Kein Problem mit dem Copy-and-Paste-Minister Guttenberg?

Angeblich stehen die Deutschen Umfragen nach hinter Guttenberg - den Schaden haben allerdings das hiesige Wissenschaftssystem und die Universität Bayreuth, wenn diese nicht handelt

Geht nach einer Emnid-Umfrage, die von Focus in Auftrag gegeben wurde, dann scheint die Mehrzahl der Deutschen mit einem plagiierenden Minister kein Problem zu haben. Guttenberg oder der von ihm damit betraute Ghostwriter scheint sich nicht nur systematisch bei anderen Autoren bedient zu haben, ohne die übernommenen Textstellen als Zitate zu kennzeichnen, er hat sich nach dem vorliegenden Stand der Dinge auch bewusst kopierte Textstellen durch gelegentliche kleinere Veränderungen zu eigen gemacht.

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Vergrößern Guttenberg-Slogan auf seiner Homepage

Die Prüfungsordnung sollte Guttenberg bekannt gewesen sein. Auch wenn er sie nicht explizit gelesen hat, müsste er schon in der Schule mitbekommen haben, dass Abschreiben kein Leistungsnachweis ist. Eine Dissertation ist, wie es in der Promotionsordnung für die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Bayreuth heißt, nicht irgendeine Arbeit, sondern sie dient dem Nachweis einer "besonderen wissenschaftlichen Qualifikation". Sie muss "selbständig" erbracht werden und soll darüber hinaus nicht nur zeigen, dass man wissenschaftlich arbeiten kann, sondern auch zur "Lösung wissenschaftlicher Fragen beitragen".

Bei einer Benotung mit Summa cum laude, die Guttenberg für die Universität Bayreuth in Oberfranken, 30 km von seinem Wohnort entfernt, offenbar verdient hat, müsste - wenn eine Promotion noch einen Wert darstellen soll - eine hohe Qualität der Dissertation vorhanden sein, was auch deren selbständige Verfassung und deren neuer wissenschaftlicher Leistung betrifft. Studenten der Uni scheinen schon beunruhigt zu sein, denn ein von der Uni mit der Bestnote geadelter Guttenberg würde auch ihnen schaden, falls die Vielzahl der Plagiate in seiner Dissertation den Verdacht aus systematisches Vorgehen bestätigen.

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Vergrößern Uni Bayreuth wirbt mit Guttenberg

Man darf gespannt sein, wie die Universität, die "Qualitätssicherung" als ihr Leitbild hat, dies begründen wird, sollte sie dem Minister nicht den Dr. aberkennen. Allerdings wirbt die Uni noch mit Guttenberg auf den Alumni-Seiten, ein Werbevideo der Uni mit ihm gibt es nur noch auf YouTube.

Nun könnte man sagen, wenn die Prüfer nicht merken, dass die Dissertation in großen Teilen nicht selbständig verfasst, sondern mit Cut & Paste zusammenmontiert wurde, dass dies letztlich ein Problem der Universität sei. Die muss auf die Qualität der von ihr verliehenen Abschlüsse achten, sonst verliert sie ihren Ruf und sind auch ehrbar erbrachte Abschlüsse wenig wert. Allerdings bauen die Universitäten wie die in Bayreuth noch eine Sicherheitsstufe ein. Beim Antrag auf Zulassung zum Promotionsverfahren muss auch eine "ehrenwörtliche Erklärung des Bewerbers darüber" beigelegt werden:

"dass er die Dissertation selbständig verfasst und keine anderen als die von ihm angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt hat".

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Vergrößern Werbevideo der Uni Bayreuth mit Guttenberg

Wenn Guttenberg auf seiner Website noch mit dem Slogan wirbt: "Verantwortung bedeutet vor allem Verpflichtung, Vertrauen und Gewissen", dann fehlt offenbar der Rückbezug auch sich, mangelnde kritische Selbstreflexion könnte allerdings ein allgemeines Problem der politischen Klasse sein, zumal wenn man noch so nebenbei eine Promotion meint machen zu müssen, weil man dann besser dasteht, aber mit der Wissenschaft nichts weiter zu tun hat.

Wenn die Liste der Plagiate, die eifrige Internetnutzer gemeinsam auf dem GuttenPlag Wiki erstellen, auch nur halbwegs richtig ist, dann hat neben Guttenberg auch die Universität ein richtiges Problem. Bislang wurden mutmaßliche Plagiate auf 242 Seiten von 475 Seiten gefunden. Lässt man das Inhaltsverzeichnis und die Anhänge weg, also um die 80 Seiten, dann würden auf knapp62 Prozent der Seiten Plagiate zu finden sein.

Nach der schon erwähnten erwähnten Umfrage von Focus – hier wurde der Minister zum Mann des Jahres 2010 gekürt - wollen angeblich 68 Prozent der Deutschen, dass Guttenberg trotz der Plagiatsvorwürfe weiter im Amt bleibt. Bei einer Online-Umfrage von Bild.de sollen 55 Prozent dieser Meinung sein. Mag sein, dass er "menschlicher" wird, wenn er nun einen Makel hat oder sich wie andere durchmogelt und dabei mal auf den Bauch fällt.

Der wissenschaftliche Ethos dürfte den meisten Deutschen tatsächlich egal sein – oder sie glauben, dass hier, besonders bei den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, sowieso viel Schmu getrieben wird, womit sie nicht ganz Unrecht haben dürften. Stoiber machte dazu auch eine gute Bemerkung. Politiker müssten nach ihren "politischen Leistungen und Fähigkeiten" beurteilt werden, da scheint es dann egal zu sein, wenn es für die wissenschaftlichen Leistungen nicht langt. Alle machen halt mal "Fehler", meint Stoiber.

Wir wollten auch mal wissen, wie die Telepolis-Leser zum Fall Guttenberg stehen und haben eine Umfrage gestartet.

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