Iran und Zizek, der Unvermeidliche

Wie Texte ganz postmodern beliebig austauschbar und auf alle möglichen Nationen und politische Akteure übertragbar sind.

Wieder hat er zur Tastatur gegriffen und einen Rundbrief verfasst. Die Rede ist von Slavoj, the Zizek, der, wie sein liberaler Antipode Bernhard, the Lévy, wenn irgendwo auf der Welt ein Protestschrei ertönt oder ein Stofffetzen ins westliche Fernsehen gehalten wird, eine Verschwörung, einen Zusammenstoß oder ein Verbrechen wider die Menschlichkeit wittert.

Während der Franzose seine Protestnoten zu den Ereignissen im Iran längst zu Papier gebracht hat - dafür hat ihm ein Franzosenmagazin längst einen hauseigenen Blog eingeräumt - , musste der slowenische Pop-Philosoph aufgrund einer solchen fehlenden Hausmarke erst noch Hausieren gehen. Die New York Times, die er am liebsten bedient hätte, scheint aber, nachdem sie seine Zeilen erhalten hatte, die Veröffentlichung, wie man hört, dankend abgelehnt zu haben, was den notorisch um öffentliche Aufmerksamkeit Bemühten vermutlich arg gekränkt haben dürfte.

Immerhin gibt es in Deutschland aber noch die FAZ, die sich, wie wir gestern lesen konnten, als Zweitverwerter bereitwillig zur Verfügung gestellt hat und den Text, der ursprünglich den Titel: Will The Cat Above The Precipice Fall Down trug, unter der Überschrift: Unser aller Freiheit publiziert hat.

Hätte der verantwortliche Redakteur einen Account bei Nettime, dem Zentralorgan der kritischen Cyberöffentlichkeit, dann hätte er oder die Redaktion möglicherweise die Finger von einer Veröffentlichung gelassen. Hier wurde der Text nämlich zunächst von Geert Lovink herumgereicht. Matze Schmidt trieb damit über Nacht seinen Schabernack. Flugs vertauschte er Personen und Örtlichkeiten. Aus dem Iran machte er die Niederlande und die Person Ahmadinedschad ersetzte er durch Geert Wilders.

Was in den Augen des Netzaktivisten einen kritischen Blick auf die jüngsten Vorgänge in den Niederlanden werfen sollte, wirft bei näherer Betrachtung einen schrägen Blick auf den Zizekschen Text. Offenbar ist der Inhalt, ganz im Sinne der postmodernen Philosophie beliebig austauschbar und auf alle möglichen Nationen und politische Akteure übertragbar. Von diesem pop-politischen Spiel scheint die Zeitung, die sich gern ab und an mit den Texten stalinistischer Zeitgenossen schmückt, um ihr gegenkulturelles Image aufzumöbeln (soeben durfte Diedrich Diederichsen den Nachruf auf Michael Jackson schreiben) allerdings nichts mitbekommen zu haben.

Der Abdruck ist aber auch insofern erstaunlich, als sich der Leitgedanke des Zizekschen Textes, der den bevorstehenden Fall des Regimes in Teheran im Futur II abhandelt, politisch längst überholt hat. Mittlerweile hat sich die Lage dort nämlich längst entschärft und ins Gegenteil verkehrt. Vom "Generalstreik" (Walter Benjamin), den die Opposition ausgerufen hatte und die Herrschenden, wer immer das auch ist, in die Knie zwingen wollte, ist nicht mal ein laues Lüftchen geblieben. Die Straßen und Dächer, auf denen sich der grüne Massenprotest verausgabt hat, haben sich zunehmend geleert und entvölkert. Die Revolution, die Revolte geblieben ist und in Wahrheit wohl ein Machtkampf unter den herrschenden Eliten war, ist, noch ehe sie richtig Fahrt aufnehmen konnte, von und in den Alternativmedien vertwittert worden. Was auf YouTube lief und via Facebook, Blog oder Kurzmeldung im Westen ankam, war nur ein wildes Bildergewitter, das hierzulande die Prints und Screens belagert und ausschließlich westliche Wunschvorstellungen bedient hat, während man in Russland und Asien die Vorgänge im Iran ganz nüchtern und unaufgeregt betrachtet hat. Mittlerweile sind, wie schon vorher in der Ukraine, in Myanmar und in Georgien, die medialen Oberflächen wieder ebenso dunkel und leer wie vor der Revolte.

Was den sonstigen Inhalt des Textes angeht, so breitet man lieber den Mantel des Schweigens darüber aus. Am Iran und politischen Ferndiagnosen hat sich seinerseits schon Michel Foucault die politischen Finger verbrannt, als er 1978 die islamistische Machtergreifung durch die Mullahs in den Himmel hob. Was soll man auch über Äußerungen sagen wie: Ahmadinedschad sei ein "islamo-faschistischer Populist", eine "Art iranischer Berlusconi", der uns selbst, der wir aufgrund unseres zynischen Pragmatismus der Fähigkeit verlustig gegangen sind, „die emanzipatorische Dimension des Protests“ zu begreifen lehrt. Qualitativ stehen sie damit ungefähr auf der Stufe einer bekannten deutschen Boulevardzeitung, die den iranischen Präsidenten nur noch als „Den Irren von Teheran“ bezeichnet.

Ach, Zizek! Hättest du doch wenigstens dieses Mal auf deine Idole, auf Sigmund und Jakob gehört und auf den Griff zur Tastatur verzichtet. Wie hatte doch einst Zizeks Stammvater Lacan seine Zuhörer gewarnt: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber sollte man schweigen.“ Wer den Philosophen einmal live erlebt und gehört hat, der weiß, dass dieser Ratschlag seines wichtigsten intellektuellen Einflüsterers für immer ein frommer Wunsch bleiben wird.

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