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Italiens Scheitern als Symbol

Der Sieg der Destruktiven dominiert diesmal nicht die Fußball-WM

Auch im Fußball gilt: Italien ist das Laboratorium des Weltgeists, hier zeigen sich - wie in der Politik, wie in der Ökonomie - Tendenzen des Zeitalters früher und prägnanter, als anderenorts.

"Offense wins game, defense wins championship". Über lange Jahre galt diese aus dem "American Football" entlehnte Faustregel auch im Fußball, allemal bei Großereignissen wie der Fußball-WM. Und auch Südafrika 2010 schien zunächst wieder unter dem Rumpelfußball phantasiearmer, aber kampfstarker fußballerischer Entwicklungsländer zu leiden.

Mit einer ebenso harten, wie für den Spielfluss destruktiven Verteidigung kann man zwar weiterhin einen Überraschungssieg einfahren, und eine Mannschaft nachhaltig verunsichern, wie das perfekt, wenn auch nur mit sehr viel Glück, den Schweizern im Auftaktspiel gegen Spanien gelang. Grundsätzlich aber weisen einige Indizien darauf hin, dass sich dieses Prinzip zur Zeit umkehrt und der Spieler- und Trainertyp des Tullius Destructivus fürs Erste ausgedient hat.

Ciao, ciao Italia!

Das Versagen der Italiener in der Vorrunde ist nur das passende Symbol: Seit Jahren pflegten die Azurri einen unerträglichen Stil fußballerischer Langeweile: Sicherheitsfußball, der sich nur als calciologisches Äquivalent zur Homeland-Security-Politik George W. Bushs begreifen lässt, sollte durch Spielverlangsamung jede Chance des Gegners zunichte machen. Endloses Ballgeschiebe diente dazu, die Geduld des Gegners zu strapazieren. Einzelleistungen, die den systemischen Zwang infrage stellen, waren verpönt. Die Verteidiger spielten hart und körperbetont, die Kunst des unsichtbaren Fouls, der kleinen Hakeleien und getarnten Provokationen, hatten die Italiener perfektioniert.

Bestes Beispiel: Die destruktive Strategie, mit der der italienische Verteidiger Materazzi beim letzten WM-Endspiel von 2006 gegen den französischen Mittelfeld-Star Zidane agierte und ihn durch ständige kleinere Fouls und Störungen, Provokationen und durch Unflätigkeiten schließlich zu einer Verzweiflungstat, dem Kopfstoß aus Notwehr motivierte, die ihm die rote Karte und den überlegenen Franzosen die Niederlage im Elfmeterschießen einbrachte.

Das wichtigste Element des italienischen Stils besteht aber aus der Spielvermeidung. Es geht den Azurri im Gegensatz zu den meisten anderen erfolgreichen Teams nie um Ballbesitz. Im Gegenteil liegt der auch bei siegreichen Spielen fast immer unterdurchschnittlich und erstaunlich oft unter dem des Gegners. Stattdessen werden Spieler und Räume geschickt abgedeckt, wird einigermaßen früh im Mittelfeld gestört, ohne dass spielführende Gegner deswegen fortwährend angegriffen würden. Es geht vielmehr darum, das gegnerische Spiel "zu ersticken" (Julia Teichmann), durch "Zudecken" den Offensivspielern des Gegners alle Möglichkeiten für einen dynamischen Spielfluss zu nehmen. Hinzu kommt schließlich eine so enervierende wie beneidenswerte Effizienz in Chancenverwertung wie -verhinderung.

Systemzwang gegen Wärmestrom

Beim diesjährigen Championsleague-Halbfinale zwischen Inter Mailand und dem FC Barcelona ließ sich das gut beobachten: Die überlegenen Katalanen scheiterten an den Norditalienern - der Stil ist hier italienisch, auch wenn der Trainer ein Portugiese ist und die Spieler aus allen Herren Ländern stammen; so wie Barcelona im Kern jenen holländischen Offensivstil des totalen Fußball pflegt, den der FC Bayern gerade mühevoll erlernt -, obwohl sie besser und schöner spielten, und in beiden Begegnungen überlegen waren.

Der Unterschied lässt sich gut mit dem Gegensatz von "Wärmestrom" und "Kältestrom" vergleichen, den der Philosoph Ernst Bloch in seinem Werk "Das Prinzip Hoffnung" entwickelt hat. Pflegen die Italiener einen nüchternen, effizienten, unpassionierten Ergebnisfußball, der den Vorteil des Realismus hat, versuchen die Spanier nicht nur zu gewinnen, sondern dabei auch zu bezaubern und das Unmögliche - das perfekte Spiel - möglich zu machen. Was dabei gegen die Italiener einzuwenden ist, ist der völlig Verzicht auf die konkrete Utopie, die Absage an den Möglichkeitssinn und an "das Morgenlicht" (Bloch) eines besseren Fußballs.

Was dabei am Ende herauskommt, dafür steht nach wie vor am besten das letzte WM-Endspiel von 2006 gegen Frankreich - ein Symbol des italienischen Fußball-Ungeists. Wie Harun Farocki, der für seine Arbeit "Deep Play" das Finale über ein Jahr lang unter diversen Aspekten analysiert hat, zusammenfasste: "Der "systematische Zwang" überdeckt die Gestaltungsfreiheit des einzelnen Spielers, wenigstens in dieser Partie. ... Fast immer [trafen] drei Offensivspieler auf sieben Mann, die verteidigten. Ich habe wochenlang die Bilder der dynamischen Spielanalyse geschnitten, und da wurde deutlich, wie sehr dem Spieler am Ball alle Möglichkeiten verstellt waren. Er war zu Quer- oder Rückpässen gezwungen."

Der italienische Anti-Fußball entwickelte sich allerdings dabei zu einer Perfektion, die man trotz allem auch bewundern muss.

Eine wuselnde Wand

Das lässt sich ansonsten allenfalls noch von den nur tief stehenden Nordkoreanern sagen, eine "wuselnde Wand", so Oliver Kahn, die permanent laufend immerhin im Auftaktspiel den Brasilianern Paroli boten, dann aber gegen Portugal einbrachen.

Ihr Scheitern in der Vorrunde ist ebenso verdient, wie das Ausscheiden der Rumpel-Kicker Griechenlands, mit denen der in den 50er Jahren sozialisierte Otto "der Große" "Rehakles" Rehagel seine persönlichen Sturheiten und seinen altmodischen Kick-and-stay-Stil ein letztes Mal ausleben konnte. Ebenso blamierten sich die Franzosen, die es den italienischen Finalgegner stilistisch nachzutun versuchten, der dröge Smörebröd-Fußball der dänischen "Olsen-Bande" musste sich gegen die Japaner geschlagen geben, und auch der Holzhacker-Stil der Schweizer Alpen-Rambos hat sein notwendiges Ende erreicht.

Die Brasilianer als Hüter des Defensivspiels

Bleiben neben dem Sonderfall, dem britischen Zwitterspiel, nur die Brasilianer als Hüter des Defensivspiels. Die diesjährige Selecão kann man zwar nicht einfach als Destro-Kicker abtun. Trotzdem pflegen sie unter ihrem Trainer, dem einstigen Stuttgarter Abwehrrecken Dunga, dröge Sachlichkeit statt munterem Samba - einen Abschied von allem, was an brasilianischem Fußball schön war: Spielereien, Schnörkel, schillernde Improvisationskunst. Spielvermeidung ist auch hier nun oberstes Prinzip, der Gegner soll stattdessen durch Ballbesitz zu Fehlern gezwungen werden. Weniger um Destruktion geht es allerdings den Brasilianern, als um Kontrollfußball.

Dennoch: Die Brasilianer spielen bislang so, dass man ihnen ein baldiges Scheitern wünscht. Die Hoffnung aller Feinde reinen Ergebnisfußballs liegt hier vor allem darin, dass nur selten eine Nationalmannschaft ihren jahrzehntelang erprobten, in der Kultur (nicht nur der Spielkultur) des jeweiligen Landes fundierten Stil ändern kann. Der beschriebene Destruktions-Stil Italiens war immer nur die Perfektionierung des über Dekaden kultivierten Catenaccio. Was die Brasilianer versuchen, ist dagegen ihre eigene Neuerfindung. Ob das dauerhaft gelingt, steht ebenso in den Sternen, wie im Fall der Neuerfindung der deutschen Nationalmannschaft. Es wäre unter dem Gesichtspunkt besonders reizvoll, im Finale Deutschland gegen Brasilien spielen zu sehen: Die zwei Teams, die gegen die eigene Spielkultur etwas völlig Neues versuchen.

Aber wie gesagt: Man sollte den Brasilianern, solange sie so spielen, Misserfolg gönnen - wie schon den Italienern. Denn wären die Brasilianer tatsächlich die neuen Italiener - dann würden sie Weltmeister.


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