Hoher Vatikanvertreter erklärt Homosexualität zur Ursache für Missbrauchsfälle

Kardinal Tarcisio Bertone Bertone verbindet Probleme mit pädophilen Priestern in der Kirche nicht mit dem Zölibat, sondern mit homosexuellen Neigungen. Trotz neuer Transparenz-Politik bleibt Wegschauen in sexuellen Dingen kirchliche Praxis

Zugegeben, der Zusammenhang zwischen Zölibat und sexuellem Missbrauch, der von Priestern begangen wurde, ist vermutlich nicht so einfach als Kardinal-Ursache der Missbrauchshandlungen auszumachen, wie dies Kritiker der Kirche behaupten. Plausibel erscheint, dass die mit dem Zölibat verbundene Auffassung der sexuellen Libido als unerwünschte, sündige Regung und das Verdrängen dieser Lüste die Kirchenmänner auf einer retardierten sexuellen Entwicklungsstufe festhält. Der Zugang zu einem feineren Register des Umgangs mit Trieben kann dadurch erheblich erschwert, wenn nicht gar verstellt werden. Ebenso der freie Blick auf den anderen. Von eigenen Trieben und Konflikten beherrscht war es den Priestern augenscheinlich nicht mehr möglich, die Würde anderer Menschen zur Kenntnis zu nehmen. Die Priester seien, was die sexuelle Entwicklung betrifft, auf dem Stand der frühen Pubertät, im Triebchaos der überwältigenden Pfeifenreihen also - diese Diagnose taucht in der Zölibat-Dikussion öfter als These auf.

Angesichts des diffizilen Zusammenhangs zwischen Zölibat und sexuellen Missbrauchs vertritt nun der Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, "die Nummer zwei des Vatikan", eine recht simple Position, er greift gewissermaßen voll ins lakonische Register der Kirchenorgel und singt das alte Lied von der bösen Homosexualität. Bei einer Pressekonferenz in Chile ließ Bertone verlauten, dass es "keinen Zusammenhang zwischen Zölibat und Pädophilie" gebe - sehr wohl aber "einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie".

Diese Erkenntnis, die Bertone auf "erst kürzlich bestätigte" Aussagen von Psychologen und Psychologen stützt, wird von ihm in einen quasi-kanonischen Rang erhoben:

"Das ist die Wahrheit und das ist das Problem."

Punktum. Diskussionen über diesen Punkt erübrigen sich, will diese Erklärung sagen. Das altkirchlich apodiktisch Absolute dieser Aussage - der pädophile Missbrauch hängt nicht mit dem Zölibat, sondern mit der Homosexualität zusammen - wird in der Argumentationsfolge dann dort mit Relativierungen versehen, wo sie der Kirche passen.

Wie Bertone nach Informationen von Kath.net weiter ausführt, sei "Pädophilie (..) in allen Gruppen der Bevölkerung zu finden. Das schließe auch - in einem geringeren Prozentsatz - Priester ein".

Nicht dass der Kardinal das Übel selbst relativieren würde: "Derartiges Verhalten sei sehr schwerwiegend, ja skandalös, betonte der Kardinal." Aber er relativiert das Gewicht der Kirche in diesem Skandal und damit implizit die Schuld der ehrwürdigen Institution.

Mehr Transparenz - Richtlinien zum Missbrauch veröffentlicht

Demgegenüber weist die gestrige Veröffentlichung von "Richtlinien zum Missbrauch" seitens des "Heiligen Stuhls" in eine bessere Richtung: Bei Fällen von sexuellen Übergriffen auf Kindern und Jugendlichen durch Kleriker sollen immer die Behörden eingeschaltet werden, heißt es in den Vatikan-Richtlinien:

"Das bürgerliche Gesetz, das die Anzeige von Verbrechen bei den Behörden betrifft, soll immer befolgt werden."

Sollte ein ziviles Gericht einen Priester wegen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verurteilt haben - oder bei Vorliegen "evidenter Beweise"- , könne die Glaubenskongregation den Fall direkt dem Papst unterbreiten - "mit der Bitte, dass der Papst ein 'ex-ufficio'-Dekret für die Zurückstufung in den Laienstand erlässt. Gegen ein solches päpstliches Dekret ist keine kanonische Berufung möglich."

Das Dokument soll schon aus dem Jahr 2003 stammen, so der Bericht des Radio Vatikan. Man habe es jetzt veröffentlicht, um die um "die vom Papst gewünschte absolute Transparenz" deutlich zu machen. Ob der Transparenz auch Taten folgen?

Und wie wäre es, wenn der Wunsch nach mehr Transparenz und Aufklärung auch den Umgang mit homosexuellen Priestern einschlösse? Das es schwule Kirchenmänner gibt, wird sich kaum bestreiten lassen, nicht unwahrscheinlich, dass es sehr viel mehr sind, als es die Kirche offiziell zugeben würde. Nach den Äußerungen des Kardinals sind sie einem weiteren Generalverdacht ausgesetzt. Die Praxis des Wegschauens hat die Kirche auf die öffentliche Anklagebank gebracht, die beachtliche historische Dimensionen annimmt...(siehe dazu auch Der Vorwurf lautet "Verbrechen gegen die Menschheit")

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