"Jenseits einer Parodie"

Die britische Presse amüsiert sich über den Friedensnobelpreis für die EU

Gestern wurde bekannt, dass der diesjährige Friedensnobelpreis an die Europäische Union gehen wird. In Deutschland und Frankreich wundern sich Mainstreammedien nicht weiter über diese Entscheidung. Ganz anders in Großbritannien: Dort bezeichnet der Telegraph die (angesichts von 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien) "im besten Falle verfrühte" Auszeichnung des "Experiments, einen anti-demokratischen Bundesstaat zu erschaffen", als "jenseits einer Parodie" und vergleicht sie mit dem Ritterschlag des Superbanksters Sir Freddie Goodwin. Zur Begründung, dass die EU dem Kontinent Frieden gebracht habe, merkt Telegraph-Kolumnist Iain Martin treffend an, es seien ja wohl eher Briten und Amerikaner gewesen, die diese Aufgabe erledigten.

Der Spectator spricht von einem "bizarren Aprilscherz", die Sun von einem "Witz" und die Daily Mail illustriert ihre Schlagzeile "Friedensnobelpreis für Idiotie" genüsslich mit Hakenkreuzdemonstranten in Griechenland. Sogar der sonst recht EU-begeisterte Economist wundert sich angesichts der aktuellen Entwicklungen über die Wahl.

Anderswo ruft der Nobelpreis unter anderem deshalb Kopfschütteln hervor, weil die EU im Lissabon-Vertrag ihre Mitgliedsstaaten zur Aufrüstung verpflichtet und sich selbst ein ius ad bellum verleiht - ein "Recht zum Kriege". Der Rechtswissenschaftler Karl Albrecht Schachtschneider erklärte dies 2008 im Telepolis-Interview einerseits mit einem Großmachtsanspruch und andererseits mit einer Einflussnahme der Rüstungsindustrie. Die Linksfraktionsabgeordnete Inge Höger spricht in diesem Zusammenhang von einer "Förderung von Krieg" durch die EU und auch der norwegische Friedensrat meldet sich mit der Bemerkung zu Wort, das Staatenbündnis habe in den letzten Jahren für das "Gegenteil von Frieden" gestanden.

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