Hartz-IV für Geisteswissenschaftler?

Sepp Gumbrecht über das Denken in dürftiger Zeit.

Wozu sind Geisteswissenschaftler gut? Sind sie nur Teil jener "Luxusveranstaltung", die sich "Geisteswissenschaften" nennt und die sich nur "reiche Gesellschaften" leisten? Oder können Geisteswissenschaftler auch Erhellendes zur "Krisenbewältigung" und/oder "Krisenvermeidung" beitragen? Taugen sie oder ihre Vertreter beispielsweise auch dazu, Lösungen für Probleme zu bieten, die die Finanz- und Wirtschaftskrise aktuell geschlagen hat?

Sepp Gumbrecht, Geisteswissenschaftler aus Stanford, der diese Fragen in einem Beitrag für die "Neue Züricher Zeitung" am Wochenende wieder mal aufgeworfen hat ( Die Ratlosigkeit des Moments), scheint sie abschlägig zu beantworten. In "dürftigen Zeiten" wie diesen, schreibt er seinen Kollegen ins Kontor, bedürfe es mehr Bescheidenheit, Zweifel und Realitätssinn statt "positiver Kritik". Anders als Politiker oder Wirtschaftsvertreter, die zum Handeln verpflichtet sind, könnten sich Geisteswissenschaftler diese Haltung leisten, weil sie nicht zwingend in der Verantwortung stünden.

Amerikanischer Patriotismus

Dennoch gebe es "beamtete Denker", die sich mit solcher Art "Kleinmütigkeit" nicht anfreunden wollen. Sie tun öffentlich so, als ob sie Antworten parat hätten und wüssten, wie die gegenwärtige Krise zu bewältigen sei. Plädierten die einen für eine "Rückkehr zum Marxismus", wissentlich und elegant dabei den jüngsten Kollaps planwirtschaftlichen Handelns umschiffend, moralisierten die anderen die Krise, indem sie dafür die "Gier" und "Profitmentalität" einiger weniger verantwortlich machten. Als "dreist" empfindet er gar jene Kritik, die den "Vereinigten Staaten" Schuld und Verantwortung an der Krise unterjubeln wollten, "so als sei die Kreditpolitik der europäischen Banken eine Burg von Solidität gewesen".

Da scheint mit Gumbrecht wieder mal sein amerikanischer Patriotismus durchgegangen zu sein, dem er sich seit seines "Amerikaner-Seins" besonders verpflichtet fühlt. Selbstverständlich waren es die USA, insbesondere die FED in Gestalt Alan Greenspans, die mit ihrer Nullzinspolitik das Desaster weitestgehend ausgelöst haben. Der europäischen Zentralbank blieb, wie allen nationalen Zentralbanken auch, gar nichts anders übrig als mitzuziehen. Auch Banken und ihre Vertreter müssen sich, mögen sie diese Politik auch für verwerflich halten, am Marktgeschehen orientieren, an Angebot und Nachfrage. Da mittlerweile jede größere europäische Geschäftsbank Dépendancen in New York unterhält, kann und muss sie, weil es alle anderen auch tun, dort am Schalter das geschenkte Geld der Notenbanker abholen.

Kollektiv nicht ratlos

Gewiss ist der Markt blind, es gibt keinen Schiedsrichter, der ihn zur Ordnung rufen könnte. Und selbstverständlich haben auch andere Faktoren an der Krise mitgewirkt, auch China ( Unseliges Chimerika), das die Schuldenpolitik der Amerikaner mit dem Kauf von US-Anleihen jahrelang unterstützt hat. Andererseits muss man kein John Meynard Keynes der Gegenwart sein, um diese Vorgänge analysieren und einige Lehren für die Zukunft daraus ableiten zu können. Beispielsweise die Lehre, eben gerade keine Nullzinspolitik zu verfolgen, weil die Geschäftsbanken sich das billige Geld einfach abholen und mangels Abnehmer in Preissteigerungen statt in Produktionssteigerungen der Unternehmen investieren, weswegen es dann, wie aktuell, einerseits zu "Blasen", andererseits zu der bekannten "Kreditklemme" kommt, unter der die Unternehmen und damit die Volkswirtschaften leiden.

Dies zeigt, dass man weder das Kind mit dem Bade ausschütten noch mit der "Feststellung kollektiver Ratlosigkeit" hausieren gehen muss. Ein Blick in die USA, in Gumbrechts Heimatland, genügt. Gerade der amerikanische Präsident scheint die "Humanities" richtiggehend zu schätzen, hat er doch in seine Beraterteams etliche Verhaltensökonomen, Krisen- und Katastrophentheoretiker geholt, Leute mithin, die man umstandslos der geisteswissenschaftlichen Fraktion zuordnen kann.

Den Bock zum Gärtner machen

Sehr kühn ist es dagegen, den Philosophen Heidegger zum Kronzeugen zu berufen, warum Geisteswissenschaftler sich bis auf weiteres befleißigen sollten, demonstrativ ihre Antwortlosigkeit zu dokumentieren. Auch sechzig Jahre später sollte seine Ratlosigkeit, die er vier Jahre nach Kriegsende dem französischen Philosophen Jean Beaufret auf seine Bitte, seinen Begriff des "Menschlichen" neu zu umreißen, gegeben hat, niemand mehr verwundern. Was hätte Heidegger angesichts seines politischen Engagements für den Führer dem Franzosen auch anderes antworten können?

Wer hier von "der Erfahrung des Abgrunds" spricht, geht schon sehr milde mit dem Philosophen um. Und "Mut", wie Gumbrecht ihm attestiert, brauchte es dazu gewiss auch nicht. Eher wäre in diesem Zusammenhang das Wörtchen "Scham" oder, besser noch: "Demut" angebracht ( Ist die Philosophie Heideggers nationalsozialistisch verseucht?). Erst recht, wenn man bedenkt, dass ihm ein paar Jahre später die "planetarische Technik", die er als "vernichtendes Schicksal der Menschheit" deutet, eine elegante Möglichkeit bot, sich von seinen nationalsozialistischen Leidenschaften zu entlasten. Fortan war sie es, und nicht mehr "die Größe des Nationalsozialismus", die die Menschen dazu bringt, nicht "all jene Bedingungen zu erfassen, die ihre Existenz bestimmen."

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