"Groß zuschlagen und dann zurück nach Hause"

Als ob es den Irakkrieg nie gegeben hätte - neokonservative Publizisten fordern einen großen Angriff auf Iran, damit sich die Bevölkerung gegen die "unpopuläre Regierung" erhebt

Die Tinte der letzten Artikel über den US-Truppenabzug ist noch nicht trocken, doch wird das kriegstreiberische Motiv mit einem ähnlichen Argumentationsmuster wieder aufgenommen, nur dass es diesmal um den Iran geht.

Hatten Rumsfeld, Wolfowitz und Co. im Vorfeld des Waffengangs gegen Irak damit argumentiert, dass der Irak mit Massenvernichtungswaffen die internationale Gemeinschaft bedrohe und die Sache mit einem kurzen Militärschlag bald erledigt sei, weil die "Hearts and Minds" der irakischen Bevölkerung ganz auf Seiten der alliierten Befreier wären und für einen schnellen Regimewechsel sorgen würden, so geben sich die neokonservativen Publizisten Gary Schmitt und Jamie Fly denselben Überzeugungen hin. Aus Geschichte lernen?

"Go Big and then Go Home" - Der Untertitel ihres Artikels, der in der aktuellen Ausgabe der nicht nur in amerikanischen politischen Elitekreisen beachteten Zeitschrift Foreign Affairs erschienen ist, muss wohl nicht übersetzt werden. Die beiden Autoren, Mitglieder namhafter neokonservativer Think-Tanks wie dem American Enterprise Institute oder dem Project for the New American Century und Regierungsmitarbeiter unter Reagan oder George W. Bush, treten für einen weiträumigen US-Angriff auf Ziele in Iran ein, die sich nicht auf nukleare Anlagen beschränken.

Wenn angreifen, dann gleich groß, mit mehreren Zielen, damit in der Folge auch das Regime fällt, so ihre Forderung, die ganz der großen Kriegsfahrpläne vor dem Irakkrieg folgt Nach dem Irak gleich den Iran erledigen:

"If the United States seriously considers military action, it would be better to plan an operation that not only strikes the nuclear program but aims to destabilize the regime, potentially resolving the Iranian nuclear crisis once and for all."

Dass die Revolutionären Garden im gesamten Artikel durchweg falsch als "Republican Guard" bezeichnet werden, als Republikanische Garden, also mit dem Namen der Elitetruppen Saddam Husseins, ist wohl kein Zufall. Der Freudsche(?) Verschreiber zeugt davon, dass den Autoren ein Feindbild wichtiger ist als eine präzise Wahrnehmung der Wirklichkeit. Genaue Kenntnis Irans spricht nicht aus der Publikation, die gemessen an ihren Ansprüchen der Zeitschrift Foreign Affairs eigentlich peinlich sein müsste.

So gehen beide Autoren davon aus, dass ein begrenzter Angriff unangenehme Gegenreaktionen provozieren könnte - ein Großangriff aber eine eher US-freundliche Reaktion der Bevölkerung, die sich dann nämlich statt gegen die Angreifer gegen die iranische Führung wenden würde:

"But as the cost to the country of the strike and the weakness of the current regime became clear, the door would open for renewed opposition to Iran's current rulers. It is sometimes said that a strike would lead the population to rally around the regime. In fact, given the unpopularity of the government, it seems more likely that the population would see the regime's inability to forestall the attacks as evidence that the emperor has no clothes and is leading the country into needlessly desperate straits. If anything, Iranian nationalism and pride would stoke even more anger at the current regime."

Dass die Regierung in Iran bei der gesamten Bevölkerung unbeliebt ist, würden wohl nicht einmal Oppositionelle in Iran mit Sicherheit behaupten können, für Schmitt und Fly steht das so fest wie das militärische Nuklearprogramm Irans - worüber es allerdings selbst in israelischen Verteidigungskreisen Zweifel gibt:

"The Israeli view is that while Iran continues to improve its nuclear capabilities, it has not yet decided whether to translate these capabilities into a nuclear weapon - or, more specifically, a nuclear warhead mounted atop a missile. Nor is it clear when Iran might make such a decision."

Während die beiden Kriegsbefürworter bezweifeln, ob sich das militärische Atomprogramm Irans durch Angriffe auf Nuklearanlagen wirksam zerschlagen lässt, sind sie sich andrerseits aber ganz sicher, dass die iranische Führung durch Angriffe auf Kommando- und Schaltzentralen der Revolutionären Garden, der Geheimdienste und bestimmter Infrastruktur der Regierung schachmatt gesetzt werden kann.

"The United States would basically need to expand its list of targets beyond the nuclear program to key command and control elements of the Republican Guard and the intelligence ministry, and facilities associated with other key government officials. The goal would be to compromise severely the government's ability to control the Iranian population."

"Chirurgischer Krieg" hieß das etwa vor zehn Jahren. Nach den Erfahrungen im Irak verschwand das Wort aus der Berichterstattung. Jetzt, wo der Irak aus der Berichterstattung verschwindet, taucht die Kriegsidee im neuen Gewand wieder auf.