Ist Solarstrom aus Afrika absurd?

Das Großkonsortium unter Führung der Müncher Rück wurde gegründet, aber die Kritik an dem Mammutprojekt wächst

Desertec, das ist der Stoff aus dem Stromträume. Unter der Führung des Rückversicherers Münchener Rück wurde am Montag wie angekündigt in München ein Konsortium gegründet, das sich zum Ziel gesetzt hat, 15 % des europäischen Strombedarfs in den Wüsten Afrikas und des Nahen Ostens zu decken. In dem Konsortium "Desertec Industrial Initiative" sammeln sich die, die einst auch hinter der Atomkraft standen: Siemens, RWE, Eon, ABB, die Deutsche Bank, aber auch Landesbanken, wie die abgestürzte HSH-Nordbank und die spanische Abengoa sind dabei.

Abengoa kennt sich in der Materie wenigstens aus. Die Firma setzt seit langem auf "Concentrated Solar Power" (CSP). Im April ging das zweite "solarthermischen Kraftwerk" mit einer Leistung von 20 Megawatt (MW) in Andalusien in Betrieb. Seit Jahren ist dort ein Prototyp mit 624 Spiegeln (Heliostate) in Betrieb, die jeweils eine Fläche von 120 Quadratmetern haben, über die das Licht in einem Solarturm konzentriert wird, womit 10 MW Strom produziert werden kann. Gebaut wird an Solnova I und III, die jeweils 50 MW über eine Spiegelfläche von jeweils 300.000 Quadratmetern produzieren. Jedes der beiden Kraftwerke benötigt dafür 120 Hektar Land.

So kann man sich ein Bild von den Ausmaßen der Desertec-Kraftwerke machen, nach der Münchner Rück 2020 bereits 3 % des gesamten europäischen Stroms liefern sollen. Bis 2050 sollen es sogar 15 % werden. Die Idee hatte vor 30 Jahren das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt entwickelt, wobei noch auf Wasserstoff als Energieträger gesetzt wurde. Später wurde die Idee vom "Club of Rome" aufgegriffen, politisch forciert und technisch weiterentwickelt. Desertec setzt auf Hochspannung-Gleichstromleitungen zur Energieübertragung. Der Aufbau des Gleichstromnetzes wird aber teuer. Von den 400 Milliarden, die für Desertec veranschlagt werden dürften mindestens 15 % allein dafür draufgehen.

Großkonzerne wollen Strukturwandel stoppen, sagen Kritiker

Inzwischen wächst die Kritik an dem Mammutprojekt. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass genau die derartige zentralisierte Projekte vorantreiben, die nach dem Atomzeitalter die Stromversorgung weiter unter ihrer Kontrolle haben wollen. So wird nun auch klar, warum Siemens aus dem Joint-Venture mit dem französischen Atomkonzern Areva ausgestiegen ist. Doch solche Großprojekte stünden der Idee der regenerativen Energiequellen entgegen, meinen die Kritiker. Den Stromversorgern Eon, RWE und Co. gehe es darum, ihre Monopole und damit hohe Gewinne zu sichern. Gleichzeitig wollen sie einen Strukturwandel stoppen, meint zum Beispiel Herrman Scheer, der wohl bekannteste Kritiker.

Der Träger des alternativen Nobelpreises zerreißt das Projekt argumentativ und bezeichnet es als eine "Fata Morgana". In Interviews hat sich das SPD-Mitglied und Präsident von Eurosolar zu Wort gemeldet und bezeichnet darin auch die Kostenplanung als "absurd". Der Plan sei zudem "so umfangreich und kostenintensiv" dass er nur aufgehen könne, "wenn man den Ausbau der Erneuerbaren Energien bei uns willkürlich stoppt". Mit den 400 Milliarden Euro könnten in Europa noch deutlich mehr Strom aus Erneuerbaren Energiequellen gewonnen werden. Damit werde der Energieabhängigkeit begegnet und es entfielen die immensen Leitungsverluste, die über die große Strecke nach Europa auch in Gleichstromnetzen entstünden. Hier müssten die Anlagen auch nicht unter extremen Bedingungen betrieben werden, wie schwer kontrollierbare Sandstürme.

"Desertec bedeutet Strom von einem einzelnen Konsortium, das Produktionsanlagen wie Transportleitungen kontrolliert. Es ist ein Weg, auch Solarstrom unter Monopolbedingungen herzustellen". Damit seien hohe Preise verbunden, kritisiert Scheer. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz gehe in eine andere Richtung: Dezentral bieten viele kleine Anbieter, die innovativer sind, den Strom an. Statt Desertec sollten Projekte gefördert werden, die Strom für Afrika produzieren und die Länder aus der Abhängigkeit befreien. Das sonnenreiche Marokko führe 90 seiner Energie in Form von Kohle und Öl ein und gebe dafür einen großen Teil seiner Devisen aus.

Das wäre es ein zentraler Beitrag, den die EU für eine stabile wirtschaftliche und soziale Perspektive für die südlichen Mittelmeerländer leisten könnte und zugleich wäre es ein enormer Beitrag zum Klimaschutz. "Aufgrund des dortigen Solar- und Windpotenzials wäre es sogar in weniger als 20 Jahren möglich, die Stromversorgung dieser Länder vollständig auf Erneuerbare Energien umzustellen. Daraus könnten die Staaten in Nordafrika und im Nahen Osten eine erheblich höheren wirtschaftlichen Nutzen ziehen als durch Stromexporte nach Europa", heißt es in einer Presseerklärung.

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