ISDAfix-Skandal wird anklagereif

Die US-Behörden haben in dem Skandal um manipulierte Zins-Swap-Referenzsätze Millionen Emails ausgewertet und wollen bereits ausreichend Beweise für eine Anklage gefunden haben

Wie hier bereits im April vermutet, scheint der ISDAfix-Skandal an die Dimensionen des LIBOR-Skandals heranzukommen. So ist laut Bloomberg die US-Derivatenaufsicht CFTC (Commodity Futures Trading Commission) nach zahlreichen Zeugenbefragungen und der Durchsicht von mehr als einer Million Emails bereit zur Anklageerhebung, die für die betroffenen Banken neuerlich Milliarden Dollar an Strafzahlungen bedeuten dürfte.

Wie bei der Manipulation der LIBOR-Referenzzinssätze, für die bereits 2,5 Milliarden Dollar an Strafen verhängt wurden, geht es um die Manipulation von Referenzwerten, die zur Bestimmung der Marktwerte einer Reihe von Derivativkontrakten dienen. Betroffen sind die Austauschverhältnisse von fixen und variablen Zinssätzen, die von der in New York angesiedelten //www.isda.org/ (ISDA) errechnet werden und nach der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich für nominell hunderte Billionen an Derivativgeschäften als Preisbemessungsgrundlage dienen.

Benutzt werden solche Derivate etwa von öffentlichen Schuldnern und von Pensionsfonds, die sich gegen Zinsänderungen absichern wollen. Da deren Preise anscheinend routinemäßig zugunsten der Banken manipuliert wurden, dürfte wohl so gut wie jeder Steuerzahler von diesen Praktiken geschädigt worden sein - das allerdings ohne eine Chance, dies überhaupt zu bemerken. Das Volumen kommt jedenfalls durchaus an die vom LIBOR-Skandal betroffenen Geschäfte heran. So waren laut der Depository Trust & Clearing Corp allein an den von den ISDAfix-Manipulationen besonders betroffenen "Swaptions" (Optionen, die es dem Käufer gegen die Zahlung einer einmaligen Prämie erlauben, zu einem zukünftigen Zeitpunkt in ein Zins-Tauschgeschäft einzutreten) zuletzt 29,5 Billionen Dollar an Nominale ausständig.

"Banging the Close"

Nach Quellen aus der CFTC zeigten aufgezeichnete Telefongespräche und Emails mehr als deutlich, wie Trader von Wall-Street-Banken diese Sätze manipuliert und dadurch auf Kosten ihrer Kunden Millionen an Handelsgewinnen eingefahren hätten. Dabei hätten zuerst die hauseigenen Swaption-Trader ihren Kollegen aus der Rate-Swap-Abteilung mitgeteilt, auf welches Niveau die ISDAfix-Sätze jeweils zu bringen wären. Ihr Ziel war es, die "Marktwerte" der Derivativ-Positionen der Bank zu maximieren, bevor diese am nächsten Tag anhand der ISDAFixx-Sätze abgerechnet würden. Ihre Kollegen hätten daraufhin die Broker von ICAP, dem weltgrößten Vermittler derartiger Kontrakte im Interbankbereich, beauftragt, so viele Zinskontrakte wie nötig zu kaufen bzw. zu verkaufen, um die im vorhinein festgelegten ISDAfix-Werte zu erreichen. Das sei stets kurz vor 11 Uhr Vormittags geschehen, also genau zu dem Zeitpunkt, in dem die laufenden Geschäfte zur Bestimmung des Referenzsatzes dienen – was als "banging the close" bezeichnet wird.

Derartige Manipulationen waren bislang allerdings eher schwer zu ahnden, sie sind jedoch nach den Regeln des Dodd-Frank Act von 2010 explizit verboten. Dieser stellt die absichtliche Manipulation von Transaktionen unter Strafe, die das Settlement von Schlusskursen und so auch von Referenzpreisen bestimmen. Laut Bloomberg konzentriert sich die Untersuchung der CFTC aktuell auf den in New Jersey angesiedelten Interest-Rate Swap Desk von ICAP, der in der Finanzbranche schon länger als "Schatzinsel" benannt wurde, da die dort engagierten Broker in guten Zeiten Jahresgagen von sieben Millionen Dollar und mehr bezogen. ICAP managt zudem einen von rund 6000 Marktteilnehmern genutzten Bildschirm, der die aktuellen Swapsätze verbreitet.

Während die ICAP-Broker von den Wall-Street-Banken also tausende Dollar an Handelsprovisionen verdienten, gaben die Banken (wobei natürlich längst auch die Deutsche Bank verdächtigt wird) diese offenbar gerne aus, um dadurch Millionen an ihren Kunden-Swaptions zu verdienen - was sie nun jedoch aufs Neue teuer zu stehen kommen dürfte.

Anzeige