann Selbstmord beging, setzte alle Hebel in Bewegung, dass er als Dreizehnjähriger und Sohn eines britischen Marineoffiziers auf Privatschulen nach Cambridge und Oxford kam, wo er eine erstklassische Bildung erhielt.

In Oxford, wo er dann auch studierte, für Labour agitierte und seine ersten literarischen Abhandlungen im New Statesman verfasste, wurde er Trotzkist und machte sich dort bald einen Namen durch sein großkotziges Auftreten. Schon damals reiste er in viele Länder, vor allem dorthin, wo der Sozialismus auf Landgewinn aus war oder er gegen Despoten oder Faschisten verteidigt werden musste.

Als er Anfang der Achtzigerjahre endlich auch die USA besucht, das Land, in dem seiner Ansicht nach die bislang einzige, wahre und echte Revolution stattgefunden hat, gefällt es ihm dort so gut, dass er zum amerikanischen Patrioten mutiert und beschließt, dieses Land fortan zu seinem Lebensmittelpunkt zu machen.

Ausschließlich der Frauenwelt wandte er sich erst zu, als sein Körper und Aussehen für Männer nicht mehr attraktiv war. Auch wenn er nach seiner Übersiedelung in die USA nicht mehr alle "niedersaufen" konnte und "relativ umsichtig" mit dem Stoff umging, wie er meint, genehmigte sich der notorische Kettenraucher schon vor dem Lunch, zu dem er nicht selten eine Flasche Rotwein genoss, einen vierstöckigen Whisky bevorzugt der Marke Johnny Walker Black Label.

Vor allem das "bernsteinfarbene Stärkungsmittel", das "andere Leute weniger langweilig und Speisen weniger fade" macht, hatte es ihm angetan und diente ihm weiterhin als Hort der "Inspiration fürs Lesen oder Schreiben."

Vor einem Monat, am 15. Dezember letzten Jahres, starb "Hitch" zweiundsechzigjährig im Hospital von Houston in Texas, aufrecht, stolz und in aller Würde, wie es heißt. Der exzessive Raubbau an seinem Körper, das ständige Saufen und Rauchen, Reisen und Durchzechen der Nächte forderte seinen Tribut.

"That he not busy being born is busy dying" ("Wer nicht ausgelastet geboren wird, ist damit beschäftigt zu sterben") - diese Zeile aus Bob Dylans It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding), dessen Songs Hitchens überaus liebte und die er in seiner vorletzten Kolumne für Vanity Fair zitierte, war Fleisch und ihm zum Verhängnis geworden.

Speiseröhrenkrebs kommt zwar höchst selten vor, vor allem in Europa. Doch wenn, dann trifft die Krankheit vor allem Männer jenseits der fünfundfünfzig, und da besonders jene, die unkontrolliert Hochprozentiges in sich hineinschütten und obendrein reichlich dem Nikotin frönen.

Von Hitchens, zumal von einem Briten, hätte man einen etwas besseren Geschmack in Sachen Whiskey erwartet. Ein ausgewählter Single Malt von der Insel hätte ihm sicher besser entsprochen. Auf seine Memoiren trifft dieses Urteil wiederum nicht zu. Sie sind mit viel Gleichmut und Selbstdistanz, ohne Larmoyanz und Bitternis, bestimmt im Urteil und in stilvoller Eleganz formuliert.

Trotz deutscher Übersetzung wird deutlich, dass hier ein einzigartiger Stilist am Werk ist und die Welt fortan um einen großartigen Essayisten und Journalisten ärmer ist. Hierzulande sucht man solche Typen leider vergebens. Mir fällt ad hoc niemand ein, der auch nur annähernd Hitchens Format hätte. Darum sei seine Selbstbiografie allen Geneigten innigst ans Herz gelegt.

Christopher Hitchens: The Hitch. Geständnisse eines Unbeugsamen. Aus dem Englischen von Yvonne Badal. Blessing, München. 658 S., 22,95 Euro.

Kommentare lesen (140 Beiträge)
Anzeige