"Keimzelle des Faschismus"

Serdar Somuncus Rant gegen Zensur soll zensiert werden

Abmahnungen von Medienschaffenden gegen Satiriker liegen gerade im Trend (Josef Joffe und Jochen Bittner ./. ZDF-Die Anstalt). Nun wehrt sich eine WDR-Redakteurin gegen Anarcho-Kabarettist Serdar Somuncu. Auf einer Veranstaltung der Körberstiftung im Herbst 2015 hatte der sich über die Zensur seiner Arbeiten im TV Luft gemacht:

"Ich hab‘s mir in allen Sendungen verscherzt, weil jeder Redakteur sagte 'Der ist nicht handlebar. Der ist kompliziert. Der spricht nicht die Texte, die du ihm sagst.', und gleichzeitig etwas nicht passiert ist, das ich erwartet habe: Dass meine Kollegen mich in Schutz nehmen. Ich hab Situationen gehabt, da haben die Kollegen gesehen, was passiert ist! Ich hab ein stand Up gespielt, da war nichts dran, was man hätte zensieren können. Und die saßen da und haben ihre Schnauze gehalten, weil sie Schiss hatten, dass sie auf RTL nicht mehr funktionieren. Und ich bin in die Umkleide und hab gesagt: 'Habt ihr das nicht gesehen? Habt ihr das nicht gesehen, was passiert ist?' Und alle haben so weggeguckt. 'Nö, wir halten uns da raus!' Was übrigens typisch deutsch ist: 'Ich halt mich da raus! Klärt das unter euch!'

Ne, und da hab ich gesagt, und da hab ich mir geschworen: 'Leute, ihr könnt mir verbieten, so sehr, wie ihr wollt, ich werde durch die Hintertür kommen. Und ich werd euch ficken, und zwar ordentlich. So, dass ihr nicht mehr die Schnauze halten könnt, wenn ihr gefragt werdet. Und heute ist der Punkt, Mely, ich sag immer, 'Ich bin stolz', ich hab so dicke Eier, ja, heute ist der Punkt, wo die sagen: 'Warum hat der Somuncu, den wir immer zensiert und verboten haben, plötzlich in der Sporthalle in Hamburg 4.000 Leute?' Die haben doch Mario Barth gedrückt und gepusht, und Bülent Ceylan, den [Beeep| ständig in die Kamera geschubst. Und ich sag: 'Ja, das kommt, weil die Zuschauer sich von euch nicht mehr verarschen lassen. Und weil die Zuschauer merken, dass meine Texte verstümmelt waren. Weil die Zuschauer vergleichen können, zwischen dem was ich auf der Bühne sage, und dem, was ihr da transportiert.'
Und die schlimmsten Knallchargen waren Thomas Hermanns, WDR, Elke Thommessen, eine Redaktion, eine die Leute hinrichtet. Tobias Mann, ein begnadeter junger Künstler, dem man zwei Sendungen gegeben hat, um ihn dann abzusägen. Dem haben die das Rückgrat gebrochen. Der hat zwei Jahre lang zuhause eine Depression geschoben. Aber auch andere Talente: David Werker, Dave Davies, Oliver Polak. Wir kämpfen alle an einer Front, wir haben keine Verbindung zueinander, weil es kein Netzwerk und keine Solidarität gibt.
Und diese Arschlöcher nehmen sich raus, im Namen der Gebührenzahler uns zu zensieren. Und das war für mich die Keimzelle des Faschismus. Und ich wusste: 'Da muss ich ansetzen, jetzt beginnt die Arbeit!'"
Quelle: ungeschnittener Mitschnitt

Da auch die Körberstiftung zensierte, nämlich den Satz mit den "Knallchargen", erfuhren der WDR und seine Redakteurin erst ein Jahr später von Somuncus Suada. Diese Woche nun erhielt Somuncu eine Abmahnung mit der Aufforderung zur Abgabe einer Unterlassungserklärung. Der WDR erklärte, er werde seine Redakteurin bei ihrem juristischen Vorgehen unterstützen, da er nicht dulde, dass seine Mitarbeiterin öffentlich als 'Keimzelle des Faschismus' oder 'Arschloch' bezeichnet werde. Den Zensurvorwurf wies der WDR von sich. Allerdings hatte der WDR u.a. etwa in einem Sketch für die TV-Show "Pussy Terror TV" Somuncu die Bezeichnung des Intendanten als "Pussy des Jahres" vereitelt.

Nach Auskunft von Somuncus Rechtsanwalt Heiko Klatt wird in der Abmahnung die Kritik an der Zensur selbst nicht bestritten. Vielmehr beanstandet die Redakteurin die Äußerungen ausschließlich als "Schmähkritik", also als Beleidigung.

Was Juristen unter "Schmähkritik" verstehen, illustrierte letztes Jahr der ehemalige Schöffenrichter Jan Böhmermann in einer Art "Telekolleg Medienrecht". Insoweit aber dürfte dann wohl allenfalls das A-Wort justiziabel sein, wenn man es denn auf die Redakteurin beziehen will.

Zu Erdoğan ./. Böhmermann wird das Urteil am 10.02.2017 erwartet. Insoweit kommentiert fachkundig Gernot Hassknecht von der Neuen Juristischen Wochenschrift.