Japan: Seit fast einem Jahr ohne Atomstrom

Regierung setzt dennoch darauf, AKW wieder ans Netz zu bringen. Aufsichtsbehörde zertifiziert die ersten beiden Reaktoren nach neuen Sicherheitsregeln

Japans Atomaufsicht hat den Neustart zweier Reaktoren im AKW Sendai im Südwesten des Landes abgenickt, berichtet die Zeitung Mainichi Daily. Die beiden Meiler sind die ersten, denen die Behörde bescheinigt, den neuen Sicherheitsstandards zu genügen.

Über die Wiederinbetriebnahme ist damit allerdings noch nicht entschieden. Dafür müssen die lokalen Behörden ihre Einwilligung geben. Demnächst sollen dazu die entsprechenden öffentlichen Anhörungen beginnen. Leicht dürfte es für den Betreiber Kyushu Electric Power Company nicht werden, denn Meinungsumfragen zeigen eine stabile Mehrheit, die den Ausstieg aus der Atomenergienutzung fordert. Auch konservative Lokalpolitiker sind daher, um ihre Wiederwahl fürchtend, sehr zögerlich darin, das Wiederanfahren der Reaktoren zu genehmigen.

Japan hat 48 noch funktionsfähige Reaktoren. Einige von ihnen waren unmittelbar nach dem Reaktorunglück vom 11. März 2011 in Fukushima abgeschaltet worden, andere nach und nach in den Folgemonaten im Rahmen der regelmäßigen jährlichen Revision. Danach war der Widerstand in der Bevölkerung aber meist so groß, so dass es keine Genehmigung für den Neustart gab.

Ganz so, wie es die Zeit am Dienstag darstellte, nämlich, dass in Sendai der erste japanische "Atomstrom nach der Katastrophe von Fukushima produzier(t)" werden könnte, ist es aber nicht. Zwischenzeitlich war gegen den Widerstand der japanischen Anti-AKW-Bewegung, die im Juli 2012 über Hunderttausend Menschen auf die Straße brachte, zwei Reaktoren im AKW Oi wieder in Betrieb genommen worden. Im September 2013 mussten sie allerdings zur nächsten Revision wieder vom Netz und konnten bisher wegen des Drucks aus der Bevölkerung nicht wieder angefahren werden.

Seit dem 15. September 2013 ist Japan ohne Atomstrom und das ist vielleicht auch der Grund, weshalb der Bescheid der Atomaufsicht, der sich bereits seit zwei Monaten abzeichnete, gerade jetzt erfolgt und publizistisch breit getreten wird. Sonst würde sich die Öffentlichkeit vielleicht zu intensiv damit beschäftigen, dass es ganz offensichtlich auch ohne Atomkraftwerke geht.

In diesem Zusammenhang ist sicherlich auch die Ankündigung der Regierung von letzter Woche zu sehen, die ältesten AKW gänzlich aus dem Verkehr ziehen zu wollen. Im Frühjahr hat die Regierung offiziell Abschied vom Ausstiegsbeschluss ihrer Vorgänger genommen, und nun soll die Öffentlichkeit auf die Rückkehr in die Atomwirtschaft eingestimmt werden. Für 20 Reaktoren in zehn AKW liegen bei der Atomaufsicht Anträge auf Zertifizierung nach den neuen Sicherheitsrichtlinien. Japans Anti-AKW-Bewegung steht also eine bewegte Zeit bevor.

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