Ich bin Eisradler, ein toller Typ oder: Selbständigkeit leicht gemacht

Das neue Hartz-Konzept, die „Minipreneure“, soll den arbeitslosen Ex-Mitarbeitern der Drogeriekette Schlecker helfen. Doch was als "zukunftsträchtige Selbständigkeit" angesehen wird, schwankt zwischen Esoterik, Naivität und dem Mut der Verzweiflung.

„Für das Konzept wurde ein biopsychosozialer Ansatz gewählt, der sich dem Problem umfassend nähert: Er betrachtet die biomedizinische Seite der Aufgabe, berücksichtigt die psychologischen Aspekte und hat die wirtschaftlichen Dimensionen ebenso im Blick wie die gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen.“ So definierte 2010 Peter Hartz sein Konzept der sogenannten Minipreneure. Der Idee der Ich-AG folgend, sollen (Langzeit)arbeitslose nicht nur für den Arbeitsmarkt nicht nur fit gemacht werden, sondern durch Talentdiagnose und einem Beschäftigungsradar gezielt Ideen zur Selbständigkeit entwickeln.

Der Kern des Projektes besteht darin, dass der Arbeitslose sich als Projekt begreift, heißt es auf der Homepage. Jemand, der sein Leben selbst in die Hand nimmt, der sehr klein anfängt, dem ein bisschen nicht zu wenig ist und der dann mit Hilfe anderer Perspektiven für einen neuen Job bekommt. Dies klingt ein wenig nach dem „Tellerwäschermodell“, das mit Anstrengung und Genügsamkeit zum Milliardenvermögen führen kann. Ein Blick auf die auf der Webseite angebotene Dienstleistungsbörse lässt vermuten, dass hier tatsächlich amerikanische Ideen auf Deutschland übertragen wurden. Die Liste der Minipreneurideen ist eine Auflistung von Selbständigkeitsideen, die an die Zeit erinnert als die von der Arbeitsagentur und den Weiterbildungsinstituten frisch ausgebildeten Homepagedesigner und Webentwickler auf den Markt drängten und hofften, durch diese Dienstleistung ein Auskommen zu erzielen. Manchen der dortigen Bezeichnungen haftet etwas Esoterisches an, manches wirkt fast schon rührend naiv als Geschäftsidee.

Die Dienstleistungsbörse teilt die angebotenen Ideen auf in Familiendienste, Natur + Garten, Kleinunternehmerdienste, Zuhause betreut, Handgemacht, Nachhilfe und Gesundheit + Wohlgefühl und obgleich unter den vielen Diensten bisher nur wenige Leistungsgeber eingetragen sind, bietet bereits die Liste der Minipreneurberufsbezeichnungen einen Einblick darin, was unter Minipreneuren zu verstehen ist.

So finden sich neben dem Glücksberater (Er gibt als „Bester Freund“ Tipps und Tricks in allen Lebenslagen und informiert als Coach über die Ergebnisse der Lebensqualitätsforschung. Im Gegensatz zu den Angeboten der Psychotherapeuten geht es dabei nicht um die Behebung einer Erkrankung sondern um die Optimierung des eigenen Lebens der Kunden), dem Twitter- und Blog-Ghostwriter auch der Ebay-Zwischenhändler oder der Game-Berater und Game-Level-Upgrader in Personalunion.

„Ein bisschen ist uns nicht zu wenig“ – unter diesem Motto finden Arbeitslose wieder einen Job – oder werden zu Minipreneuren: Mini-Selbständige also, die auf Stundenbasis und auf eigene Rechnung die Tätigkeiten ausführen, die ihren Fähigkeiten, Neigungen und Vorkenntnissen am besten entsprechen. Minipreneure arbeiten mit Menschen und Materialien, sie sind kreativ und serviceorientiert. Ihre Dienstleistung wird gebraucht, sie arbeiten in Bereichen mit hohem Potenzial für die Zukunft. Zunächst vielleicht nur ein- oder zweimal in der Woche, nur für ein paar Stunden. Doch besteht die Chance, dass aus dem Teilzeit-Minipreneur im Laufe der Zeit ein erfolgreicher Vollzeit-Selbständiger wird und anders als bei der Ich AG bleibt er dabei nicht alleine. „

So beschreibt die Webseite, die von der geldgebenden Stiftung „Saarländern helfen Saarländern“ unter Peter Hartzs Sohn betrieben wird, die Idee der Minipreneure. Und es ist anzunehmen, dass mit den meisten der Ideen wirklich nicht mehr als ein „bisschen“ erzielt werden kann, wenngleich die Hoffnung auch zuletzt stirbt. So hat sich unter „Handgemacht“ ein Herr mit selbstgemachten Schnäpsen und Likören eingetragen bzw. eintragen lassen, bei den Kleinunternehmerdienstleistungen werden sowohl Büroservice als auch freier Textservice und Dienstleistungen für juristische Berufe von zwei Herren angeboten, die vorsichtshalber gleich mehrere Dienstleistungen anbieten. Da sich einer der Herren auch als Veranstalter von virtuellen Reisen verdingen möchte, kommt man nicht umhin zu denken, dass hier jemand mehr oder minder ziellos auf das Wunder Selbständigkeit hofft. Ob diese Ideen wirklich, wie es vollmundig auf der Webseite heißt, zukunftsträchtig sind, darf eher bezweifelt werden.

Auch die Art und Weise, wie hier die Selbständigkeit angepriesen wird, erinnert eher an us-amerikanisches „Du schaffst es“-Denken, verbunden mit entweder Naivität oder Ignoranz in Bezug auf gerade auch bundesdeutsche Bürokratie. So werden beispielsweise der „Grill-Walker“ und der „Eisradler“ als Minipreneurideen genannt. Hinter beidem versteckt sich im Endeffekt nichts weiter als jemand, der entweder mit dem Fahrrad oder zu Fuß Lebensmittel verkauft. Gerade beim Grillwalker wird euphorisch auf die Erfolgsgeschichte in Berlin verwiesen. Dort hat sich jemand als Grillwalker erfolgreich selbständig gemacht – doch in den betreffenden Artikeln über die Erfolgsstory zeigt sich bereits auch die Tücke der Idee: das Patent wird derzeit geprüft, der Name ist bereits patentrechtlich geschützt. Auch beim Eisradler, der sich im Winter als Maroni- oder Bratäpfelradler seiner Selbständigkeit erfreuen kann, heißt es, dass die Selbständigkeit so simpel sein kann:

„Ein umgebautes Fahrrad mit Kühlanlage, selbstgemachtes oder gekauftes Eis – mehr braucht es nicht, um sich als Eisradler zu verdingen. Er verkauft die gefrorene Süßigkeit in Parks und Grünanlagen. Im Winter sattelt er auf Maronen oder Bratäpfel um.“

Diese Naivität zieht sich nahtlos durch alle Berufe, gerade auch bei den Bereichen Familienhilfe und Zuhause betreut scheint das Fachwissen, die Erfahrung und nicht zuletzt auch die versicherungstechnische Seite keine Rolle zu spielen, wenn es heißt:

„Generation Rücksitz“ wurden die heutigen Kinder in der Presse bereits betitelt. Immer mehr Eltern versuchen ihre Kinder durch allerhand Freizeit-angebote zu fördern. Der Transport auf dem Rücksitz des Autos hat zu diesem Etikett geführt. Gerade für Eltern mit mehreren Kindern kann es zur Herausforderung werden, den Nachwuchs zwischen Sport, Musik und Na-turwissenschaftlichen Erfahrungskursen zu kutschieren. Der

Kinder-Freizeit-Begleiter

hilft. Er bringt die Kinder wahlweise mit dem Auto oder begleitet sie mit Fahrrad oder einfach zu Fuß. Und hat auf dem Rückweg sogar noch Zeit, eine Pusteblume zu pflücken oder Kastanien zu sammeln.“

Angesichts der Tatsache, dass die Minipreneuridee nunmehr den saarländischen Ex-Schlecker-Mitarbeitern helfen soll, stellt sich die Frage, ob langjährigen Verkäuferinnen, die keineswegs in der Isolation verharren, tatsächlich auf diese Weise eine Perspektive angeboten wird, wie es die Webseite verspricht:

„Sie sind arbeitslos und möchten wieder am Arbeitsmarkt Fuß fassen? Sie sind bereit, sich selbst zum Projekt zu machen, Kooperation und Hilfe zu suchen und aus der Isolation zu gehen? Jeder Teilnehmer unserer geförderten Weiterbildungsmaßnahmen erhält eine Perspektive! „

Das Projekt der Hartzschen Stiftung ist dabei für diejenigen, die z.B. von der Dienstleistungsbörse profitieren wollen, keineswegs eigennützig. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) finden sich die finanziellen Bedingungen für die Nutzung der Dienstleistungsbörse. Um in dieser eingetragen/registriert zu werden, zahlt der Leistungsgeber (also Minipreneur) monatlich 10 Euro an die Minipreneur GmbH, die als Anbieter fungiert.

Doch damit nicht genug: Es ist den Leistungsgebern ausdrücklich untersagt, selbst oder durch eine beauftragte Person Angebote zu unterbreiten, die nicht dem Leistungskatalog des Anbieters zugeordnet werden können. Dies bedeutet, dass beispielsweise der „Game-Level-Upgrader“ nicht auch eine PC-Reparatur anbieten darf/kann, so er mit der Minipreneur GmbH einen Vertrag eingeht, selbst wenn er dafür befähigt ist. Die Fähigkeit wird von der GmbH allerdings nicht geprüft – auch sonst zieht sie sich zwar weitgehend aus Haftungsfragen zurück und verzichtet auf Mahnungen bei Zahlungsverzug, lässt sich allerdings die Aufträge, die die Minipreneure erhalten, mit 10% des Nettoumsatzes vergüten.

„Der Anbieter berechnet ferner für die im Falle des Zustandekommens eines Vertrages zwischen dem Leistungsgeber und einem Leistungsnehmer von ihm zu erbringenden Dienstleistungen ein weiteres Entgelt in Höhe von 10 % des monatlichen Netto-Umsatzes des jeweiligen Leistungsgebers. Der Leistungsgeber verpflichtet sich insoweit, die bei einem Leistungsnehmer erbrachten Arbeitsstunden auf dem Formblatt „Arbeitszeitnachweis“, das auf der Internetplattform www.minipreneure.de zum Download bereit gestellt wird, zu vermerken und sich die Leistungserbringung von dem jeweiligen Leistungsnehmer durch Unterschriftsleistung bescheinigen zu lassen. Diesen Arbeitszeitnachweis hat der Leistungsgeber zum Ende eines jeden Monats dem Anbieter unaufgefordert zur Verfügung zu stellen, damit dieser im Auftrag des Leistungsgebers die Abrechnung über die erbrachten Leistungen gegenüber dem Leistungsnehmer erstellen und diesem zuleiten kann. Der Leistungsgeber ist sodann verpflichtet, von dem errechneten Gesamtbetrag einen Anteil in Höhe von 10 % bis zum 10. Werktag des nachfolgenden Monats auf das Konto des Anbieters bei der SaarLB Saarbrücken, Konto-Nr. 2002 72 72, BLZ: 590 500 00 zu überweisen. Der Anbieter schickt den Leistungsgebern zu diesem Zweck per e-Mail Rechnungen an die hinterlegten e-Mail-Adressen, denen das zu entrichtende Entgelt zu entnehmen ist.

Leistungsgeber kommen bezüglich des zu entrichtenden Entgelts in Höhe von 10,00 € ohne weitere Mahnung nach Erhalt der Rechnung nach Ablauf von 10 Werktagen mit der Zahlung dieses Betrages in Verzug. Mit der Zahlung des vom monatlichen Nettoumsatzes errechneten Anteils in Höhe von 10 % kommen Leistungsgeber nach Ablauf der in Absatz 4 genannten Frist in Verzug, sofern nicht ausnahmsweise eine verspätete Rechnungsstellung seitens des Anbieters erfolgt sein sollte.
<(AGB Minipreneure.de)

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