Homeless oder Beauty im Digitalen

Neben der Spur

In SimCity gibt es Menschen, die auf der Straße leben. Dafür essen die Schönen gratis beim Koreaner

SimCity gibt es schon eine längere Zeit. Und wie man das Spiel so kennt, geht es eigentlich darum, eine Stadt zu bauen und kleine Digitalzwerge darin leben zu lassen. Also könnte man denken: Da hat dann jedes Digizwergerl samt Familie eine Behausung und pixelt glücklich vor sich hin.

Dem ist aber nicht so. Die Macher des Spiels haben sich US-Städte zum Vorbild genommen, und deshalb kommen im Computerstädtchen auch Obdachlose vor. Ohne Haus. Spielfiguren, die auf den virtuellen Straßen leben.

That's Life, könnte man meinen, aber es gibt eine erbitterte Diskussion der Spieler, ob es sich da nicht um einen Bug handele. Schließlich würden die Parks nicht mehr so besucht, wenn Homeless diese bevölkerten. Es gibt sogar ein "How to get rid of Homeless"-Video als Gebrauchsanweisung für neoliberale Mitspieler, die am liebsten ein rosa Wölkchen Wunderland auf ihren PCs simulieren wollen. Ohne störende soziale Randzonen. Also eine Art von Digitalpegida. Denn der Ton, in dem über dieses SimCity-Feature gesprochen wird, ist alles andere als politisch korrekt und kommt ziemlich pnverblühmt daher. Nun darf man sich nicht wundern, dass Menschen, die andere Menschen in Städten als Freizeitvergnügen simulieren, nicht wirklich am Mitmenschlichen interessiert sind, mehr in Richtung Gottzynismus driften.

Der Künstler Matteo Bittanti hat in "How to Get Rid of Homelessness" einer 600 seitigen Zitatsammlung ohne Angaben der Usernamen Vorschläge gesammelt, wie in SimCity der "Homeless Scandal" durch Gegenreaktionen wie der Vermeidung von Müll (dann sei nichts da, wovon sich Obdachlose ernähren könnten) angegangen werden könnte. Durch die Aneinanderreihung von Aussprüchen entsteht ein beklemmendes Bild von einer mechanistischen Reaktion.

Im gleichen Zynismus könnte man ein Restaurant einordnen, das Gesichterscans seiner Gäste anfertigt und sie dann durch Experten als schön oder nicht schön einstuft. Die Schönen erhalten dann das Essen gratis.

SimCity? Ehm, nein.

Das passiert real in der Stadt ZhengZhou, im koreanischen Restaurant Jeju Island, die Experten sind übrigens ein Panel aus Schönheitschirurgen, mit denen das Restaurant einen Deal hat. Wie immer der auch aussehen mag. Und natürlich möchten alle kostenlos essen und wissen, dass sie zu den Schönen gehören. Oder sie behaupten es zumindest und zahlen nachher heimlich am Tresen. So kommen dann die Gutaussehenden gratis oder nicht gratis gut genährt wieder in ihre Büros zurück, um sich vielleicht dort auch mit SimCity und dem wirklich ärgerlichen Problem der Homeless in ihrer Musterstadt zu kümmern.

There ain't no such thing as a free lunch.

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