Ideenreich durch Stromschläge?

Elektrostimulationen lösen alte Denkmuster im Gehirn

Kann man schwierige Aufgaben mit Hilfe von gezielter Hirnstimulation besser lösen? Allan Snyder und Richard Chi von der Universität Sydney ließen 60 Personen in einem ersten Schritt 27 Fragen beantworten, die alle dem gleichen Strickmuster folgten: Sie mussten in einer Streichholzgleichung mit römischen Zahlen an der korrekten Stelle aus einem X ein V formen. Danach fällt es den meisten Menschen schwerer, einen neuen Aufgabentyp zu bearbeiten.

Anschließend wurden die Freiwilligen in drei Gruppen eingeteilt: Bei der ersten wurde der linke Temporallappen angeregt und die Aktivität des rechten Lappens gleichzeitig gedämpft. In der zweiten Gruppe war die Stimulation umgekehrt, in der Kontrollgruppe wurde eine Scheinstimulation durchgeführt. Die Anregung erfolgte durch Transkraniale Stimulation; im Grunde nicht viel mehr als ein Helm, der mittels auf der Kopfhaut aufgeklebten Elektroden Ströme in gewisse Hirnregionen schickt.

Die Testpersonen, deren rechter Frontallappen stimuliert worden war, schnitten erheblich besser als die Personen in den beiden anderen Gruppen. Nach sechs Minuten hatten rund 60% das Rätsel gelöst – drei mal so schnell wie die anderen. Glaubt man den Autoren ( gesamter Artikel) wurde eine derartige Verbesserung zuvor noch nie erzielt.

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Elektrostimulationsaufgabe

Der Titel „Kreativer dank Elektrostimulation“ ( spektrumdirekt) trifft es trotzdem nicht so ganz. Denn das Experiment zeigt nur, dass Elektrostimulation aus festen Mustern befreien und Denkblockaden lösen kann. Schon das ist wahrlich nicht wenig, ist aber nur der erste Schritt in einem kreativen Prozess. Anders formuliert: Nur weil man offen für neue Ideen ist, muss man noch keine haben.

Zudem muss berücksichtigt werden, dass die Transkraniale Stimulation die Impulse relativ unpräzise verteilt. Es dürfte nicht nur der Frontallappen beeinflusst worden sein. Folgt man der Logik des Experiments, landet man wieder bei der längst überwunden geglaubten Einteilung des Gehirns in eine kreativ rechte und logische linke Hälfte. Dabei sind bei allen komplexen Tätigkeiten beide Hirnhälften beteiligt.

Und noch etwas schränkt die Ergebnisse der Studie ein: Arne Dietrich und Riam Kanso von der Universität Beirut haben für eine Meta-Analyse diverse Experimente gesichtet pdf, die Einsichtsfähigkeit und Kreativität zum Thema hatten. Dort zeigt sich, dass je nach Aufgabenstellung die Ergebnisse variieren. Nicht immer hilft die Stimulation des linken Frontallappens, manchmal ist es genau umgekehrt. Die dritte Aufgabe in der Snyder-Studie wurde denn auch von allen Personen ähnlich schnell gelöst.

Das Experiment steht in Zusammenhang mit der These Snyders, dass alle Menschen Inselbegabungen haben, die aber im Normalfall durch eine Ebene des bewussten Denkens blockiert sind. Magnetische oder elektrische Impulse, so hofft Snyder, könnten diese Ebene ausschalten und so den Weg frei für enorme mentale Fähigkeiten machen.

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