Girls, Girls, Girls

Die Popfeuilletonisten maulen und mäkeln wieder mal herum. Diesmal über Madonnas neues Album. Dabei ist MDNA doch nur, was alle wollen, nämlich: simpler Pop

Madonna hat ein neues Album veröffentlicht. Und das nach vier Jahren wieder einmal. In neunundzwanzig Jahren erst das zwölfte, was nicht besonders viel ist. Damals, 1983, als ihre Karriere begann, und sie mit "Like A Virgin" ihren ersten Singlehit landete, war sie schon fünfundzwanzig. Ziemlich alt, wenn man an die Konkurrenz denkt, an Lady Gaga, Katy Perry oder Rihanna, die sich alle im Fahrwasser der Popqueen aufhalten und von den Schneisen profitieren, die Madonna ins Popgeschäft geschlagen hat.

Mittlerweile hat Frau Louise Ciccone, wie sie mit bürgerlichen Namen heißt, die Fünfzig überschritten. Sie ist, wie man so schön sagt, im reifen Alter, da, wo andere Oma werden und ihre Enkel herzen. Erst jüngst haben wir anlässlich des neuen Werkes von Nada Surf ein bisschen über jene "Altersdepression" nachgedacht, die Sportler und Pop-Künstler befällt, wenn der jugendliche Elan nachlässt, die Frage nach dem Wozu und Wofür mächtiger wird und man sich mental schlapp und ausgebrannt fühlt.

Von solchen Widrigkeiten scheint Madonna bislang verschont zu bleiben - trotz des neuerlichen Trennungsschmerzes. Die Performance, die sie jüngst in der Pause der Super-Bowl hingelegt hat, zeigte, dass ihr das Alter bislang nichts anhaben kann. Zwar fegte sie nicht mehr so leicht, kraft- und schwungvoll über die Bühne. Wobei damals immer schon der Verdacht mitschwang, es handle sich vermehrt um Konserven, die vom Band zugespielt werden (ein nicht unbegründeter Verdacht, wie jeder selbst weiß, der schon mal versucht hat, bei Aerobic lauthals mitzusingen). Dafür dirigierte sie umso fordernder Tänzer und Mädels herum, die ihr zu Diensten sein mussten.

Die Fitnesskur, die sie allmorgendlich auf ihrer Powerplate, ihrem Cross- und Personaltrainer absolviert, zeigt jedenfalls Wirkung. Für die andere, was Aussehen, Ausstrahlung und Ästhetik angehen, sind entweder Fotografen und Bildspezialisten zuständig, wie man dem Cover und Begleitheft zu Album und Single entnehmen kann. Oder Schönheitschirurgen, die das eine oder andere Push-up am Körper anbringen oder das eine oder andere Fältchen mittels Botox und anderer chemischer Zusätze ( Zwischen Biologie und Botox) zum Glätten bringen.

Doch was soll's. Zum einen machen das, wie man hört, auch schon Vierzehnjährige; zum anderen ist Madonna neben ihrer Entertainertätigkeit vor allem auch Unternehmerin in Sachen Pop. Sie steht wie einst Andy Warhol einer Firma vor, die eine Vielzahl von Leuten beschäftigt und die ein Produkt verkaufen will und muss. Und dieses Produkt, das sie anbietet und das massenhaft und weltweit vertrieben und gekauft werden soll, ist ein Gut, das in Mode und Sex macht, dabei auf Stil achtet, mit Glamour daherkommt und auf Hochglanz getrimmt ist.

Altern oder gar Verfallsdaten sind darin nicht vorgesehen. Warum auch? Im Pop hat es das nie gegeben. Mithin war es auch Anathema. Also, Mädels und Damen des Feuilletons, warum sich ausgerechnet jetzt darüber so echauffieren ( Jetzt wird's aber Gaga, Lady, Madonnas peinlicher Versuch, cool zu sein; Madonna klammert sich an ihren Thron; Vom vergeblichen Kampf des Älterwerdens; Und sie wird immer jünger? Wollt ihr nicht auch irgendwie Pop sein? Auch als Wählerinnen der SPD, der Linken oder der Grünen? Ein bisschen zumindest?

Auch mit fünfzig oder sechzig kann man noch in Mini oder Röhrenjeans, mit knallroten Lippen und wehender Haarmähne herumlaufen, wenn man die Figur und das Aussehen dafür hat und sich darum bemüht. Soll Madonna, nur weil sie jenseits der fünfzig ist, jetzt etwa so tattrig und faltig daherkommen wie Keith Richards, der mit dreißig schon so ausgesehen hat? Oder gar wie Bob Dylan, der, obwohl er seine Finger kaum noch bewegen kann, immer noch auf Achse ist, von dem plötzlich aber gesagt wird, er sei in Würde gealtert? Warum fordert man ausgerechnet von Madonna, sie solle sich demütig zeigen, endlich ihr Alter akzeptieren und sich für ein Alterswerk entscheiden? Und das auch noch, im performativen Selbstwiderspruch, von Geschlechtsgenossinnen, die herumzicken und sich dabei wie "Stuten" aufführen?

Vergleicht man Madonna mit anderen Emporkömmlingen der letzten Jahre, mit Lady Gaga etwa ( Sei natürlich! Sei, der du bist), dann kann ihr keine davon irgendwie das Wasser reichen. Es gibt niemanden, der auch nur annäherungsweise so erfolgreich in dieser Branche ist wie sie. Und das schlappe dreißig Jahren lang. Weltweit hat sie über 300 Millionen Platten verkauft, diverse ausverkaufte Stadiontouren hinter sich und sieben Grammy Awards eingeheimst. Damit ist sie nicht nur die erfolgreichste Sängerin aller Zeiten, allein dadurch gehört sie mittlerweile auch zum "Kulturwelterbe" wie die Beatles, Songs von Oasis oder der Surfer-Sound der Beach Boys.

Sicherlich war, was gar nicht zu vermeiden ist, darunter auch der eine oder andere Flop. Ihr Versuch etwa, zu schauspielern oder gar Regie zu führen, ging häufig daneben. Doch sie hat sich trotz alledem durchgebissen, und das in einem Genre, das vorher fast ausnahmslos von Männern und ihren Werten dominiert war und zum Großteil noch immer ist. Das muss ihr eine der Performance-Künstlerinnen, von denen jetzt behauptet wird, sie würden am Thron der Pop-Queen kratzen und ihren Beißreflex aktivieren, erstmal nachmachen. Vor allem die Lady, die sich Gaga nennt, und vor der viele Popkritiker gern auf die Knie gehen.

Zumal es Madonna war, die ausnahmslos alle Masken, Schminke und Mimikry, die die Postmoderne der Maybe-Frau einst geboten hat, längst aus- und erprobt sowie durchgespielt hat. Was es nebenbei bemerkt auch so schwer macht, innovativ zu werden. Nicht nur für potentielle Thronfolgerinnen. Sondern eben auch für Madonna selbst. Neue Pfade, die auch sie betreten könnte, gibt es derzeit nicht. Darum machen auch alle in Retro ( Pop ist tot, es lebe der Sound). Alle Zeichen, Bilder und Symbole sind mittlerweile bestellt, zugestellt und damit auch verstellt - vor allem von und durch Madonna.

Alle Rollen hat sie selbst beackert. Sie war: Gotteslästerin und Veganerin, Revolutionärin und Dancequeen, Countrygirl und Feministin, Jungfrau und Schlampe, Mauerblümchen und Mutter. Nichts, von dem, was der Markt und der Alltag an Fantasien, Modellen und Kippbildern aktuell bietet, hat sie während ihrer Karriere ausgelassen. Neues oder gar Revolutionen ausgerechnet von ihr zu erwarten, darüber mäkelt und lästert allein das Popfeuilleton, das sich danach lieber "dem Dubstep widmet", wie der Rolling Stone dazu jüngst sehr schön bemerkt hat.

Und diese Zunft würde vermutlich weit weniger maulen und motzen, wenn Madonna, wie gerade eben Bruce Springsteen, der Ü-Sechzig-Rock'n'Roller, auch die Klassenkämpferin und Anti-Kapitalistin geben würde. Immerhin ist Occupy und Kapitalismuskritik, Lenin und das Hipster-Wesen gerade ziemlich angesagt in den Kulturredaktionen aller großen Zeitungen. Auch weil es chic ist und ihnen sonst nichts Besonderes einfällt.

Dann würden sie ihr wohl auch keine "Würdelosigkeiten" und "Altdamenfantasien" unterstellen oder hinterherwerfen, nur weil sie sich immer noch in Netzstrümpfen und High Heels, halbnackt und in Spitzendessous ablichten lässt statt auf Schottenrock (was sie im Übrigen auch schon gemacht hat), Pullunder und Orangenhaut zu machen, von "Bitches" und "Girls" schwadroniert, die "wanna get fun" haben wollen oder ihrem Lover gegebenenfalls, wenn es ihnen in den Kram passt, in den Kopf schießen,

Doch vor solcher duseligen Anbiederung an das gehobene Feuilleton schützt sie nicht nur ihre Profession als Geschäftsfrau. Die Kämpferin wider Profitgier und Kohle, die im Zucotti-Park zeltet, Protestplakate malt und nebenbei Mark Greif ein Interview gibt, würde ihr wohl auch keiner dieser alten und neuen Nörgler und Herummäkler abnehmen. Nicht mal der wohlgesonnenste Kritiker.

Über ihre Ambitionen ("Material Girl") hat sie schon früher nie einen Hehl gemacht. Vergessen scheinen längst jene Glückwünsche, die man noch vor fünf Jahren an sie adressiert hat, zum Vermarktungs-Deal mit dem amerikanischen Tour-Veranstalter Live Nation, der ihr 120 Millionen Dollar in zehn Jahren garantiert. Sowie jene zu ihrem Geburtstag, den ausgerechnet der Suhrkamp Verlag gewürdigt und ihm ein Bändchen gewidmet hat ( Madonna und Wir).

Und weil Madonna angesichts des Erfolgs, den sie gemacht hat, niemanden mehr etwas beweisen muss ("I don't care what people say"), nicht mal irgendwelchen Popkritikern und Feuilletonisten, ob das, was sie macht auch "kulturell relevant" ist und/oder "eine Botschaft" beinhaltet, macht sie inzwischen genau das, was sie gelernt, was ihr Spaß und was sie immer schon gemacht hat.

Sie tanzt und fordert andere dazu auf, es ihr gleichzutun ("dance our lives away"). Dafür heuert sie, weil sie es sich angesichts ihres Vermögens und Bankkontos einfach leisten kann, die teuersten und derzeit angesagtesten Produzenten an, neben den House- und Eurobums-Spezialisten Martin Solveig und Benny Benassi auch wieder William Orbit, der zwar von Neunmalklugen schon als DJ-Rentner bezeichnet wird, der aber auch für gut die Hälfte aller Songs verantwortlich zeichnet.

Und sie lässt sich ausgiebig und selbstbewusst von anderen feiern. Am besten von Girlies (M.I.A. und Nicki Minaj), die sie kraft ihres Charismas und Erfolgs anhimmeln, ihr streng ergeben sind und hoffen, von ihrer Aura zu profitieren. Um das auch ebenso artig wie gehörig zu zeigen, schmettern sie ihr cheerleadermäßig, als wären sie im Football- oder in der Stierkampfarena, auf ihr demonstratives Fragen stets ein wohlgefällig-unterwürfiges "Madonna" entgegen.

Das mag zwar alles etwas plump, durchsichtig und aufgetragen wirken. Doch die Botschaft, die das vermitteln soll, ist eindeutig: Sie signalisiert allen, wo der Hammer hängt, woran sich alle anderen auch künftig messen lassen müssen. Madonna ist immer noch die Größte auf ihrem Gebiet. "There's only one queen, and that's Madonna - bitch", heißt es selbstbewusst auf "I Don't Give A". Niemand soll sich Illusionen hingeben: Der Thron der Popqueen ist besetzt und alles andere als leer.

Gewiss ist MDNA, ihr jüngstes Album, kein großer Wurf. Als Meilenstein der Popmusik wird es in die Pophistorie sicherlich nicht eingehen. Das sollte es auch gar nicht. Trotzdem werden Songs und fette Beats diesen Sommer garantiert aus Zigtausenden von Cabrios bollern und die Lautsprecherboxen auf Mallorca, auf Mykonos oder in Sharm el Sheikh zum Wummern bringen. Und dort, in den Tanztempeln dieser Welt, wird sich niemand darum kümmern, wie oft die Mitfünfzigern "Girl", "Bitch" oder "Love" intoniert, wie unsere PopfeuilletonistInnen nicht müde werden, in ihrem kleinmütigen Genöle penibel vorzurechnen.

Mir jedenfalls bereitet der Sound großen Spaß. MDNA ist zwar nicht ganz so schwungvoll geraten wie noch "Confessions On the Dancefloor". Doch die Produktion ist vorzüglich und überzeugt, die Stimmigkeit der Songfolgen auch und vor allem die Beats, die "Girl Gone Wild" und "Give Me All Your Luvin" mitunter generieren, hauen voll rein, vor allem die Basstöner.

Mit "Superstar" ( Uh-la-la, you are my a superstar. Uh-la-la, that's what you are) oder "Turn Up the Radio" gibt es sodann auch was fürs Ohrwürmchen. Und mit "Gang Bang" und dem schon zitierten "I Don't Give A" finden sich schließlich noch zwei Grooves, die eher etwas dunkel und gruselig daherkommen, und von denen Moritz von Uslar behauptet hat, sie wären "fürs Vögeln zu düster" ( Süchtig nach Madonna).

Das müsste erst mal ausprobiert werden. Für die Minuten davor und statt der obligatorischen Zigarette danach können dann vielleicht die drei letzten Songs herhalten. Auf "Love Spent", dem grandiosen "Masterpiece" und "Falling Free" beweist Madonna nämlich erneut, dass sie nicht nur hervorragenden Stampfbeat herausbollern und generieren kann, sondern auch eine Meisterin der leisen Töne ist, diese nicht nur beherrscht, sondern sie auch sehr gefühlvoll rüberbringen kann.

PS: Wer tatsächlich meint, das mit MDNA das Spätwerk Madonnas beginnt, der kann sich ab nächstem Wochenende ihr komplettes Frühwerk zum Preis von knapp 30 Euro zulegen. Da erscheinen dann alle elf Studioalben, von 1983 bis 2008, gesammelt in einer Box.

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