"Ja, ich bin ein Krimineller"

30 Jahre Hacker's Manifesto

Am 8. Januar 1986 (US-Ortszeit) erschien im Untergrundmagazin Phrak der Artikel The Conscience of a Hacker. Autor war ein gewisser "The Mentor", hinter dem sich der auch als "Neuromancer" bekannte Hacker Loyd Blankenship verbarg.

Das später "Hacker Manifesto" oder gar "Hacker Ethik" genannten Essay ist nicht etwa eine nüchterne Sammlung von Normen, sondern beginnt mit der Selbstreflexion eines Überbegabten, der Wahrhaftigkeit und Bestätigung in seinem Computer findet und schließlich den Kick von Datennetzen verspürt:

(...) Und dann ist's passiert... Eine Tür zu einer Welt hat sich geöffnet...
Eilt durch das Telefonkabel wie Heroin durch die Adern eines Süchtigen fließt. Ein elektronischer Puls wurde ausgesandt, die Zuflucht von den alltäglichen Inkompetenzen ist endlich in Sicht, eine neue Plattform ist gefunden.

"Das ist es... ich gehöre hierher"
Ich kenne jeden hier... selbst wenn ich sie nie zuvor gesehen habe, nie mit ihnen gesprochen habe, und vielleicht auch nie wieder von ihnen hören werde. Ich kenne sie alle. (...)

The Mentor beklagt die Kriminalisierung von Hackern und bekennt sich dann sarkastisch schuldig:

(...) Ihr baut Atombomben, ihr führt Kriege, ihr mordet, betrügt und lügt uns an, und lasst uns glauben, es wäre zu unserem Wohl... und wir sollen die Kriminellen sein.

Ja, ich bin ein Krimineller. Mein Verbrechen ist Neugier. Mein Verbrechen ist, dass ich Menschen nach dem beurteile, was sie denken und sagen, und nicht nach dem, wie sie aussehen. Mein Verbrechen ist, dass ich über euch stehe, etwas, was ihr mir nie vergeben werdet.

Ich bin ein Hacker und das ist mein Manifest. Ihr könnt vielleicht mich aufhalten, aber ihr könnt uns nicht alle stoppen. (...)

Blankenship war in den 1980er Jahren zur Hackergruppe "Legion of Doom" gestoßen, die sich u.a. Zugriff auf das Telefonsystem verschaffte. Zwischenzeitlich sammelte der bekannte Hacker auch Erfahrungen mit der Strafjustiz und zog sich schließlich nach einem spektakulären Hack 1990 zurück, weil er mit Überwachung rechnen musste.

Blankenship erzählte 1999 in einem Interview, ihn habe die Idee einer Revolution fasziniert. Als Inspiration diente ihm damals der Science Fiction-Roman Revolte auf Luna (1966) von Robert Heinlein. Die dystopische Story schildert ein totalitäres Gesellschaftssystem in einer mit Sträflingen besiedelten Mondkolonie. Helden des Romans sind u.a. Computertechniker und eine künstliche Intelligenz des Zentralcomputers.

Die aus Blankenships lyrischen Text ableitbaren Essentials formulierte bereits Steven Levy in seinem Buch "Hackers" (1984):

  • Alle Informationen sollen frei sein
  • Misstraue Autoritäten, fördere Dezentralisierung.
  • Hacker sollten nach den Fähigkeiten ihres Hackens beurteilt werden, nicht nach Titel, Alter, Rasse oder Position.
  • Zugang zu Computern und allem, was dich darüber lehrt, wie die Welt funktioniert sollte absolut und ohne Limits sein. Hebe deine Hand immer gegen das Imperative!
  • Mit dem Computer kann man Kunst und Schönheit erschaffen.
  • Computer können dein Leben zum Besseren ändern.
  • Wie bei Aladdin's Wunderlampe können sich deine Wünsche erfüllen.

Das Hacker-Manifest gilt als einer der wichtigsten Texte in der Szene und gilt als Meilenstein der Politisierung der Netzcommunity. Manche sehe im Manifesto die Keimzelle der Anonymous-Bewegung oder von WikiLeaks.

Deutsche Übersetzung des Hacker's Manifesto: (CC) Jan Krömer / William Sen

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