"Guten Tag, Fahne!"

"Patri-/Idiotismus" im Selbstversuch. Mal ganz ehrlich, was hält denn die Gesellschaft heutzutage noch zusammen?

In meiner Heimat gab es im März 1933 einen etwas einfältigen Knecht, der partout nicht einsehen wollte, warum man im Zuge neuer Moden plötzlich einen Stofffetzen grüßen sollte. Er ließ sich dann aber doch nötigen, zog seine Mütze vom Kopf und sagte laut: "Gurren Dag, Fahne!"

Nachdem ich mich bereits 2006 geschichtsschwanger und spaßverderberisch auf Telepolis zum WM-Flaggenwahn geäußert habe (siehe Zurück in die Steinzeit?), muss ich natürlich heute mit so einem plattdeutschen "Döneken" beginnen. Wegen meiner Humorlosigkeit gab es ja seinerzeit im Forum bittere Klagen (in einem Beitrag wurde sogar gemutmaßt, ich sei wohl ein "autonomer Krawallmacher"). Aber aufgepasst, liebe libertäre Zeitgenossen mit viel Toleranz für den Stofffetzenkult unserer Tage. Die Fahne ist heute immer noch heilig und eine ernste Sache. Wer nationale Farben, Flagge oder Hymne verunglimpft, bekommt es hierzulande mit dem Strafgesetzbuch zu tun. Dann ist Schluss mit lustig: bis zu drei Jahre Knast warten. Die Kanzlerin empfiehlt vorsichtshalber schwarz-rot-goldene Schoner für den Autorückspiegel. Da ist man wohl, was unbeabsichtigte Entheiligungen betrifft, als Autobesitzer auf der sicheren Seite.

"Patri-/Idiotismus" im Selbstversuch

Ich bin den Telepolis-Forumsteilnehmern von 2006 nun noch eine Beichte schuldig. Beim EM-Halbfinale Deutschland-Türkei 2008 habe ich mich selbst als Flaggenschwenker betätigt. Mein Auftritt beim Public Viewing in der Straßenkneipe ist auf einem Fotodokument festgehalten, das damals auch die Straßenwebsite mit dem Kommentar "Bürger von Sinnen" ins Netz stellte. Deutlich zu sehen ist darauf das Türkiye-Fähnchen, das ein italienisch-türkisch-deutscher Nachbar auf meinen Wunsch hin noch pünktlich vor Spielbeginn herbeigezaubert hatte. Anlass für meinen experimentellen "Patri-/Idiotismus" war übrigens die abgrundtiefe Zerknirschung eines Freundes über den Viertelfinalsieg der Türkei.

Ich will ganz ehrlich sein: Das Ganze hat einen Mordsspaß gemacht. Das steckt einfach in unseren Genen, diese Verbundenheit mit der steinzeitlichen Horde, die sich ob aller Widrigkeiten des Lebens im Kampf erprobt und durchsetzt (allerdings war man in der Steinzeitgruppe noch persönlich bekannt miteinander). Und dann die langen Gesichter an den gegenüberliegenden Tischen beim ersten Tor unserer türkischen Mannschaft. Herrlich. Na, gut ausgegangen ist es ja nicht. Obwohl ich von Fußball rein gar nichts verstehe, halte ich noch immer daran fest, dass die türkischen Spieler beim EM-Halbfinale 2008 den schöneren Fußball geboten haben.

Warum die Fahne einfach unersetzlich ist

Die türkischen Straßengenossen haben mir am letzten Freitag erzählt, sie würden diesmal die Deutschlandfahne hochhalten (besonders natürlich für ihre türkischen Landsleute in der Mannschaft, deren Namen alle Fans hoffentlich richtig ausrufen können). Bei dieser Gelegenheit habe ich auch erfahren, dass sich die Jugendlichen mit türkischen Eltern aus unserer Straße im reichen Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel nicht gerne aufhalten. Da bekäme man an allen Ecken von oben herab zu spüren, dass man unerwünscht sei. Nun, dachte ich für mich, die übertreiben bestimmt.

Samstagnacht kam ich dann mit dem Zug über Köln von einem Termin zurück. Eine Studentin aus Oberkassel stieg in der Domstadt ein und politisierte mit ihrem Begleiter. Sie wünschte sich Neuwahlen für NRW - mit einem schwarz-gelben Sieg. Denn sonst käme es womöglich zur Gemeinschaftsschule, auf der dann dereinst ihre Kinder mit den Verlierertypen zusammen lernen müssten. Sie selbst kommt aus einem betuchten Freiberuflerhaushalt mit Kanzlei usw. Ob sie denn auch für Studiengebühren sei, fragte ich ob der demonstrativen Meinungsäußerungen nach. Ja selbstverständlich. Sie hat sich nämlich selbst einen privatwirtschaftlichen Sponsor für ihr eigenes Studium organisiert, und so tüchtig könne ja schließlich jeder die Sache angehen. Seit dieser Zugfahrt glaube ich nicht mehr, dass meine türkischen Nachbarn bezogen auf den Klassenkampf in Oberkassel übertreiben.

Mal ganz ehrlich, was hält denn die Gesellschaft heutzutage noch zusammen? Dank der Sarrazins und der neuen "Freiheitlichen" darf man es wieder offen sagen, dass es unerwünschte Elemente gibt. Für Eltern bzw. Kinder aus Hartz-IV-Familien, so hören wir dieser Tage, sei das Elterngeld ja nie gedacht gewesen. Die "Würde des Menschen" gilt schon für alle, gewiss. Aber sie ist etwas Ideales, so hoch, dass man es mit irgendwelchen schnöden materiellen Dingen nicht in Verbindung bringen darf.

Sogenannte "Werte", so sagen die Konservativen, brauche die Gesellschaft. Die dafür vom System vorgesehenen Werte-Lieferanten, die Kirchen, stehen allerdings nicht mehr ganz so hoch im Kurs. Wie gut, dass wir die Fahne noch haben. Ja, sie steht über allem Klassenkampf. Fast keiner ist ausgenommen von ihrem Schutzmantel. Ja, Deutschland lebt.

Das "Gängelband der Geschichte"

Passend zur Fußballweltmeisterschaft bekam ich in der letzten Woche auch eine Broschüre "Antifaschismus - Der geistige Bürgerkrieg" zugeschickt. Herausgeber: "Die deutschen Konservativen e.V.". Autor: Prof. Dr. Hans-Helmuth Knütter (1982 habe ich mal ein Seminar bei ihm in Bonn besucht). Vorwort: Bürgermeister a.D. Heinrich Lummer (CDU). Der anonyme Absender, der meine Adresse handschriftlich auf den Umschlag gebracht hat, will mich vielleicht vor ganz unzeitgemäßen Rückblicken in die Geschichte bewahren. In der Broschüre, einer Sonderausgabe von "DEUTSCHLAND-Magazin", kann ich nämlich die Wahrheit über die maßgebliche Ideologie der Nationalflaggenverächter und Spielverderber erfahren. Auf der Umschlagrückseite ist zu lesen:

"Der Antifaschismus dient als Gängelband und Nasenring, um Deutschland und die Deutschen den ausländischen Wünschen gegenüber gehorsam, zahlungsbereit und leistungswillig zu halten. [...] Deshalb sollte der Antifaschismus bekämpft werden."

Ob ich mich als linkskatholischer Vaterlandsverräter auch angesprochen fühlen soll, obwohl ich mich nie vermumme? Ja, ja, wiedererlangte Normalität soll er ja anzeigen, der im dritten Jahrtausend rehabilitierte deutsche Flaggenkult. Die ewigen Moralisten verfolgen dagegen ein Auslaufmodell.

Ein Symbol für die globale Kommunikationsgesellschaft?

Die Zivilisation auf unserem Planeten hat ein großes Zukunftsproblem. Gleichzeitig können die Bewohner der Erde dank neuer Technologien global miteinander kommunizieren, über alle Grenzen hinweg. Glaubt wirklich irgendein halbwegs gescheiter Mensch, wir könnten in dieser Epoche des zivilisatorischen Ernstfalls und des globalen Eros noch die nationalen Stofffetzen des 19. und 20. Jahrhunderts gebrauchen? Wenigstens einen Bruchteil der immensen Tuchbahnen, die man noch immer für diese Verdummungs-Standarten verschwendet, sollte augenblicklich zu einem globalen Symbol der Verständigung auf dem Planeten verarbeitet werden. Das wäre zeitgemäß.

Was die alten Flaggen betrifft, so glaube ich inzwischen selbst, dass man sie mit Humor besser zum Vermodern bringt als mit verbissenen Mienen. 2006 war es jedenfalls schon mal schlimmer. Vielleicht würde ein ausgelassener Künstlerworkshop genügen, die Farben einer angeblichen Einigkeit und Rechtschaffenheit zu entzaubern. Was Gutes zum Kiffen, mehr Investition wäre in diesem Fall vielleicht gar nicht vonnöten. - Wie auch immer, viel Spaß beim Fußball!