Im Netz und doch privat

Ungeschriebene soziale Normen: Was Eltern, Pädagogen und Personaler für öffentlich halten, gilt Teenagern als privat, selbst wenn es auf sozialen Netzwerken zugänglich ist

Eltern, Lehrer und Polizisten haben ein anderes Verständnis von Intimität als Schüler. Was die Mahner und Erzieher für öffentlich halten, gilt den Teenagern als privat, selbst wenn es auf sozialen Netzwerken zugänglich ist. In ihren Augen übertreten diese Erzieher schon dann wichtige Grenzen, wenn sie zum Beispiel Fotos aus Facebook aus dem Kontext reißen und öffentlich vorführen, um in pädagogischer Absicht auf Missbrauchsmöglichkeiten hinzuweisen und allzu große Naivität im Posten von privaten Dingen.

Die Wahrnehmung der "sozialer Privatheit" im Internet durch Teenager, die sich von der Haltung der „Erwachsenenwelt“ abgrenzt, woanch alles, was im Internet erscheint, gleichermaßen öffentlich ist, Thema einer wissenschaftlichen Arbeit zweier US-Forscher aus der Microsoft-Research. Es ist keine empirische Studie, die zu quantifizierten Erkenntnissen geführt, sondern eine Beschreibung des Umgangs von Jüngeren mit Privatem in sozialen Netzwerken.

Hervorgehoben wird darin, dass sich die Teenager, anders als dies das in vielen Darstellungen verbreitete grobe Stereotyp vom datenschutz-ignorierenden, exhibitionitischen, naiven "Alles-Egal-Socialnetwork-User" vermittelt, im Netz an ungeschriebenen, aber gültigen und verbindlichen sozialen Normen ausrichten, die den Umgang miteinander regeln. Es gebe durchaus eine Privatsphäre in dieser Netzöffentlichkeit, die aber von Eltern nicht wahrgenommen oder gar übertreten wird, so die These dieses Papers.

Als veranschaulichende Analogie zum Übertreten dieser ungeschriebenen Normen wird der Voyeurismus in der physischen Öffentlichkeit herangezogen. Jeder, der auf einem öffentlichen Platz, in einem Lokal, in Bus oder Bahn jemanden anstarre oder auffällig Gesprächen lausche, verletze soziale Codes, dies sei auch jedem bewusst. Analog dazu sollten auch für Fotos oder Postings auf sozialen Netzwerkseiten solche Grenzen gelten.

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