Keiner liebt mich

Während eine Biografie uns seine Kunst erklären will, tourte die britische Sänger-Ikone Morrissey heuer schon zum zweiten Mal durchs Land.

Am britischen Sänger Steven Patrick Morrissey, kurz Morrissey genannt, scheiden sich die Geister. Entweder man liebt ihn, den Jungen, der in einem Arbeiterviertel in Manchester groß wurde, oder man hasst ihn. Tertium non datur.

Einer der ihn nicht mag, ist Peter Hook, ehemals Bassist von "Joy Division" und "New Order", der gerade ein Buch über die wilden Jahre des Madchester Rave unter dem Titel: "The Haçienda: How Not To Run A Club" veröffentlicht hat und dabei ist, mit dem Ex-Smiths-Bassisten Andy Rourke und dem Stone Roses Bassisten Mani ein neues Projekt namens Freebass aus der Taufe zu heben.

Im New Musical Express (NME) vom 12. Oktober bezeichnete Hook Morrissey, den seine Fans gern als "Mozzer" titulieren, als "Twat", was soviel wie "Trottel", "Arschloch", "Fotze" oder "Muttersöhnchen" bedeutet. "Wer ein Problem mit ihm hat", so Hook laut NME, "der wende sich besser gleich an seine Mutter, denn die würde sein Tun sofort entschuldigen."

Steve, der Depp

Und in der Tat, das macht eine pünktlich zur zweiten Deutschlandtour erschienene Biografie des ehemaligen NME-Journalisten und bekennenden Morrissey-Fans Len Brown deutlich, spielt die Mutter im Leben des "Gottvaters des Britpop" eine tragende Rolle.

Morrissey war zwar das zweite Kind des irisch-stämmigen Krankenhauspförtners Peter Morrissey und seiner Frau Elizabeth Dwyer, aber auch der Mutter einziger Sohn. Schon in jungen Jahren muss der kleine Steven heftig darunter gelitten haben, dass seine Eltern irgendwie nicht zueinander passten. Die Scheidung, die er als Halbstarker erleben musste, habe er jedoch als äußerst "lähmend" empfunden.

Schon in der Grundschule habe man ihn nicht ernst genommen und ihn als Sonderling behandelt. Man habe ihn gemobbt und als "Steve, den Deppen" verspottet. Dies habe sich auch nicht geändert, als er aufs Gymnasium wechselte. Auch dort fand das Sensibelchen weder Anschluss noch Freunde. "Ich begriff", so der Sänger zu Len Brown, "dass ich etwas Außergewöhnliches tun musste, um echte Freunde und andere zu beeindrucken".

Vorliebe fürs Schrullige

Man geht daher gewiss nicht fehl, wenn man seine Karriere als "eine Art von Rache" für eine unglückliche und triste Kindheit und Jugend deutet. Psychologisch betrachtet ist das nichts Ungewöhnliches. Immer wieder ist es Menschen gelungen, eine wegen körperlicher, geistiger oder seelischer Unzulänglichkeiten in jungen Jahren erfahrene Schmach oder Demütigung in produktive und/oder kreative Energie umzuwandeln.

Es verwundert daher nicht, dass er sich bereits früh zu eher schrulligen und tuntigen Figuren des Pop, zu Marc Bolan, David Bowie oder den "New York Dolls" hingezogen fühlte und sich für die absonderlichen Figuren der "Coronation Street" (vergleichbar der deutschen "Lindenstraße") begeisterte.

Und es verwundert auch nicht, dass der Bibliothekarssohn eine Vorliebe für das Morbide, das Exzentrische und den Dichter Oscar Wilde entdeckte, in dessen Lebenslauf er eine narzisstische Identifikationsfigur fand, die ihm über so manche Lebenspleite hinweghalf. Wenn der britische Dichter im Bildnis des Dorian Gray sein Ebenbild fand, dann ist dies für Morrissey gewiss Oscar Wilde.

Enthaltsam leben

Breiten Raum nimmt, natürlich möchte man fast sagen, die Frage nach des Sängers sexuellen Neigungen ein. Für Kritiker wie Verehrer war sie stets ein Quell der Faszination. Wie Oscar Wilde fordert auch Morrissey mit seinen Eskapaden die "traditionelle Männlichkeit" heraus. Und trotz aller wohlmeinender Versuche, sie ihm zu entlocken, hat der "Mozzfather" es stets verstanden, die Antwort darauf in der Schwebe zu halten, vielleicht auch weil er wusste, welches mediales Potential in der Vagheit und Offenlassen dieser Frage steckte.

Brown macht nicht den Fehler, sie abschließend oder gar endgültig klären zu wollen. Andererseits ist auch nach der Lektüre des Buches nicht nachvollziehbar, warum der Autor auf dieser Frage so lange und vehement herumreitet. Ob jemand queer, hetero, auto- oder gar asexuell ist, hat für die Musik zunächst keine Bedeutung. Da ist nur wichtig, ob sie den Hörer berührt, bewegt, anturnt oder nicht.

Identifikationsobjekt

Gewiss gehörten "die Smiths" mit ihrem Sänger und Texter Morrissey zu den produktivsten, originellsten und innovativsten Bands, die der Pop auf der Insel hervorgebracht hat. Für viele Jungerwachsene waren die Smiths nicht nur Sinn- und Identifikationsobjekt, die sie durch ihre vielfach gebrochene Gefühlswelt nach der düsteren Post-Punk-Ära geleiteten, sie waren auch die passende Antwort auf die musikalische Mittelmäßigkeit der 1980er sowie das politische Posthistoire, das Thatcher, Reagan und Kohl verkörperten.

Den Smiths verdanken wir nicht nur einige der besten und schönsten Songs, die die Popgeschichte kennt, ohne die Band wären später auch Bands wie "Blur" oder "Oasis", die "Libertines" oder "Franz Ferdinand", "Muse" oder die "Killers" so nicht möglich gewesen. Vor allem der NME hat die Smiths und Morrissey in den Achtzigern lange Zeit hofiert und protegiert. Weswegen Kritiker das Musikfachblatt beizeiten in den "New Morrissey Express" umzutaufen begannen.

Auch Hassobjekt

Brown macht deutlich, dass diese Sichtweise alles andere als stimmig ist. Immer schon gab es innerhalb der Redaktion heftige Auseinandersetzung um und über die Person Morrissey. Die Macht der Anti-Smiths-Lobby war groß, weshalb es die Band insgesamt auch nur viermal auf die Titelseite brachte.

Sie wuchs, als HipHop, Rave und Acid House auf der Insel hoffähig wurden, die "Stone Roses", "808 State" und die "Happy Mondays" vor zwanzig Jahren die Tanztempel eroberten und junge Redakteure sich zu diesen neuen Jugendkulturen bekannten. Und sie artete gar in echte Feindschaft aus, als Morrissey anno 1992 "England for the English" brüllte, sich zu zweifelhaften Posen hinreißen ließ und seinen konservativ-nationalistischen Gefühlen freien Lauf ließ.

Dies wiederholte sich vor zwei Jahren, als der Sänger ein "Irish Blood, English Heart" intonierte, in einem Interview die britische Einwanderungspolitik auf ihre Folgen für die nationale Identität hinterfragte und der NME daraufhin über ein: "Nicht schon wieder" stöhnte ( Popjournalistische Ressentiments).

Zwistigkeiten

Warum die Smiths fünf Jahre nach ihrer Gründung im Sommer1987 auseinanderbrachen, obwohl sie 1986 nach ihrem wohlweislich besten Longplayer "The Queen is Dead" auf dem Höhepunkt ihres Schaffens und Bekanntheitsgrades waren und obendrein ein überaus erfolgreiche Amerikatour hinter sich hatten, vermögen auch die Gespräche Len Browns mit dem Sänger nicht so recht zu klären.

Einerseits fehlte der Band nach Meinung des Biografen wohl ein Manager, der die widerstrebenden Interessen, musikalischen Neigungen und individuellen Eigenheiten der Bandmitglieder ausbalanciert oder zumindest in Zaum gehalten hätte.

Andererseits waren es wohl auch das mangelnde Engagement von Rough Trade, ihrem damaligen Plattenlabel, sowie persönliche Unzulänglichkeiten wie die verschwiegene Heroinsucht von Andy Rourke, die kompromisslose Expressivität Morrisseys und das musikalische Zerwürfnis zwischen Morrissey und seinem kongenialen Texterkollegen und Gitarristen Johnny Marr, die zum endgültigen Bruch führten.

Dem Split folgten wie üblich einige unliebsame Rechtsstreitigkeiten, die mehrmals vor Gericht ausgefochten wurden, und in deren Verlauf Morrissey zur Zahlung von einer Million Pfund an den Bassisten Andy Rourke verdonnert wurde.

Musikalischer Alleingang

Unbestritten ist, dass der bekennende Vegetarier und Anti-Alkoholiker Morrissey zu den schillernsten und außergewöhnlichsten Textern und Persönlichkeiten gehört, die das Popbusiness hervorgebracht hat. Stets hat er, der sich gern melancholisch gibt, dandyhaft auftritt und dabei häufig in Selbstmitleid zergeht, seinem Land den Spiegel vorgehalten und auf die unter den Teppich gekehrten Seiten des modernen Lebens hingewiesen, auf Rassismus und Korruption, auf Gewalt und Schwulenhass, auf Arbeitslosigkeit und Kriminalität.

Für ihn bedeutete das Aus der Band zunächst keinen Karrierebruch. Schon knapp ein halbes Jahr später brachte er "Viva Hate", seine erste Solo-LP auf den Markt, die sofort auf Platz eins in den Charts schoss. Anfang der Neunziger Jahre schien die Karriere des Mozzfathers jedoch beendet. Der "Melody Maker" behauptete, der Sänger schwelge nur noch in Mittelmäßigkeit und habe seine Bedeutung für das Land verloren.

Nach der Affäre in Madstock, wo er sich zu den Klängen von "Glamorous Glue" in einen Union Jack wickelte, während im Hintergrund Bilder von Skinheads an die Wand projiziert wurden, und den darauf folgenden Anfeindungen durch die britische Presse verschwand er beleidigt für mehrere Jahre nach Los Angeles in ein Haus von Clark Gable.

Fulminantes Comeback

Erst Mitte der Nullerjahre, als er nach Rom umsiedelte und sich mit dem Produzenten Tony Visconti zusammentat, erlebte Morrissey wieder ein fulminantes Comeback. Ausverkaufte Hallen, darunter in New York, San Francisco und London, und das an mehreren unmittelbar aufeinander folgenden Abenden, belegen das.

2004 kürte der NME The Smiths noch vor den Beatles zu den einflussreichsten Künstlern überhaupt. Und als die BBC ihre Landsleute vor drei Jahren dazu auforderte, den beliebtesten und bekanntesten Briten zu wählen, wurde Morrissey gar zur zweitgrößten "noch lebenden Ikone" Großbritanniens gewählt, noch vor Sir Paul McCartney.

Im Mai dieses Jahres feierte der Sänger seinen 50. Geburtstag. An zwei Abenden kam es im vollbesetzten Apollo Theatre seiner Heimatstadt Manchester zu wahren Begeisterungs- und Liebesschwüren seitens des Publikums. Die von ihm immer wieder transportierten Liedzeilen: "Niemand mag mich, niemand will mich, niemand liebt mich, außer Stein und Stahl", wie er sie auf den beiden jüngsten Produkten "Years of Refusal" und "Sword" transportiert, sind so gesehen, reine Koketterie.

Deutsche Zurückhaltung

Obzwar er in Deutschland auf eine breite und eingeschworene Fangemeinde zurückgreifen kann und seine jüngsten Alben sich, was Verkaufszahlen und Chartplätze angeht, hervorragend platziert haben, schafft es der Sänger hierzulande nur, mittlere Hallen zu füllen. Als er vor drei Jahren im Münchner "Zenith" gastierte, war die Halle zur Hälfte leer. Und als er diese Tage wieder in München weilte, hatte er Mühe, gar die "Tonhalle" zu füllen. Eine Pikanterie am Rande war, dass sein Auftritt genau am dem Abend datiert war, an dem die ProgRocker "Muse", die Morrissey ausdrücklich zu ihrer Inspirationsquelle erklären, in der Olympiahalle tobten.

Körperlich wie stimmlich zeigte er sich dabei, nachdem er vor Wochen im englischen Swindon noch einen Schwächeanfall erlitten hatte und das Konzert abgebrochen werden musste, fit und voll auf der Höhe. Das Konzert war gut, wenn auch nicht berauschend. Es bot Songs der Smiths-Ära, von "Cemetery Gates" über "Ask" und "Rusholme Ruffians" bis zum wunderbar krachenden "How Soon is Now", sowie Songs aus den beiden jüngsten Alben.

Dass das Alter an dem Künstler zu zehren beginnt, bewies Morrissey damit, dass das Konzert pünktlich um neun Uhr begann und er das Publikum nach knapp fünfundsiebzig Minuten, nachdem seine Band an die neunzehn Songs durchgeknüppelt hatte, wie gewohnt einige Hände schüttelte und seine Fans mit seinem verschwitzten Hemd und Frank Sinatras "My Way" nach Hause schickte.

Literatur: Len Brown, Im Gespräch mit Morrissey, Innsbruck: Hannibal 2009, 424 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, € 29.90.

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