Gott ist tot, aber Ozzy lebt

Dreiundvierzig Jahre scheinen eine Ewigkeit zu sein. Für den Rock 'n' Roll gilt das offensichtlich nicht, er ist zeitlos. Das beweist nicht zuletzt das grandiose Alterswerk von Black Sabbath.

Noch immer sehe ich die mitleidigen Gesichter meiner Kumpels, als ich ihnen im Frühjahr des Jahres 1970 stolz meine neueste Errungenschaft präsentierte, das Debüt einer Band, die sich und ihren Erstling etwas mysteriös Black Sabbath nannten. Und man kann nicht gerade behaupten, dass sich ihre Mienen nach dem Hören der ersten Geräusche und Klänge aufhellt haben. Im Gegenteil!

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Die verwaschene Dartmoor-Landschaft mit den verfallenen Ruinen auf dem Cover und einer geheimnisvollen Frau in der Mitte, die den Betrachter unvermittelt an einen Edgar-Wallace-Film aus den Fünfzigern denken ließen, die düsteren Grooves des Bassisten "Geezer" Butler und die verschleppt-verzerrten Riffs des Gitarristen Tony Iommi, die einem Glockengeläut, Gewitter- und Donnerstürzen mit einsetzendem Nieselregen folgten, waren gewiss unüblich und für manche Ohren gewöhnungsbedürftig

Deren ablehnende Haltung und Reaktion waren also durchaus verständlich. "Was willst du denn mit diesem Sch ..." - waren so die Kommentare, die mir damals entgegenschlugen und die mir beim Hören des neuen und, besser noch, beim Schreiben über das grandiose Alterswerk der Ü-60 Rocker wieder in den Sinn kommen.

Und in der Tat konnten einem die schwermetallenen Klänge, die die vier Jungs aus dem englischen Kaff Aston nahe Birminghams anschlugen, schon etwas auf den Magen schlagen. Vor allem bei jenen, die auf die Schnellfinger der Branche standen, auf Alvin Lee, Peter Green oder Eric Clapton von "Ten Years After" oder "John Mayall's Bluesbreakers", oder der Fusion aus Klassik, Psychedelic-Rock oder Jazz auf der Spur waren und bei "Jethro Tull" und "The Nice", bei "King Crimson" und "Pink Floyd" fündig wurden, lieber dem Kauzigen nachstellten, "Frank Zappa" und seinen "Mothers of Invention" etwa, oder sich doch lieber auf die Seite der Hippies schlugen und den uferlos dahinmäandernden Songs der "Grateful Dead" oder der Magie einer Grace Slick verfielen.

Was im Prinzip und, im Nachhinein betrachtet, auch heute noch Kopfschütteln verursachen mag. Zum einen hatten "Led Zeppelin" und Rory Gallagher mit "The Taste" den Bluesrock und "Deep Purple" den Hard Rock längst in unsere Herzen getragen; zum anderen fanden sich alle diese Elemente, die meine Freunde goutierten, der Blues genauso wie das virtuose Gitarrensolo, das Jazzige gepaart mit einem Hauch von Klassik, mehr oder minder auf dem Debütalbum wie auch später auf den Nachfolgern. Zudem war Geezer Butler einer der ersten, der den Bass zu einer zweiten Leadgitarre umfunktioniert hatte.

Dass die Platte, die, wie wir dank Ozzy Osbourne wissen, in rekordverdächtigen zwölf Stunden aufgenommen wurde, von der Kritik anfangs verrissen, aber von den Kunden und Hörern rege gekauft worden war, wusste ich damals freilich nicht. Dass Regen, Gewitter und Donner, die den titelgebenden Song vorangestellt wurden, erst im Nachhinein von dem Produzenten ohne Wissen der Bandmitglieder eingespielt worden war, ebenso wenig. Und das die Band später mal Anlass zu philosophischen Erörterungen werden, der Flirt mit dem Satanischen und Okkulten mal als "Umarmung des Göttlichen" und Kleinausgabe von Nietzsches "Also sprach Zarathustra" gefeiert und gedeutet würde, erst recht nicht. Das wäre mir damals, ehrlich gesagt, auch am Allerwertesten vorbeigegangen.

Was mich seinerzeit zum Kauf der Platte bewegt hatte, und zwar ohne zuvor in sie hineingehört zu haben oder von anderen darauf aufmerksam gemacht worden zu sein, ist relativ rasch erklärt. Emotional befand ich mich zu jener Zeit in einem Zustand, den wir seinerzeit gern mit dem Begriff "Deprimo" umschrieben haben. Gewiss waren, wie das bisweilen in der Pubertät mehr oder minder mal so üblich ist, auch etliche andere meiner Zeitgenossen auf diesem nicht gerade "fröhlichen Trip". Bei mir hinterließ diese Phase des Heranwachsens vielleicht etwas mehr Spuren als bei anderen Jungs und Mädels meiner Clique.

Darum überraschte es auch nicht sonderlich, dass mich zunächst mal das Cover, dann der Bandname und schließlich die Haltung, der Stil und der Sound, die die Platte transportierte, mich irgendwie magisch anzogen. Wäre ich ein Jahrzehnt später geboren worden und hätte meine Pubertät Anfang der 1980er ausgelebt, wäre ich vermutlich auf Gothic abgefahren und/oder dem New Romantic Look verfallen. Da es zu dieser Zeit noch nicht gab, musste halt "Black Sabbath" als Projektionsfläche für all die versteckten, absonderlichen und unartikulierbaren Wünschen und Sehnsüchte, die einen Heranwachsenden so plagen, herhalten.

Die Vorliebe für das Düstere, Dunkle und Schaurige überdauerte später auch noch den Nachfolger, das mir, obwohl "Paranoid" von den Kritikern meist als das bessere und ausgefeiltere Werk gefeiert wird, längst nicht so meinen Geschmack traf wie der Erstling. Der dunkle Sound und satanische Kult, den Black Sabbath auf ihrem Debüt zelebrierten und mit den Songtexten heraufbeschworen, ließ mich aber auch zu Bands, die sich "Black Widow" (Sacrifice) oder "Atomic Rooster" (Death Walks Behind You) nannten, greifen, die sich zur selben Zeit formierten und zeitweilig sogar erfolgreicher waren als "Black Sabbath".

Im Fall von "Atomic Rooster" mit dem ver-rückten Organisten Vincent Crane an den Tasten, erinnere ich mich noch, dass dieser anno 1972, beim Rock-Festival in Germersheim, nachdem es Streit mit dem Drummer Buddy Miles und seiner Band um die Auftrittszeit gegeben hatte, im Drogenrausch und um drei Uhr nachts unvermittelt von der Bühne stürzte und von Helfern nur mit Mühe wieder noch oben gezerrt werden konnte. Mitte der 1980er stieg er für zwei Jahre bei "Dexy's Midnight Runners" ein und verstarb 1989 folgerichtig an einer Überdosis Tabletten.

Zu weiteren Käufen derartiger Platten konnte ich mich danach nicht mehr durchringen. Zwar fanden die beiden Nachfolger, "Master of Reality" und das schlicht "Vol 4" betitelte Album, bald auch jüngere Abnehmer, die zu unserer auf Clanstärke angewachsenen Clique stießen. Und auf gemeinsamen Treffen, die denen von Flashmob-Partys, wie man das heute wohl nennen würde, in nichts nachstanden, versuchte ich auch immer mal, wenn die Gelegenheit günstig schien und die meisten dank diverser Stimuli nicht mehr ansprechbar oder ganz bei Sinnen waren, meine gelegentlich aufgeflammte Lust nach düster und schwermetalligen Klängen zu befriedigen und das kernige "Children Of The Grave" oder das groovende "Sweat Leaf", das ungemein rockige "Supernaut" oder klug entschleunigte "Snowblind" aufzulegen. Das änderte aber nichts daran, dass ich alsbald den Zugang und das Interesse an Band und dem ganzen okkultistischen Brimborium, der sich bald drumherum angesammelt hatte, verlor.

Was der eigentliche Grund für mein Desinteresse war, vermag ich aus heutiger Sicht nicht mehr mit Gewissheit zu sagen. War es die Monotonie des Sounds, die Wiederkehr des Gleichen, die "Black Sabbath" meinem Eindruck nach boten. Waren es neue Mädchenbekanntschaften oder einfach ein anderer Musikgeschmack, die mich der Interesselosigkeit verfallen ließen. Jedenfalls bekam ich von "Sabbath Bloody Sabbath" und "Sabotage", die noch Mitte der 1970er folgten, ehe man Ozzy Osbourne wegen unsteten Lebenswandels aus der Band warf, nur noch am Rande mit.

Und wohl auch nicht ganz zu unrecht, wenn ich mir vor Tagen diese beiden Platten auf Rad und Crosstrainer noch mal zu Gemüte geführt habe. Vom Zauber und der Magie, den die beiden Erstlingswerke ausstrahlten und mich damals in ihren Bann zogen, war, auch wenn mancher Metal- und/oder "Black Sabbath"-Fan mir heftig widersprechen wird und das anders sehen dürfte, nicht mehr viel übrig geblieben.

Bis vor ein paar Jahren wusste ich nicht einmal, dass die Band einen neuen Sänger eingestellt hatte, Ronnie James Dio, der vor drei Jahren einem Krebsleiden erlegen ist. Und ich wusste auch nicht, dass die Band danach noch munter weitere Platten produziert, bei den Heavy-Metal.Fans weiter hoch in Kurs gelegen und Ozzy Osbourne zusammen mit dem viel zu früh bei einem Flugzeugunglück verstorbenen Gitarrenwunderkind Randy Rhoads eine mehr oder minder erfolgreiche Solokarriere hingelegt hatte.

Dass ich die Karriere der Band aus den Augen verloren hatte, verwunderte allerdings nicht. Denn Heavy Metal war bei mir, anders als bei manchen Kollegen von der schreibenden Zunft, kein Genre, das musikalische Begeisterungsstürme auslöste. Schon deswegen konnte ich mich für alle späteren Epigonen, die den düster dahingrollenden Sound der "Black Sabbath" kopierten und/oder diversifizierten, für "Van Halen", "Iron Maiden" und "Mötley Crüe" ebenso wie für "Metallica", "Slayer" oder "Slipknot" nicht erwärmen. Bis auf den heutigen Tag kann ich mit dem thrashigen und speedigen Sound und mit all ihren Insignien, von Totenköpfen und Frakturschrift über Bierdosen, geballten Fäusten und Headbanging bis hin zu nackten Oberkörpern und Lederkleidung, sieht man mal von Lemmy Kilmister und seinen "Motörhead" ab, nicht viel anfangen.

Hard oder Heavy Rock, den "Deep Purple" oder "Black Sabbath" zu jener Zeit spielten, unterschied sich doch sehr von dem, was man später unter Heavy Metal und ihren diversen Ablegern wie Black Metal, Thrash Metal, Speed Metal oder gar Nu Metal verstand. Hinzu kam, dass der gebremste mollige Sound nicht ganz freiwillig daherkam. An seiner letzten Arbeitsstelle, in einem Stahl- und Walzwerk, schnitt sich Tony Iommi zu Beginn seiner Karriere Teile seiner Fingerkuppen der rechten Greifhand ab. Seitdem verwendet er nicht nur Plastikfingerkuppen und dünnere Seiten, er legte auch, damit die Saiten nicht so straff gespannt werden müssen und die Finger dadurch entlastet werden, die Gitarre um drei Halbtöne tiefer, was dann zu jenen kurzen und prägnanten Riffs, dem spezifisch düster verschleppten Sound führte, für den "Black Sabbath" die Urheberschaft beanspruchen können.

Auf die Band stieß ich gut dreißig Jahre später erst wieder nach ihrer ersten Reunion-Tour, deren Ergebnis eine Doppel-Live-CD war, die ich meinem heranwachsenden Sohn, der sich urplötzlich für Heavy Rock zu interessieren schien, zu Weihnachten schenkte. Seine Begeisterung für das Werk hielt sich allerdings, wie ich feststellen musste, in Grenzen. Und ich konnte seine Zurückhaltung durchaus nachvollziehen. Die Qualität, die auf dem Werk von den vier Bandmitgliedern geboten wurde, war, um es gelinde auszudrücken, eher dürftig. Vor allem was die stimmlichen Leistungen von Ozzy Osbourne angeht.

Auch die Fernsehkarriere, die Ozzy Osbourne Mitte der Nullerjahre zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern samt Hund anstrebte und die ihn weitweit berühmt machte, bekam ich eher beiläufig mit. Den liebenswerten Vollpfosten, den er da mimte, den Schabernack, den seine Kinder mit ihm trieben, und den Kommandoton, den seine Frau Sharon ihm gegenüber anschlug, behagten mir nicht. Zu offensichtlich war, dass es seiner geschäftstüchtigen Frau eher darum ging, mit seiner schleichenden Debilität Kasse zu machen. Immerhin begeisterte sich urplötzlich meine Frau eine Zeitlang für den "Trottel", sodass ich ihr die Kompilation seiner erfolgreichsten Songs besorgte.

Mein Interesse für "Black Sabbath" und den "Prince of Darkness", wie man den ehemaligen Sänger der Band später nannte, flammte jedoch erst dann richtig wieder auf, als der Sänger vor vier Jahren mit Hilfe von Chris Ayers seine Biografie veröffentlichte, die von überraschend humorvollen und selbstironischen Interviews, publizistisch befeuert wurden.

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Was angesichts seiner Drogenkarriere, seiner Eskapaden und Fehltritte, die er in all den Jahren auf der Bühne oder im Alltag erlebt und unternommen hatte, allein und für sich genommen schon ein Ereignis war und vor allem eine Meisterleistung des Ko-Autors darstellte, dem es gelungen war, all diese bruchstückhaften und zerstreuten Telefonaufzeichnungen in eine überaus lesenswerte und witzige Form zu bringen. Zumal er dank all der Enhancer, die er im Laufe seines vierzigjährigen Bühnenlebens geschluckt hat, einzeln, in Kombination oder alle gleichzeitig (eine Zeitlang soll er nach eigener Auskunft bis zu vier Flaschen Cognac pro Tag in sich hineingeschüttet haben) sein Gedächtnis nicht mehr in Griff hatte.

Aus all diesen Veröffentlichungen wissen wir, dass die Musik der Beatles und Ozzys Bekanntschaft mit Toni Iommi, der ihn häufig vor den Zugriffen anderer Kerle beschützten, die eigentliche Initialzündung für die Gründung der Band waren. Rasch einigte man sich darauf, "keinen Hippie-Scheiß" spielen zu wollen, sondern zähflüssigen Rock, den man, um sich von anderen Bands der damaligen Zeit zu unterscheiden und bei der Musikkritik aufzufallen, mit Totengräbern und Satanskult, mit Lucifers Händen und endzeitlichen Stimmungen garnierte.

In einem Gespräch mit der "Süddeutschen" anlässlich der Veröffentlichung seiner Biografie gestand er seiner Interviewerin: "Ich habe nichts mit Satanismus am Hut, meine Güte. Bisschen schwarzes Zeug, ein paar Totenköpfe, mehr nicht, eine gute Show eben. Das gehört zur Musik dazu. Man darf das nicht so ernst nehmen." Damit stieß er in das selbe Horn, das zuvor schon Roger Daltrey und Pete Townshend für "The Who" reklamiert hatten: Die Zerstörungsorgien, die sie auf der Bühne zelebrierten und mal um mal professionalisierten, waren nur gespielt und Teil der Show.

Dass Ozzy Osbourne Ameisenkolonnen sniffte; dass er einer lebendigen Fledermaus, die ein Konzertbesucher auf die Bühne warf, den Kopf abbiss; dass er den Führerschein nach 35jähriger Übung endlich bekam; dass er im Drogenrausch den Hühnern seiner Frau mit einer Schrotflinte die Köpfe abschoss; dass er mit einem Quad, der ihm auf den Körper fiel, beinahe das Zeitliche gesegnet hätte; und dass ausgerechnet er eine Zeitlang eine Gesundheitskolumne für die "Times" schrieb - all diese Geschichten sind mittlerweile weidlich bekannt und in der Presse auch breit ausgewalzt worden.

"Alles in allem", erklärt er dazu in seiner Biografie, "bin ich eine medizinische Sensation. Ich sollte meinen Körper dem Gemeinwohl stiften. Man kann mit ihm einige Tage leben, aber keine Jahrzehnte. Es gab Zeiten, da habe ich vier Flaschen Cognac am Tag getrunken.“ Und wenn man dazu bedenkt, dass auch Toni Iommi noch letztes Jahr an Lymphdrüsenkrebs erkrankt war, der trotz einer frühen Strahlenbehandlung und Chemotherapie nicht besiegt werden konnte, dann grenzt es tatsächlich an ein mittleres Wunder, dass das lange angekündigte Spätwerk "13", das seit dem 7. Juni zu haben (und mittlerweile auf Platz 1 der deutschen Albumcharts) ist, doch noch zustande kam.

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Anfangs, ich gebe es gern zu, war ich sehr skeptisch. Auch wegen all der Meldungen, die von "Universal" scheibchenweise geliefert wurden. Doch als "God is Dead" im Netz auftauchte und ich den ersten Appetizer zum ersten Mal hörte, war ich sofort elektrisiert und danach noch einige Zeit ganz benommen. Ich spürte sofort wieder den Zauber und die Magie, die mich einst befallen und die mich in ihren Bann gezogen hatten. Alles war wieder da: der verschleppte, zähe und eingebremste Sound, für den die Band berühmt war, der Tempowechsel in der zweiten Hälfte des fast Neunminüters, das obligatorische Solo des "Iron Man", das wie in Stein gemeißelt daherkam, die überraschend frische, dank digitaler Technik makelfrei klingende Stimme Ozzys, sowie der unvermittelte Abbruch, der vielen Songs eigen ist.

Gott mag zwar seit hundertfünfzig Jahren tot sein, wie "der tolle Mensch" im berühmten Passus 125 aus der "Fröhlichen Wissenschaft" Nietzsches verkündet; und Kanye West mag sich auf seinem neuesten Werk "Yeezus" für einen Gott halten ("I Am A God"), aber "Black Sabbath" leben besser und grandioser denn je zuvor. Das waren so meine Gedanken, die im Kopf herumspukten

Als ich dann endlich die Gelegenheit hatte, die acht Songs im Zusammenhang zu hören, bestätigte sich nicht nur der Eindruck. Es ist einfach großartig, was die Jungs unter der Anleitung von Rick Rubin da hinbekommen haben. Majestätisch düster klingt der Sound, doomig und bedrohlich walzen die Songs daher, ehe sie in einen kurzen Taumel verfallen, um danach gleich wieder ausgebremst zu werden. Es scheint, als ob der Dom St. Peter seinen Segen dazu gegeben hätte.

Obwohl jeder Song eine eigene Art von Skulptur erzeugt, wirken die Songs nicht zusammenhanglos aneinandergereiht, vielmehr genau aufeinander abgestimmt. Dem endzeitlichen Szenario, der Apokalypse, folgt stets ein heilsgeschichtliches Motiv, das mehr oder minder in eine Reinkarnation mündet. Beim ersten Hören erschien es mir daher auch für kurze Zeit, als ob die Geschichte eine Zwangspause eingelegt hätte, für einen kurzen Moment die Zeit fast ein halbes Jahrhundert stillgestanden wäre. Nicht zufällig endet die Platte bekanntlich mit einer Reminiszenz an das Debüt, mit dem berühmten Glockengeläut und bald einsetzendem Regen, der alles Ungemach beseitigt und alles Unheil reinwäscht.

"Rasender Stillstand" hatte der mittlerweile vergessene Bunkerforscher und Dromolge Paul Virilio das in den 1980ern genannt. Wer ein Paradebeispiel für die allerorts beklagte "Retromania" in der Rockmusik sucht, der wird bei "13", dem Alterswerk von "Black Sabbath", fündig werden. Selten hat es eine Band geschafft, ihre Vergangenheit in eine "Flaschenpost an die Zukunft" zu packen. "Vergangene Zukunft" könnte man dazu mit Anleihen beim verstorbenen Bielefelder Historiker Reinhart Koselleck sagen.

Zu recht ist das Album in allen "un-musikalischen" Medien gefeiert worden, in der "taz" und der "Welt", in der "FAZ" und der "SZ", im "Tagesspiegel" und in der "Berliner Zeitung".

Zu Recht sprach der "Spiegel" vom "Rock-Ereignis des Jahres". Sogar der "Cicero", der bislang nicht gerade für derlei Berichte bekannt ist, ließ sich zuletzt zu einer Hommage an die alten Männer hinreißen.

Und in der Tat ist "13" nicht nur ein heavy rockendes Vergnügen, sondern vielmehr ein schwermetalliges Naturereignis, das die romantische Umkehrlinie vom Organischen zum Mineralischen, Metallischen des Maschinenphylums fortführt, den Weg, den die Helden Novalis', Tiecks und Hoffmanns einschlugen, als sie unterirdische Berghöhlen und Bergschächte oder die Stein- und Eiswüsten der Hochgebirge aufsuchten, wo laut Deleuze/Guattari "der Geist die Materie berührt und jegliche Intensität lebt."

Ihm ebenbürtig kommt in diesem Sommer allenfalls "The Nationals" sechstes Werk "Trouble Will Find Me". Auch hier jagt Matt Berninger wie Ozzy Osbourne seinen "Dämonen" hinterher, ohne so recht seinen Frieden mit ihnen zu finden. Allerdings musikalisch auf eine ganz andere, nämlich luzidere Art.

Ozzy Osbourne, zusammen mit Chris Ayers: "Ozzy. Die Autobiografie". Aus dem Englischen von Stephan Gebauer, Heike Schlatterer und Violetta Topalova. Heyne, München 2009, 480 Seiten, 19,95 Euro

Black Sabbath: "13" (Vertigo/Universal)

30. November: Dortmund

4. Dezember: Frankfurt am Main

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