Islamfeindlichkeit in Deutschland nimmt zu

Mehr als ein Drittel der Deutschen meint, ein Deutschland ohne Islam wäre besser

Kein Wunder nach all der emotionalen Aufstachelung und Wiederholungen von Stereotypen, die nur einen kleineren Teil der Muslime charakterisieren, ist es, dass die Islamfeindlichkeit in Deutschland zunimmt. Man kann derzeit bei der Entstehung einer von Brandstiftern geschürten Meinung zusehen, die sich wie beim Faschismus ihre Sündenböcke in einer Zeit aussucht, die nach ganz anderen Problemlösungen verlangt als der Bildung einer homogenen Gesellschaft durch Fremdenfeindlichkeit oder der Ablehnung einer Minderheit. Die Erregungspolitik verweigert sich konkreten Verbesserungen und Veränderungen, sie denkt im Prinzip, dass das vermeintliche Problem, der beschworene Untergang des Abendlandes oder Deutschlands, durch Elimination der "Schädlinge" gelöst werden muss.

Besonders seitdem die Rechten in Deutschland vom Antisemitismus und einer allgemeinen Ausländerfeindlichkeit auf pauschalen Antiislamismus umgeschaltet haben, scheinen sich die Reihen zu schließen, auf denen dann Menschen wie Sarrazin schwimmen, die sich offenbar keinerlei Gedanken machen, was sie bewirken, wenn sie durch das Spielen mit der Angst und primitiven Pauschalisierungen die Mehrheit gegen Minderheiten scharf machen.

Nach einer von Report Mainz in Auftrag gegebenen repräsentativen Umfrage von Infratest dimap, haben 37 Prozent der Befragten der Aussage zugestimmt: "Ein Deutschland ohne Islam wäre besser." 44 Prozent sind der Ansicht, dass man sich seit Sarrazins Buch eher trauen kann, "den Islam offener zu kritisieren". Und mehr als ein Drittel macht sich "große Sorgen, dass sich der Islam in unserer Gesellschaft zu stark ausbreitet". Ausgerechnet in einer Zeit, in der mehr Muslime auswandern als einwandern, und in der vor allem die besser gebildeten auswandern, während der Fachkräftemangel zunimmt, Deutschland also um Einwanderer werben müsste, um seinen Lebensstandard zu halten.

Was sich überall in Foren - auch bei Telepolis - beobachten lässt, sind die Muslimphobiker höchst hysterisch und von Hass erfüllt, der sich offenbar jenseits aller Gepflogenheiten entladen muss, die in einer demokratischen Gesellschaft notwendig wären, um diskursiv, argumentativ und ohne Gewalt, also vernünftig, zu mehrheitsfähigen Entscheidungen kommen zu können. Auch Report Mainz berichtet, der Redaktion lägen zahlreiche Hass- und Drohmails an Wissenschaftler vor. Die angeblichen Schützer der demokratischen Gesellschaft der westlichen Kultur erweisen sich praktisch als die Verächter der Toleranz, der Menschenrechte und des argumentativen Diskurses und gleichen darin den fundamentalistischen Muslimen, die auch nur unter sich bleiben wollen und nicht die Vernunft, sondern nur überkommenen Traditionen und reaktionären Geistlichen vertrauen.

Report Mainz verweist auch auf eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die am Mittwoch veröffentlicht wird. Aus dieser gehe hervor, dass die Islamfeindlichkeit in Deutschland erheblich zugenommen habe. Der wissenschaftliche Leiter der Studie, Dr. Oliver Decker von der Universität Leipzig, konstatiert eine "deutlichen Zunahme an islamfeindlicher Einstellung". Die Menschen würden leichter Ressentiments äußern. Die Hemmschwelle scheint zu fallen, je öfter und lauter die Brandstifter werden, die mehr und mehr auch die Politiker wie den bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer dazu führen, auf diese Stimmung zum Machterhalt zu setzen.

Allerdings ist auch interessant, wer in der Infratest-dimap-Umfrage stärker zum Antiislamismus neigt. Es sind stärker die Nicht-Berufstätigen, also vermutlich die Rentner und Arbeitslosen, die Geringverdiener mit einem monatlichen Einkommen unter 1500 Euro, die Wähler der Union, die Nichtwähler oder die "Sonstigen". Die Ostdeutschen stimmen eher der Aussage zu, dass ein Deutschland ohne Islam besser wäre, obgleich die Westdeutschen deutlich länger Erfahrung mit muslimischen Einwanderern haben. Das weist auf die bekannte Tatsache hin, dass oft die Ängste dort am größten sind, wo man am wenigsten Kontakt mit bestimmten Phänomenen hat.

Sarrazin, Broder, Wilders und Co. können auch darauf setzen, dass sie am ehesten die Menschen erreichen, die über 60 Jahre alt sind. Antiislamismus ist jedenfalls keine Jugendbewegung. Offenbar sind für diesen auch eher die Männer anfällig, die, besonders im Alter über 60, für die Emanzipation der muslimischen und allgemein für die Gleichberechtigung der Frauen eintreten. Wenig verwunderlich ist auch, dass mit steigender Bildung der Hang zum Ressentiment oder zum Islamhass abnimmt. Da müssten sich einmal die Antiislamisten fragen, wie es um die genetische Verteilung der Intelligenz steht, die Sarrazin aufgeworfen hat.

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