Grünalternative Sittlichkeit

Die Diskussion über Pädophilie in der neuen Linken bekommt Züge von Inquisition

"Dick und gemütlich" soll die Wochenendausgabe der linksliberalen Taz sein. Dieses Leitmotto wird weitgehend eingelöst. Die meisten Hintergrundartikel, Reporten und Interviews nehmen den Blickwinkel von Menschen ein, die in der Republik angekommen sind und nur noch darüber streiten, wie sie mit ihren Konsumentscheidungen die Welt in ihrem Sinne verbessern können.

Doch ein Thema, das regelmäßig in der Wochenendtaz verhandelt wird, ist gar nicht dick und gemütlich. Wenn es um den Umgang mit Pädophilie geht, ist es auch dort mit der Gemütlichkeit vorbei. Ausgelöst wurde die Debatte durch die Verleihung des Theodor Heuss Preises an das grüne Urgestein Daniel Cohn Bendit (vgl. Der grüne Danny und die Lust. Davor hatten einige nochmal Cohn-Bendits Texte aus seiner Zeit als Mitarbeiter in einem Kinderladen gelesen, in denen es um die Lust im Kinderladen ging, die durchaus nicht nur platonisch gemeint war.

Seitdem treibt einige Grüne und vor allem die Taz die Sorge um, man müsse nun aber endlich die Toleranz gegenüber Pädophilen aufarbeiten. Eigentlich ein löbliches Unterfangen, wenn es darum gegangen wäre, die damaligen Positionen drei Jahrzehnte später noch einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen. Dann wären die Übertreibungen, Überspitzungen und Falschheiten der damaligen Position sicher schnell zutage getreten.

Doch es hätte sich auch die Frage gestellt, ob die angesichts einer verlogenen christlichen Sexualmoral nicht auch notwendig waren. Schließlich sind Provokationen der Motor für gesellschaftliche Veränderungen. Doch von einer Pädophiliedebatte kann keine Rede sein. Es handelt sich vielmehr um ein Tribunal, das längst den ehemaligen grünen Nah- und Fernbereich verlassen hat. Vor dem Taz-Gericht stehen jetzt Menschen, die vor mehr als 30 Jahren gegen Prüderie und verklemmte Sexualmoral aufgetreten sind. In der aktuellen Ausgabe steht der 2008 verstorbene Sozialpädagoge Helmut Kentler vor dem Taz-Gericht. Vor vier Jahren wurde ihm in der Taz noch bescheinigt:

„Er plädierte für die Entkriminalisierung des Sexuellen überhaupt, war ein couragierter Gutachter vor Gerichten, wenn es um Delikte nach dem Sexualstrafrecht ging, und engagierte sich in sexualwissenschaftlichen Organisationen. Kentler zählte zu den wütenden Kämpfern wider ein gesellschaftliches Klima, in dem Sexualität nur als Steckprinzip patriarchaler Prägung denkbar sein sollte. Sexualität, so Kentler, musste vom 'Igittigitt' entkleidet werden."

Aber Kentler hatte es nicht bei akademischen Diskursen belassen, sondern Modellprojekte gefördert, in denen Jungen aus dem Straßenstrich rund um den Bahnhof Zoo eine gesellschaftliche Perspektive bekommen sollten. Kentler vermittelte ein Leben in einer Wohngemeinschaft, in der, so die Kenntnisse der Taz, Pädophile lebten.

Deswegen wird Kentler mit den Worten des Parteienforschers Franz Walter als "Schlüsselfigur der damaligen Debatte über die sexuelle Gleichberechtigung Homosexueller und Pädophiler" eingeführt. Nun könnte man eine interessante Debatte über die Frage erwarten, ob und wo der Kampf für die Entkriminalisierung des Sexuellen in die Akzeptanz neuer sexueller Gewalt umschlug. Aber wie bei allen vorherigen Beiträgen kann auch im Fall Kentler von einer Debatte keine Rede sein.

Wer sein Wirken verteidigt oder auch nur in seiner Zeit erklären will steht schon als Unterstützer von Pädophilie selbst am medialen Pranger. Der Kreis der Verdächtigen ist groß. "Der Berliner Fall übertrifft, was die Recherchen über pädophile Verstrickungen von Grünen und FDP bisher ans Licht gebracht wurde", so die Autorinnen. Linke Berliner Sozialdemokraten, progressive Liberale der 1970er Jahre und aufgeklärte Sozialpädagogen sind hier im Visier. Interessanterweise sind es genau diese Gruppen, gegen die sich in den 1970er Jahren der Wut und Zorn der Konservativen aller Couleur gerichtet hat.

Nun, zu Zeiten, in denen sich der Furor der Konservativen auch durch die Enthüllungen über Kindesmissbrauch in den Kirchen gelegt hat, übernehmen die Nachlassverwalter der einstigen Grünen und Alternativen deren Aufgabe. Frappant sind die Geschichtslosigkeit der Berichterstattung und die völlige Ausblendung von Hintergründen und Rahmenbedingungen. So begann die Debatte mit Berichten über tatsächliche oder fiktive Berichte in Kinderläden.

Es handelt sich dabei um Kinder im Vorschulalter, die schon durch das Altersgefälle mit Erwachsenen nicht gleichberechtigt sein können. Hier wäre eine Aufklärung möglicher sexueller Gewalt tatsächlich angebracht. Kentler wird aber vorgeworfen, Jugendlichen, die als Stricher arbeiten, ein Leben ermöglicht zu haben, dass sie vor Obdachlosigkeit mit all ihren gesellschaftlichen Folgen bewahrte. Die Betroffenen sind unbekannt und wollen nach Angaben eines damaligen Mitbewohners in der Wohngemeinschaft auch nicht an die Öffentlichkeit gezerrt werden.

Es ist erstaunlich, dass die Autorinnen in dem Artikel diese Menschen aber nur als Opfer denken können. Diese Viktimisierung erinnert nicht von Ungefähr an Alice Schwarzers Verdikt gegen Sexarbeiterinnen, der zu Protesten von deren Interessenverbänden geführt hat. Die Autorinnen der Anklage gegen Kentler berufen sich mehrmals positiv auf Schwarzer als frühe Warnerin vor jeglicher Toleranz gegen jede pädophile Neigung.

Einen guten Kommentar zur Nicht-Debatte über Phädophilie in der Taz hat Stephan Klecha vom Göttinger Institut für Demokratieforschung im Taz-Interview gegeben: "Der Diskurs ist ins Restriktive gekippt, auch in der Taz."

Bei soviel Engagement für die alternative Sittlichkeit könnte man eigentlich Kritik bei der Taz an der Einseitigkeit der Debatte erwarten. Doch die kam nur vom Redakteur Christian Füller, der der Chefredaktion der Taz vorwarf, die Grünen in der Pädophiliedebatte zu schonen. Diesen Vorwurf weist die angegriffene Chefredakteurin zurück.

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