Höh(l)en und Tiefen

Fantasy-Filmfest-Blog 8. Tag: "Vertige", "The Sky Crawlers" und "The Descent 2"

Tyler Olivers Debüt-Film "Forget me not", der eine ganz ähnliche Rache-Geschichte wie "Prom Night" oder "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" erzählt, hat es ja nun leider doch nicht aufs Fantasy-Filmfest geschafft und wurde durch Wiederholungs-Screenings ausgetauscht. Vielleicht ist (mir) damit der wirkliche filmische Höhepunkt des Festival-Tages abhanden gekommen.

"Vertige" reiht sich in die mittlerweile nicht einmal mehr reaktionär wirkende Ost-Europa-Horror-Reihe ein: Fünf französische Studenten wollen in Kroatien eine Kletter-Tour unternehmen und ignorieren geflissentlich, dass die Bergroute, die sie sich ausgesucht haben, gesperrt ist. Als dann eine Hängebrücke abreißt und die Führungsleinen irgendwann im Nichts enden, wird der Trip zu einem echten Abenteuer. Das wird nur noch dadurch getoppt, dass sich im Gehölz irgendwo ein wahnsinniger Kroate herumtreibt, der sich die Bergsteiger nach und nach mit Fallen und Pfeilen einfängt, verschleppt und ermordet. Da die Gruppe aufgrund von Eifersüchteleien innerlich zerrissen ist, sind bald zwei Fronten eröffnet.

"Vertige"

Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen schafft "Vertige" es nicht, ein rundes Bild abzuliefern. Zum Einen, weil die Evokation eines übrigens ziemlich spannenden Bergsteiger-Thrillers zu jäh abbricht und durch einen überaus schnöden Backwood-Slasher ersetzt wird; zum Anderen, weil durch diesen Wechsel nun auch alle Figurenzeichnungen abstürzen und die anfänglichen Charaktere zu bloßen Typen reduziert werden. Dass der Film sich dann noch Thematisch in die Tradition von "Severance", "Them" und "Hostel" als Ostblock-Horror einschreiben will, ist einfach zu viel des Schlechten. Der Mixup derartig vieler verschiedener Motive muss zwangsläufig nach hinten losgehen.

Von den Schluchten des Risnjak-Gebirges steigen wir auf bis über die Wolken und fliegen zwei Stunden mit Mamuro Oshiis "The Sky Crawlers". Der Regisseur gilt unter Anime-Experten als Meister und hat mit seinem "Ghost in the Shell" großen Einfluss auf das fantastische und utopische Kino ausgeübt. Im letzten Jahr war von ihm auf dem Festival die Fortsetzung zu sehen, davor der überaus intelligente "Avalon". Mit "The Sky Crawler" setzt er eine als unverfilmbar geltende Erzählung Hiroshi Moris ins Bild und sich selbst ziemlich in die Nesseln. Die Fabel ist abermals futuristisch: Zwei Rüstungskonzerne liefern sich zum Amusement der gelangweilten Gesellschaft Luftkämpfe, in denen "Kildren", menschliche Mutanten, die nach dem Erreichen der Pubertät nicht älter werden, verheizt werden. Der Film erzählt die Geschichte des Kildren-Piloten Yuichi, der sich zwischen den Kämpfen die Zeit mit allerlei Geplänkel vertreibt und sich in seine düstere Chefin verliebt, die ihren vorherigen Kildren-Liebhabern immer ganz besondere Liebesdienste erwiesen hat.

"The Sky Crawlers"

Vor schon beinahe minimalistischem Zeichentrick- und fulminanten CGI-Animations-Hintergrund lässt Oshii seinen Film zwei Stunden lang mit Banalitäten und Wiederholungen dahin fließen, was man meditativ oder aber einfach ermüdend finden kann. Da die Gemächlichkeit der Erzählung es zulässt, kann man sich aufs Detail konzentrieren und darüber ärgern, dass etliche Panels immer und immer wieder vorgeführt werden oder zeitweise sogar Fehler in den Layern auftauchen (etwa Schatten, die sich übereinander lagern). Der Film richtet sich aber wohl vor allem an Fans: Es ist schon eine besondere Welt, auf die man sich mit "The Sky Crawlers" einlässt und die man tunlichst nicht zur bloßen Zeichentrick-Unterhaltung betreten sollte.

"The Descent 2"

Dasselbe gilt auch für die Höhlen von "The Descent 2". Man muss schon - wie die überlebende Hauptfigur des ersten Teils - unter Gedächtnisschwund leiden, sich noch einmal dort hinein zu begeben. Der Film schließt nahtlos an den Vorgänger an (auch wenn dieser behauptet hatte, dass alle seine Protagonistinnen umgekommen sind). Ein Rettungsteam geht abermals in die Tiefe zu den Monstern, wird als Gruppe aufgetrennt, offenbart gute und böse Expeditionsteilnehmer und führt gewaltige Schockmomente vor. "The Descent 2" ist irgendwie genau derselbe Film wie "The Descent", nur dass jetzt auch Männer mit dabei sind. Damit gibt er das interessante, vor vielen als feministisch diskutierte Konzept des Vorgängers zugunsten reiner Horror-Unterhaltung auf und besinnt sich auf seine Primärtugend: Leute mit knalligen Soundeffekten erschrecken. Das kann "The Descent 2" aber wiederum sehr gut, weswegen man ihn als Wachmacher an einem Kinotag voller Höhen und Tiefen ohne schlechtes Gewissen empfehlen kann.

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