Kiffen, vögeln, Schwarzarbeit - für mehr Effizienz und Klimaschutz

Ab September werden auch in Deutschland illegale Geschäfte zum Bruttoinlandsprodukt gezählt - ein Fest für die Klimastatistiker

Nächsten Monat tritt ein Rechentrick in Kraft, der eigentlich nur die Schuldenquote der EU-Mitgliedsstaaten senken sollte: gleichviel Schulden bei höherem BIP bedeutet höhere Kreditwürdigkeit, so das Kalkül. Zur Wirtschaftsleistung werden deshalb nach dem "Europäischen System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung" (ESVG) jetzt auch der angenommene Umsatz an Drogen, Sex-Dienstleistungen und Schwarzarbeit gezählt.

Das soll vor allem vielen verschuldeten Ländern mit einer großen Schattenwirtschaft helfen. Also Länder in denen die Bürger aus Tradition oder auch Schutz vor den lokalen Bürokratien ihr selbst verdientes Geld lieber unter dem Kopfkissen horten oder selbst ausgeben, anstatt es zu versteuern. Bisher wurden innerhalb der EU Versuche, das BIP durch das Dazurechnen einer Schattenwirtschaft zu vergrößern noch beschränkt. So durfte Griechenland 2006 sein BIP nur 9,6 Prozent höher ansetzen, anstatt der gewünschten 25 Prozent, was aber wohl eher den tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnissen im Land entsprochen hätte.

Laut einem FAZ-Bericht kritisierte die deutsche Statistikbehörde an der neuen EU-Regelung vor allem, dass jetzt auch Waffengeschäfte mit eingerechnet werden. Diese seien doch zerstörerisch und könnten so nicht der Kapitalbildung dienen. Aber so funktioniert das Wirtschaftswachstum nun mal: ein Haus abzufackeln und es dann wieder aufzubauen, schafft vom Rettungseinsatz über die Aufräumarbeiten, Planung und Neubau mehr Investitionen und damit BIP als der Erhalt von Hab und Gut - so zynisch war das Berechnungsmodell für Wirtschaftskraft auch jetzt schon.

Neu in der Statistik ist unter anderem, dass Sex-Dienstleistungen nun erstmals in allen Ländern der EU als Wirtschaftszweig positiv für das Bruttoinlandsprodukt angerechnet werden. Allein in Deutschland wandern so für 2013 rechnerisch 400.000 Prostituierte (davon 5 Prozent Männer) mit ihren 14,6 Mrd. Euro Umsatz ins BIP. Um auch den Drogenkonsum zu erfassen, wurden Nutzerbefragungen durchgeführt und mit den entsprechenden Marktpreisen ein einstelliger Milliardenbetrag errechnet, hinzu kommen noch rund 3 Mrd. Euro für unversteuerte Zigaretten. Für die Klimaschutz- und Effizienzziele bedeutet das nun, dass durch das per Schattenwirtschaft aufgeblasene BIP die gesamtwirtschaftliche Energieeffizienz steigt, weil nun mit dem vorhandenen Energieverbrauch rechnerisch ein höhere Energieproduktivität erzielt wird. Gleiches gilt für die Emissionen, die pro Kopf zwar gleich bleiben, aber pro "Wertschöpfung" jetzt niedriger ausfallen.

Und das kommt nicht nur südeuropäischen Ländern zugute, sondern auch Deutschland, das von Brüssel gerade gerügt worden ist, weil es erst ein Drittel seiner Verpflichtungen zur Reduktion des Energieverbrauchs (bis 2020 um 20 Prozent) erreicht hat. Ähnlich geht es übrigens 21 von 28 EU-Staaten. Wie gut, dass man jetzt kollektiv dem drohenden Strafverfahren der EU-Kommission entgehen kann, durch ein Umschalten auf die gesamtwirtschaftliche Energieproduktivität auf Basis des neuen BIP.

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