Hoffnung für Syrien

Imam Mouaz al-Kahttib ist der neue Chef der Opposition

Knapp einen Monat nach Ausbruch des syrischen Volksaufstandes im März 2011 hielt Scheich Mouaz al-Khattib in Douma, einem erzkonservativen, vorwiegend sunnitisch bevölkerten Vorort von Damaskus, eine Ansprache vor den Demonstranten, in der er zur Einheit aller Konfessionsgruppen aufrief. Die Rede war elektrifizierend, der Jubel der Protestierenden groß - und das Regime alarmiert.

Mehrmals seit seiner Ansprache wurde al-Khattib inhaftiert. Vor wenigen Monaten floh er aus Syrien, lebt heute in bescheidenen Verhältnissen in Kairo und wurde vergangenes Wochenende in Doha zum Chef des neuen Syrischen Oppositionsbündnisses, der "Nationalen Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte" gewählt.

Die Hoffnungen in den 1960 geborenen Imam sind groß. Zum einen genießt er den Ruf eines unbestechlichen Oppositionellen - suchte er doch anders als viele syrische Kleriker nie die Nähe zum Regime, obgleich ihm dies seinen Posten als Prediger in der prestigeträchtigen Ommayadenmoschee in Damaskus gekostet hatte: Bereits der verstorbene Präsident Hafez al-Assad hatte al-Khattib ein Predigtverbot erteilt.

Zugleich ist al-Khattibs Islamverständnis sufistisch und überaus liberal: Getreu seiner Linie, die Rolle der Frau bei jeder Gelegenheit aufzuwerten, grüßte er in seiner Antrittsrede in Doha ausdrücklich "die Frauen Syriens", unter Verweis auf deren Engagement für die Revolte. Dies, wie seine große Popularität in Syrien, lässt viele hoffen, dass er die unterschiedlichen Milizen Syriens dazu bringen kann, sich hinter einer zivilen Führung zu vereinigen. Und dass er junge Syrer davon abhalten kann, sich radikalislamistischen Gruppierungen wie Liwa al-Tauhid, Jabhat al-Nusra oder Liwa al-Mujahidin anzuschliessen.

Ob al-Khattib dies gelingt, hängt großteils von der finanziellen Unterstützung ab, die die Nationale Koalition vom Westen und aus dem Golf künftig erhält. Denn soviel ist klar: Wenn Syriens zivile Opposition weiterhin keine politische und materielle Unterstützung erfährt – was aufgrund ihrer Zerstrittenheit tatsächlich nicht leicht fällt – und die Golfstaaten fortfahren, salafistische Dschihadisten zu finanzieren, schlittert Syrien immer tiefer in den Abgrund. Zugleich muss sich der Westen davor hüten, zu viel mitmischen zu wollen.

Dass Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) den neu gewählten al-Khattib sogleich zum Staatsbesuch nach Deutschland eingeladen hat, um ihn beim Aufbau einer "geeinten Plattform der Opposition" zu unterstützen, ist denkbar unangebracht. Denn die Gefahr, dass der integre Imam auf dem politischen Auslandsparkett so schnell verheizt und im Inland als westliche Marionette abgestempelt wird, ist riesig.