Italienischer Ministerpräsident will Euro zur Lira machen

Enrico Letta möchte den seiner Ansicht nach "verflucht hohen" Kurs der Währung senken

Wenn Länder eine eigene Währung haben, dann können sie diese ihren wirtschaftlichen Bedürfnissen anpassen und zum Beispiel abwerten, damit die Exporte steigen. Haben Länder mit sehr verschiedenen wirtschaftlichen Bedürfnissen eine gemeinsame Währung, dann gibt es widerstreitende Interessen, welcher währungspolitische Kurs eingeschlagen wird. Das ist derzeit im Euro-Raum der Fall

Der italienische Ministerpräsident Enrico Letta forderte gestern in einer Rede auf einer Konferenz der Botschafter im Außenministerium in Rom den seiner Ansicht nach "verflucht hohen" Kurs der Gemeinschaftswährung zu senken. Das ist das traditionelle Mittel, mit dem italienische Politiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirtschaftliche Probleme lösten, was dazu führte, dass die damalige Landeswährung Lira im Vergleich zu anderen Währungen deutlich schwächer dastand.

Die Senkung des Eurokurses zählt Letta nach eigenen Angaben zu den Prioritäten seiner Regierung, die in der zweiten Jahreshälfte 2014 die EU-Präsidentschaft innehat. Um den Eurokurs zu senken, könnte der italienische Ministerpräsident entweder Einfluss auf die Europäische Zentralbank (EZB) nehmen, die aktuell vom Italiener Mario Draghi geführt wird oder einfach den Sparkurs seiner Regierung aufgeben. In den Mittelmeerländern hat er natürliche Verbündete für sein Anliegen. Auch die französische Regierung signalisierte in der jüngeren Vergangenheit immer wieder, dass sie eine Abwertung als gangbares Mittel der kurzfristigen Bewältigung von Problemen sieht.

Leidtragende einer Euro-Abwertung wären die Bürger in Deutschland, Österreich, Finnland und den Niederlanden. Weil in Deutschland und Österreich erst im Herbst neue Landesparlamente gewählt wurden, gehen Beobachter davon aus, dass die Regierungen dieser Länder sich nach den Europawahlen (die vom 22. bis zum 25. Mai stattfinden) auf europäischer Ebene möglicherweise auf Zugeständnisse einlassen könnten, die bei ihren eigenen Wählern nicht gut ankommen. Der Unmut, der sich daraus ergibt, könnte bis zu den nächsten Bundestagswahlen 2017 wieder durch andere Themen verdrängt werden.

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