Keine eigenständigen Fächer mehr, sondern themenübergreifende Verständnisfelder

Großbritannien: Neue Vorschläge zur Reform der Grundschulen

Die Zeiten, die sich fortdauernd ändern, fordern Ähnliches von Schule und Ausbildung. Diskussionen darüber, wie sich Schulen den veränderten Zeiten und - so eins der liebsten Wörter der Gegenwart - den aktuellen "Herausforderungen" anpassen sollten, sind ein immer ein Indikator dafür, welches Bild sich der Zeitgeist vom Menschen macht. In Großbritannien ist die Diskussion über die bessere Erziehung der Jugend seit der Labour-Regierung ein großes Thema. Die jüngste Rosenrevolution bereichert sie mit einer grundlegenden Reformidee, die sich sehr konzeptuell ausnimmt.

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Jim Rose, britischer Regierungsbeamter, zuständig für die Grundschule, den "Primary Schools", will den Lehrplan der 5 bis 11-Jährigen revolutionieren. In einem Grundlagenpapier, das er heute vorstellte, tritt er dafür ein, Fächer wie Geschichte, Erdkunde und Naturwissenschaften als eigenständige, gesonderte Unterrichtseinheiten zu streichen. Der künftige Lehrplan sollte dafür Themenfelder in den Mittelpunkt stellen, die sich über mehrere Disziplinen erstrecken.

Laut einem Bericht des Guardian zeigt sich Jim Rose sehr enttäuscht über die bisher praktizierte Grundschulausbildung. Besonders Schüler aus ärmlichenVerhältnissen könnten sich in der gesprochenen Sprache nur schlecht ausdrücken, ein anderer elementarer Mangel sei das öberflächliche Verständnis und Wissen vieler Schüler.

Diese Defizite stehen im Mittelpunkt der Roseschen Revolution: Der Lehrplan sollte grundlegend die Idee verfolgen, dass den Schülern emotionales und soziales Well-Being vermittelt werde, dass sie, selbst wenn sie aus benachteiligten Schichten kommen, selbstbewußt "dastehen und frei und gut reden" können.

Konkret will Rose die obgenannten traditionellen Fächer durch sechs "Verständnis-Felder", im Orginal: six areas of "understanding", ersetzen. Verständnis von Englisch, Kommunikation und Sprachen; mathematisches Verständnis; naturwisssenschaftliches und technisches Verständnis; Verständnis für menschliche, soziale Themen und Umweltschutz; Verständnis für physical education und "wellbeing" und als letztes Verständnisfeld dasjenige, das Kunst und Design näher bringen soll. Im Ideal sollen Schüler nicht mehr die Geschichte ihrer Stadt in einem extra ausgewiesenen Schulfach - "Heimatkunde" - lernen, sondern in einem themenübergreifenden Projekt erfahren, wie sich beispielsweise anhand der Architektur ihrer Stadt verschiedenste Tätigkeiten und Aspekte der Stadtentwicklung begreifen lassen.

Schulen würden vor allem größere Flexibilität und Freiheit benötigen, so Rose. Er würde von den Schulen sehr viele Beschwerden darüber hören, dass man ihnen zu viel vorschreibe; diesem Druck müsse man begegnen. Doch einstweilen üben vor allem die Kritiker solcher Ideen Druck auf Rose aus.

Zwar, so Dr Andrew Foster von der Royal Historical Society, würde man größere Flexibilität ebenso begrüßen, aber nicht, wenn sie tradierte Disziplinen bei der Erziehung junger Schüler nicht beherzige.

"Unsere Sorge ist, dass diese Entwicklung dem Spezialwissen zur Geschichte den Boden entzieht."

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Dr Rita Gardner, Chefin der Royal Geographical Society, bemängelt, dass dieses Konzept das Lernen selbst untergräbt, weil es dessen Grundlage unterminiert und zu einer oberflächlichen Behandlung der Themen tendiert.

Vertreter der Opposition raten Rose, sich von weiterem "Herumdilettieren" am Lehrplan fernzuhalten.

"The last thing primary education needs is more messing around with the curriculum."

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