Im Kriegsgetümmel der Geschichte

Geht es hart auf hart, ist eine starke Kampfmoral der Truppe ausschlaggebend für den Sieg über den Feind

Als Außenstehender hatte man in den letzten Jahren häufig den Eindruck, dass die Geschichtswissenschaft wieder mehr Wert auf die Erforschung von Strukturen und Prozessen, Ideen und Begriffen gelegt hat, statt auf das politische Handeln der Akteure. Damit einher ging eine De-Potenzierung des Zufalls, der Gunst oder der Macht von Individuen, namentlich der von bedeutenden Heerführern, Fürsten oder Königen. Der Name des Bielefelder Historikers Reinhart Koselleck mag für diese Art, die Vergangenheit zu lesen, Pate gestanden haben.

Dieser Eindruck könnte getrogen haben. Zumindest wenn man sich der internationalen Ligen der Historiker zuwendet, insbesondere der angelsächsischen Tradition. Dort, insbesondere in der Militärgeschichte, scheint es nach wie vor Usus zu sein, eher den Kalkülen, Stimmungen und Lebenslagen der darin verstrickten Akteure nachzuspüren als mit dem Monokel oder mit dem geopolitischen Fernglas auf vergangene Ereignisse zu blicken. John Keegan und seine minutiösen Analysen der Schlachten in Agincourt, Waterloo und an der Somme, etwa in "The Face of Battle" von 1974 grundgelegt, mögen wiederum dafür stilbildend sein.

Wie überhaupt die "Schlacht von Waterloo" vom 18. Juni 1815, mit der die revolutionäre Phase der frühen Neuzeit, gut ein Vierteljahrhundert nach der Erstürmung der Bastille, ihren blutigen Abschluss fand, und gleichzeitig die Zeit der politischen Restauration in Europa einleitete, eine Vielzahl von Historikern immer wieder fasziniert und inspiriert hat. Daher gehört die Schlacht auch zu den mit am besten untersuchten historischen Tatbeständen.

Drei Armeen standen sich bekanntlich vor knapp 200 Jahren, 15 Kilometer südlich von Brüssel gegenüber, die jeweils rund 100 000 Mann umfasste: Der britische Herzog von Wellington, der sehnlichst auf die Ankunft und Hilfe des preußischen Feldmarschalls Blücher wartete einerseits, sowie der hundert Tage zuvor von der Insel Elba zurückgekehrte Ex-Kaiser Napoléon, der flugs die Armée du Nord aus dem Boden gestampft und gegen die alliierten Kräfte in Stellung gebracht hatte.

Beeindruckt und entzückt hat jenes Gemetzel, das ganz nebenbei den Aufstieg der Briten zur unumschränkten Weltmacht und nachgerade den Preußens begründete und hundert Jahre später zum Clash der Mächte führte, aber auch andere. Nicht nur den Alltag von Hinz und Kunz, wo heute noch so mancher glaubt, "sein (persönliches) Waterloo zu erleben", wenn seine Firma Konkurs anmelden muss, er eine Wahl verliert oder sein Lieblingsverein das "Finale dahoam".

Sondern auch im Pop. Etwa den Britpopper Ray Davies, der 1967 eine Rockballade über den Sonnenuntergang an der "Waterloo Station" schrieb, einem der Hauptverkehrsknotenpunkte Londons, der nach der Schlacht in Wallonien benannt wurde und an sie erinnern soll. Oder, prominenter noch, die schwedische Mixed-Combo "Abba". Mit "Waterloo" entschieden sie 1974 den "19. Grand Prix Eurovision de la Chanson" im südenglischen Seebad Brighton mit deutlichem Abstand für sich.

"At Waterloo", heißt es darin zu Beginn, "Napoléon did surrender / Oh yeah, and I have met my destiny in quite a similar way / The history book on the shelf / Is always repeating itself"; zu Deutsch etwa: "In Waterloo hat Napoleon aufgegeben / Oh yeah, und ich bin meinem Schicksal auf ganz ähnliche Art begegnet / Das Geschichtsbuch auf dem Regal / wiederholt sich immer wieder."

Die Einsicht, die Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus sowie Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad da in ihrem Erfolgssong äußern, ließe sich vermutlich eins zu eins auf die Geschichtswissenschaft übertragen. Auch sie wiederholt sich, immer wieder und in Abständen, nicht bloß in Wort und Schrift, wenn auch immer anders, um es mit dem griechischen Philosophen Heraklit zu sagen.

Dieser Tage zum Beispiel in den Räumen der Münchner "Carl Friedrich von Siemens Stiftung" im Nymphenburger Schloss, wo man sich, wenn die geladenen Redner große Gedanken formulieren oder tief gehende Analysen anstellen, vorm Rednerpult oder in der Diskussion, eher selten die "Nacht" herbeiwünscht oder einen "Blücher", der Zuhörer und Diskutanten vor allzu hochtrabenden Ausflügen oder peinlicher Großmeierei schützt.

Erst in jüngster Zeit war von einigen Historikern die Behauptung in Umlauf gebracht worden, dass Napoleons Untergang bei Waterloo, der letztlich mit der Verbannung vor die afrikanische Küste im Atlantischen Ozean endete, letztendlich ein "deutscher Sieg" war, der zum Großteil auf Leistungen der Preußen und ihrer mit Wellington verbündeten Truppen beruht habe.

Der britische Historiker Brendan Simms, derzeit Fellow der "Siemens Stiftung", mühte sich, diese Ansicht zu entkräften. Seinen Studien nach, die bislang unbekannte Berichte von Akteuren umfassen, die im Staatsarchiv von Hannover lagern, handelte es sich eher um den Erfolg einer multinationalen Truppe. Zwar sprach weniger als die Hälfte der Männer Wellingtons deutsch, der Großteil seiner 95.000-köpfigen Armee bestand aber aus englischen und niederländischen Verbänden.

Ausschlaggebend für den Erfolg der Alliierten über den französischen Ex-Kaiser war danach das 2. Leichte Bataillon der "King's German Legion", das seinerzeit dem Befehl des Majors Georg Baring folgte.

Die "Königlich Deutsche Legion", die 1803 gegründet wurde, war ein deutscher Großverband "Hannoveraner Soldaten", die in Diensten des britischen Königs Georg III. standen und der als einziger deutscher Verband während der gesamten Zeit der französischen Besatzung der deutschen Staaten gegen Napoléon kämpfte. Status und Rolle der Hannoveraner entsprach etwa denen, die die Bundeswehr aktuell in der Nato einnimmt.

Obwohl es in der Mehrzahl Deutsche waren, waren sowohl die Sprache als auch der Geist und die Struktur der Truppe, was Dienstgrade und Befehle, Bezahlung oder den Eid anging, der geleistet werden musste, britisch. Genau genommen handelte es sich bei der Einheit um einen "Hybrid", der von einem besonderen Ethos geprägt wurde: dem Hass auf Napoleon und dem Wunsch, den Franzosen aus Deutschland zu vertreiben.

Napoléon wusste, als er über Charleroi gen Brüssel marschierte, dass er nur dann gegen die zahlenmäßig übermächtigen Armeen gewinnen konnte, wenn er einen Zusammenschluss beider verhindern konnte. Darum setzte er, wie später die Deutsche Wehrmacht auch in ihren "Blitzkriegen", auf "Geschwindigkeit". Er musste versuchen, sich rasch zwischen die Briten und Preußen zu schieben und das alliierte Zentrum vernichten, bevor sich die verstreuten Truppenteile formieren konnten.

Dem Franzosen wäre das auch beinahe gelungen. Noch zwei Tage vor besagter Schlacht bei Waterloo hatte er die Truppen des Feldmarschalls Blücher bei "Ligny" geschlagen, seinem letzten großen Sieg, die Preußen fatalerweise aber nicht vernichtet. Die einbrechende Nacht rettete Blücher. Am darauffolgenden Tag stellte er zwar erneut die Truppen Wellingtons vor Waterloo, musste aber wegen des schlechten Wetters und der Müdigkeit seiner Soldaten den sofortigen Angriff auf den 18. Juni verschieben.

Entscheidend für die Niederlage Napoléons war laut Simms aber weder die Dunkelheit noch sein Zögern und Zaudern als vielmehr die fünfstündige Verteidigung des Gutshofes "La Haye Sainte" durch die Hannoveraner. Dieser wurde gegen Mittag des 18. Juni von etwa vierhundert Mann jenes 2. Leichten Bataillons unter der Führung des Majors Baring besetzt. Sowohl Napoléon als auch sein Gegenspieler Wellington wussten um die Wichtigkeit dieses strategischen Ortes, der auf einer Anhöhe lag. Er musste erobert werden, bevor die Preußen sich mit den Briten vereinigen konnten.

Diese Rechnung Napoléons ging aber nicht auf. Das 2. Leichte Bataillon lieferte den Franzosen einen heldenhaften Kampf. Es werde so lange gekämpft, so ein Soldat der Truppe , "solange sein Kopf noch auf seinen Schultern ruhe". Obwohl die Franzosen mehrere Angriffe gegen den Meierhof unternahmen, gelang es ihnen zunächst nicht, den Gutshof zu erstürmen.

Die Männer um Major Baring schlugen die französische Übermacht immer wieder zurück. Und das obwohl sie übermüdet waren, vom Dauerregen des Vortages vollkommen durchnässt und einige von ihnen obendrein vom übermäßigen Genuss jenes Weines verkatert waren, den sie zuvor in den Kellerräumen des Hofes erbeutet hatten. Zwar musste der Hof gegen Abend, als die Munition auszugehen drohte, nach schweren Verlusten (40 Prozent der Männer waren tot oder schwer verwundet) doch geräumt werden.

Dennoch gab der mehrstündige Widerstand Blücher und den Preußen die nötige Zeit, um heranzurücken und Napoléon am späteren Abend entscheidend zu schlagen. Wäre der Gutshof eher gefallen und die Grande Armée nicht diese entscheidenden Stunden aufgehalten worden, hätte Napoléon vermutlich den Sieg davongetragen und die europäische Geschichte hätte eine andere Wendung genommen.

Allerdings zeigte der verbliebene Rest des Bataillons nach seinem Rückzug aus dem Gehöft akute Auflösungserscheinungen. Was naturgemäß die Frage aufwirft, warum die gut vierhundert Männer fünf Stunden lang in "La Haye Sainte" durchgehalten haben, während die Überlebenden knapp 250 Mann, nachdem sie den Ort verlassen hatten, alsbald das Schlachtfeld mieden und sich in alle Winde verstreut haben.

War es die Angst vor dem Feind, der außerhalb des Hofes lauerte, der die Männer zur Verteidigungsbereitschaft anstachelte? War es deren "eiserne Disziplin" oder auch die Furcht, bei Fahnenflucht hingerichtet zu werden? Waren es edle Gesinnungen, Patriotismus und die Pflicht der Verantwortung, die sie an diesem Ort die Stellung halten ließ? Oder muss man doch die Quellen des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" anführen, denen sich die Hannoveraner besonders verbunden fühlten?

Simms neigte der Überzeugung zu, dass die Enge des Ortes, mithin die territoriale Gebundenheit, den Kampfesmut der Soldaten befeuert und unterfüttert habe. Gekämpft hätten sie jedoch nicht bis zur "letzten Patrone", wie es in anderen Fällen oft heißt. Stattdessen hätten sie sich "ehrenvoll" zurückgezogen, als es rational geboten war. Im freien Feld aber sei dieser "Ausnahmezustand", in denen sich die Männer befunden hatten, nicht mehr gegeben gewesen. Der Zusammenhalt, also Gemeinschaftssinn und Korpsgeist, der die "Hannoveraner" ausgezeichnet hatte, sei urplötzlich zusammengebrochen - womöglich auch wegen der fünfstündigen Dauerbelastung.

Unklar blieb, auch nach der für das Haus eher unüblich kurzen Diskussion, was der Historiker Simms den Zuhörern damit sagen wollte. Warum stürzt sich ein Historiker heute noch, wie ein junger Diskutant von dem Briten wissen wollte, ins Kampfgetümmel blutiger Schlachten. Welche Erkenntnisse will er da gewinnen? Zumal die Schlacht von Waterloo in all ihren Details ausgedeutet ist. Eine rechte Antwort wusste der Brite darauf nicht zu geben. Er wolle vor allem herausfinden, gab er zu Protokoll, was Soldaten dazu bewege, einer Übermacht erbitterten Widerstand zu leisten, obwohl Umstände und Örtlichkeiten widrig seien.

Analogien zu anderen strategischen Kampfplätzen, die Schlacht um Stalingrad oder die bei den Thermopylen boten sich da an. Waren es am rechten Ufer der Wolga noch "Durchhalteparolen", die im Winter 1942/43 den Kampfeswillen der eingekesselten 6. Armee der Deutschen speisten, waren es laut den Erzählungen Herodots und im Fall des nur fünfzehn Meter breiten Engpasses zwischen Kallidromos-Gebirge und dem Golf von Malia tatsächlich Heldenmut und Opferbereitschaft von dreihundert Spartanern um ihren Anführer Leonidas. Ihr aufopferungsvoller Kampf gab Themistokles die nötige Zeit, Athen zu evakuieren, und später, in der Seeschlacht bei Salamis, die Unabhängigkeit der griechischen Staaten gegen die Perser zu verteidigen.

Eng verknüpft mit diesem mittlerweile längst unzeitgemäßen Heroismus ist seitdem jener Spruch, der auf einer Stele angebracht an diese Heldentaten erinnert und den Friedrich Schiller 1795, zwanzig Jahre vor der Schlacht bei Waterloo, in "Der Spaziergang" aufgriff: "Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl."

Als Anfang der 1970er in einer der beiden Pausenhallen des Neubaus meines damaligen Heimatgymnasiums die Schulleitung beschloss, eine Bronzetafel mit dem letzten Teil des Epigramms: "Wie das Gesetz es befahl" anzuhängen, kam es zu einem mittleren Aufstand, nicht nur unter der Schüler-, sondern auch unter einem Teil der Lehrerschaft. Zu sehr fühlten sich die Gegner bei diesem Spruch an die Nazi-Vergangenheit und an Hermann Göring erinnert, der 1943 einen Vergleich zwischen beiden Schlachten gezogen hatte.

Welche Lehren oder gar welchen Nutzen aus der Verteidigung von "La Haye Sainte" durch die Hannoveraner gezogen werden könnten, dazu wollten weder der Brite Simms noch die zahlreichen Zuhörer Stellung nehmen, obwohl diese Fragen unausgesprochen im Raum oder in der Luft lagen. Fehlt es der Nato oder anderen, multinationalen Truppenverbänden des Westens derzeit an Anteilnahme, Zusammenhalt und patriotischer Gesinnung, um sich Autokratien oder anderen Unrechtssystemen leidenschaftlich und opferbereit entgegenzustellen, in Mali oder Syrien, am Hindukusch oder bald im Iran?

Um die Wert- und Sinnhaltigkeit aktueller Kriseneinsätze, die sowohl die Nato als auch US-Truppen verrichten, ist es derzeit bekanntlich nicht zum Besten zu stehen. Dass Demokratie und Freiheit am Hindukusch oder im Zweistromland, in der Wüste Saharas und eventuell bald in Syrien, auf den Golan-Höhen, oder im Iran verteidigt werden, ist nur den allerwenigsten plausibel. Es häufen sich Berichte, die den Sinn derartiger Missionen in Frage stellen und den Wert solcher Einsätze in Zweifel ziehen, in den USA ebenso wie in Europa.

Hier wie dort ist man kriegsmüde geworden. Zehn Jahre Kampf gegen den Terror zermürben. US-Veteranen halten die Kriege inzwischen für Zeitverschwendung und der Milliarden an Dollar nicht wert, die dafür ausgegeben werden und wurden. Umfragen vom Herbst letzten Jahres haben das ans Tageslicht gebracht. Von einer "starken Kampfmoral" und "inneren Führung" der Truppe, wie das im Bundeswehrjargon genannt wird, ganz zu schweigen. Im Gegenteil: Gerade erst machen Berichte die Runde, dass US-Veteranen Folter-Netzwerke in irakischen Gefängnissen errichtet hätten . Und das offenbar unter oder mit Duldung der militärischen Führung.

Und auch bei den deutschen Einheiten in Kundus und Umgebung ist die Sinnfrage längst die dominierende, nicht die nach Frieden, Demokratie und Burka-Mädchen. Sie wird wesentlich häufiger gestellt, als es die politische und militärische Führung des Landes zugeben mag. Ein Buch des Journalisten Jonathan Schnitt, der ein halbes Jahr "embedded" mit den Kameraden lebte und mit einem kleinen Panzerspähtrupp nach Sprengfallen suchte und Taliban jagte, legt davon beredtes Zeugnis ab.

Seinem Bericht zufolge ist von dem ursprünglichen Ziel des Bundeswehreinsatzes, den man der deutschen Bevölkerung einst verkauft hatte, acht Jahre später wenig übrig geblieben. Auch den "Jungs" dort ist der Aufwand, den der Einsatz, der seit ein paar Jahren auch Krieg genannt werden darf, den Euro nicht wert. Die Antworten, die Schnitt in 3570101304/ref=nosim?tag=telepolis0b-21 "Foxtrott 4" gibt, passen nicht so recht zu den politischen Korrektheiten, die dazu im öffentlich-rechtlichen Staats- und Zwangsfernsehen gern verbreitet werden. Die Bilanz, die er zieht, ist illusionslos und fällt hinsichtlich des Ziels, das der Einsatz mal hatte, teilweise vernichtend aus, auch wenn Passagen teilweise etwas schöngefärbt und politisch stramm korrekt wirken, vor allem jene Aussagen, die von Vorgesetzten gemacht werden .

Dass über all das in München niemand sprach, höchstens hinter vorgehaltener Hand während oder am Buffet, verwunderte sehr. Zumal man über Simms weiß, dass er sich selbst gern als ein Historiker begreift, der "politisch agieren" und "Politik machen" will. Schon im Bosnien-Krieg Ende der 1990er hatte er die zunächst recht lasche Haltung seiner Landsleute heftig kritisiert, weil sie nur sehr zögerlich gegen die serbischen Angreifer vorgingen. Hätte man früher interveniert, wären Kriegsverbrechen wie das "Massaker von Srebrenica" verhindert worden.

Aber vielleicht ist der Verweis auf den Nutzen und die Bedeutung einer "starken Kampfmoral" von Einheiten und Verbänden in robusten oder gewaltsamen Einsätzen auch längst Schnee von gestern. Höchstens im Straßen- und Häuserkampf, in Gaza, Bagdad oder in Damaskus ist sie schließlich erforderlich. Und den scheuen die Länder des Westens bekanntermaßen wie der Teufel das Weihwasser. Jeder Body Cab, der zu Hause ankommt, lässt die Sorgenfalten der Politiker wachsen und die Lautstärke der Medienöffentlichkeiten anschwellen. Darum hat man derlei "dreckige" Jobs auch längst in die Hand von special forces oder Anti-Terror-Kräften gelegt, die darauf in langjährigem Training gedrillt werden.

Bei Drohnen- und Bildschirm-Kriegen oder Bomben-Teppichen, die aus über 10 000 Meter Höhe erfolgen, ist das nicht mehr nötig. Hier verschwindet der Feind aus dem Blick. Da braucht es auch weder Mut und Heldentum, noch Tapferkeit und Opferbereitschaft, eher guter Koordinaten, blitzschneller Rechner und stimmiger Algorithmen. Vor dem Schirm steht der Soldat dem Feind nicht mehr von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Der Kampf Mann gegen Mann, den die Hannoveraner auf dem Meierhof noch in Blut, Staub und Schlamm geführt haben, lösen sich in Pixel auf. Der Soldat sitzt, während der Feind rechnerisch geortet, ins Visier genommen und chirurgisch sauber und fein zur Strecke gebracht wird - Kollateralschäden inbegriffen, in Hemdsärmeln in warmen Stuben an einem geschützten Ort.

Anzeige