In Kunstfragen ist Demokratie schädlich

Die Freunde der Freunde: In einem offenen Brief greifen Filmkritiker die Filmakademie und das Konsenskino an

Es war ein kalkulierter Schlag ins Gesicht, zeitlich genau passend zum heutigen Berliner Beziehungsgespräch zwischen Deutscher Filmakademie und deutscher Filmkritik - 18-20 Uhr, Fluxbau an der Spree -, nicht nett gemeint und nicht nett in der Wirkung, dafür in der Sache überfällig: In einem offenen Brief, der in der Berliner taz, in der "Süddeutschen" und in der ZEIT komplett, und in der "Welt" auszugsweise veröffentlicht wurde, haben sich 20 namhafte Filmkritiker gegen gegen die bisherige Vergabepolitik und die geltenden Verfahren des Deutschen Filmpreises gewandt.

Diese Kritik trifft nicht allein die Deutsche Filmakademie, die ihre Film-Preise seit 2005 alljährlich in einem in vielen Einzelheiten intransparenten Massenabstimmungsverfahren vergibt, und deren Schwarmintelligenz schon oft zu fragwürdigen, zum Teil gar lächerlichen Ergebnissen geführt hat. Sie trifft aber auch den Kulturstaatsminister der Bundesregierung, CDU-Politiker Bernd Neumann. Denn die Preise der Filmakademie sind keineswegs ihre eigenen, sie sind ihr nur vom Bundestag geliehen, und da sie mit rund 3 Millionen Euro pro Jahr dotiert werden, wird hier auch ein Minister kritisiert, der seiner Aufsichts- und Sorgfaltspflicht offenkundig nur unzureichend nachkommt.

Zugleich zeigt die unterschiedliche Publikationspraxis des Briefes bemerkenswerte Unterschiede zwischen den einzelnen Medien und wirft auch einige Fragen auf, die die Autorschaft, die Unterzeichner und die Praxis der Filmkritik in Deutschland betreffen.

Unübersehbare Tendenz zum kleinsten gemeinsamen Nenner, zu einem Konsenskino

Mit Verweis auf die kommenden Hofer Filmtage heißt es da, diese könnten Anlass sein, "einmal grundsätzlich über den Deutschen Filmpreis zu diskutieren, den Sie seit 2005 vergeben". Dieser höchstdotierte deutsche Kulturpreis sei - anders als Oscars, Césars oder Goyas - ein öffentlich finanzierter Preis:

"Hieraus erwächst für die Akademie eine große Verantwortung, weil die Preisgelder für künftige Filmprojekte vorgesehen sind. Ist diese Vermischung von Förderungspolitik und der Auszeichnung künstlerischer Leistungen unverrückbar festgeschrieben? Liegt nicht hier schon die Wurzel aller Unzufriedenheit? Nicht erst seit der Filmpreisgala 2012 fragen wir uns, ob die Auswahl- und Abstimmungsregeln, die sich die Akademie selbst gegeben hat, wirklich dazu geeignet sind, der Vielfalt des deutschen Films auch im Sinne einer finanziellen Förderung zu entsprechen. Kann die Mehrheitsabstimmung der 1.300 Mitglieder das garantieren? ... Die Entscheidungen der letzten Jahre zeigen eine unübersehbare Tendenz zum kleinsten gemeinsamen Nenner, zu einem Konsenskino, das künstlerische Extreme ebenso wie große Kassenerfolge von vornherein ausschließt."

Vor allem aber, heißt es weiter sinngemäß, verfehle die Filmakademie ihre Aufgabe:

"Leider hat sich bei uns der Eindruck festgesetzt, dass die Akademie an einer Auseinandersetzung mit solchen und anderen Befunden nur wenig Interesse hat. Kritik wird ignoriert oder in internen Zirkularen der Akademie verhöhnt, obgleich der Zweck einer Akademie ja genau darin besteht: Impulsgeber und Akteur im öffentlichen Gespräch über Film und Kino zu sein."

Nuancen und Verschiebungen

In der taz war dieser Brief inklusive der Unterzeichnernamen kommentarlos abgedruckt, versehen mit der sachlichen Überschrift: "Aufruf von FilmkritikerInnen. Offener Brief an die Filmakademie". In der "Zeit" ebenfalls ein Komplettabdruck, in der Überschrift aber reißerischer und im Ton einer strengen Tante: "So nicht, liebe Akademie!"

Die "Welt" druckt den Brief immerhin auszugsweise, kommentiert ihn aber fehlerhaft: Denn weder "Fernsehstationen" noch "Online-Medien" sind, wie dort behauptet, beteiligt. In der FAZ dagegen, obwohl doch vier der 20 Unterzeichner dort angestellte Redakteure sind, findet sich nur eine vergleichsweise kleine Meldung, die einen Teil der Argumente referiert.

In der "Süddeutsche"n schreibt Tobias Kniebe, einer der Filmredakteure, lieber einen eigenen Kommentar, der immerhin fast doppelt so lang ist wie das Schreiben und einige interessante Gedanken und Beobachtungen enthält, die über den Brief noch hinausgehen: "Tatsächlich würden wohl selbst die Mitglieder der Akademie in ihrer Mehrheit nicht behaupten, dass das derzeitige Nominierungs- und Preisvergabeverfahren zufriedenstellend funktioniert."

An einer Stelle verschiebt er den Sinn des Schreibens allerdings auch in Richtung Kommerz, wenn Kniebe Mainstream-Filmer wie Til Schweiger oder Bernd Eichinger mit - bezeichnenderweise nicht namentlich genannten - Filmemachern auf eine Stufe stellt, "die hohe künstlerische Risiken eingehen und Neues wagen wollen" und "diskriminiert" würden: "Ohne Chance auf eine kulturelle Förderung, die sie dringend brauchen könnten."

Stimmt zwar, doch der von Kniebe mitunterzeichnete Brief hat schon eher eine andere Tendenz: "Müssen nicht auch preiswürdige, aber nicht unbedingt mehrheitsfähige Ausnahmefilme eine Chance bekommen, solange der Preis als kulturelle Subvention definiert ist?", wird da gefragt, und darauf hingewiesen, Filme wie "John Rabe" (Goldene Lola 2009) und "Vincent will Meer" (Goldene Lola 2011) seien ja wohl kaum die herausragenden Filme ihres Jahrgangs.

Demokratie, das ist die logische Konsequenz des Schreibens, schadet in Kunstfragen nur. Was in der Politik oft gut ist, der Konsens, führt in der Kunst zu schlechten Resultaten.

Berliner Freundschaftszirkel

Ein paar Fragen bleiben, blickt man nun noch etwas länger auf den offenen Brief. Ein wenig scheinen die Vorwürfe, die die Unterzeichner der Filmakademie machen, salopp gesagt: Geheimniskrämerei, Intransparenz, Freunderlwirtschaft und ein gewisses hierarchisches elitäres Gehabe, die mangelnde Bereitschaft zu Integration und streitbarer Auseinandersetzung, nämlich auch auf sie selber zuzutreffen.

Obwohl man gewiss mit vielen Unterstützern rechnen kann, ist es einstweilen nicht möglich, dass auch andere den offenen Brief unterstützen. Man bleibt unter sich. Die Unterzeichner sind im Printbereich sämtlich Redakteure, kein einziger freier Autor wurde offenbar gefragt. Ebenso ist kein Online-Medium vertreten. Aber auch im Printbereich wurden wichtige Medien im Vorfeld nicht gefragt, und damit deren Konkurrenz in Punkto Aufmerksamkeit einseitig bevorzugt: Epd ist dabei, die Konkurrenz vom Filmdienst nicht, Tip ist dabei, die Konkurrenz von Zitty nicht, und die Abwesenheit sämtlicher anderer Stadtmagazine ähnlichen Zuschnitts verstärkt den Eindruck einer Aktion gut vernetzter Berliner Freundschaftszirkel. Auch das wirft ein Schlaglicht, auf die Solidarität unter Kritikern.

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