Höhere Bildungsmotivation in türkischen Familien

Studie: Türkische Grundschulkinder und ihre Familien streben bei gleichen Voraussetzungen wie deutschstämmige Schüler eher die höheren Schularten an

Der Anteil türkischstämmiger Schüler in Haupt- und Sonderschulen ist überdurchschnittlich hoch. Die Gründe dafür sind Teil einer fortlaufenden Debatte, die nicht selten polemisch geführt wird. Umso erfreulicher ist es, dass mittlerweile Untersuchungen hier notwendige Aufklärung liefern. Eine davon ist die Studie des Soziologen Jörg Dollmann am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES). Die für die Untersuchung verwendeten Daten wurden einer früheren Erhebung an 98 Kölner Grundschulen entnommen, an der 1376 Kinder und deren Eltern teilnahmen.

Die Forschungen von Dollmann zeigen, dass es nicht die Motivation der türkischen Bevölkerungsgruppe ist und auch nicht die Einschätzung der (überwiegend deutschen) Lehrkräfte, die dafür verwantwortlich ist, wie viele türkischer Kinder die jeweiligen Schulformen besuchen. Türkische Kinder würden bei gleichem sozialen Hintergrund und gleicher schulischer Leistung sogar häufiger auf anspruchsvolle Schulformen wechseln als Kinder ohne Migrationshintergrund. Die Hauptschule wird, sofern es die schulischen Leistungen zulassen, gemieden.

"Der Bildungsanspruch ist in den türkischen Familien höher, dies wirkt bestehenden Defiziten also entgegen," betont Dollmann. Die Chance, dass türkische Grundschulabgänger auf die Realschule anstatt auf die Hauptschule wechseln, gibt die Studie mit "etwa dreimal höher" an als für Grundschulabgänger ohne Migrationshintergrund.Eine ähnliche Tendenz lasse sich auch für den Besuch des Gymnasiums im Vergleich zur Realschule feststellen, wird Dollmann zitiert.

"Hier ist der Unterschied zwischen Deutschstämmigen und Türken allerdings weniger deutlich und statistisch nicht signifikant. Insgesamt aber streben die türkischen Grundschulkinder und ihre Familien bei gleichen Voraussetzungen eher die höheren Schularten an."

Diese erfreuliche Tendenz erklärt aber nicht den hohen Anteil an Haupt- und Sonderschulen. Dollman sieht hier die nachteilige Kompetenzentwicklung und eine ungünstigere soziale Situation als Ursache. Dazu zählen auch das Bildungsniveau der Eltern und deren sozialökonomischer Status. Belege für eine Diskriminierung türkischer Kinder fand Dollmann nicht. Bei allen Kindern hingen die Empfehlungen der Lehrkräfte für oder gegen den Besuch einer höheren Schulart ausschließlich von schulischer Leistung - und sozialer Herkunft ab.

Diesen Umstand beleuchtet eine Studie der Johannes Gutenberg Universität in Mainz aus dem Jahr 2008. Die Vergabe von Noten ist der Studie nach zwar immer noch der Haupt-Einflussfaktor dafür, ob die Empfehlung für ein Gymnasium erteilt wird oder nicht. Betrachtet man aber Kinder mit gleicher Durchschnittsnote, dann bekommen Kinder aus der niedrigsten Bildungs- und Einkommensgruppe mit einer Wahrscheinlichkeit von 76 Prozent eine Gymnasialempfehlung, während in der höchsten Bildungs- und Einkommensgruppe nahezu alle Kinder, nämlich 97 Prozent, eine Empfehlung für das Gymnasium erhalten.

Dazu kommt ein anderer Punkt, der eine Erklärung zum hohen Ausländeranteil an vielen Schulen liefern könnte. "Von den Kindern mit Migrationshintergrund leben rund 45 Prozent in Armut, während es bei den Kindern ohne Migrationshintergrund nur rund 17 Prozent sind. Nahezu 46 Prozent der Schüler mit Migrationshintergrund und 23 Prozent der Schüler ohne Migrationshintergrund leben in einer bildungsfernen Sozialschicht," so die Mainzer Studie.

Fasst man die Ergebnisse der Studien zusammen, so braucht man sich über den überdurchschnittlich hohen Ausländeranteil an Hauptschulen nicht zu wundern. Beide Studien könnten als Aufforderung an die Politik verstanden werden, die sozialen Gegensätze im Land abzumildern, um die Chancengleichheit zu erhöhen. Ob dafür die Ausgabe von Bildungsgutscheinen ausreicht, ist fraglich.

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