Kinder aus reichen und armen Familien haben unterschiedliche Gehirne

Nach einer EEG-Studie verarbeitet der präfrontale Kortex von Kindern aus der Unterschicht neue Reize langsamer.

Die Schere zwischen den Armen und Reichen geht zwischen Ländern, aber auch innerhalb von Gesellschaften auf. Reiche und Arme unterscheiden sich nicht nur im Lebensstil und dem, was sie sich leisten können. Auch auf Gesundheit und Lebenserwartung wirkt sich selbst in reichen Ländern das Vorhandensein von Wohlstand oder dessen Mangel aus. Und jetzt wollen Wissenschaftler herausgefunden haben, dass auch die Gehirne von Armen und Reichen durchaus verschieden sein sollen.

Untersucht haben die Wissenschaftler von der University of California, Berkeley, die Gehirne von 9- und 10-Jährigen, die zur Hälfte aus Familien mit einem jährlichen Haushaltseinkommen von 27.000 US-Dollar und zur anderen Hälfte aus wohlhabenden Familien mit einem Jahreseinkommen von durchschnittlich 96.000 Dollar stammten. Gemessen wurde die Hirnaktivität mit dem EEG, während die Kinder eine Folge von Dreiecken auf dem Bildschirm beobachten. Wenn ein leicht verformtes Dreieck auftauchte, sollten sie einen Knopf drücken. Besonders aussagekräftig dürfte die Studie allerdings nicht sein. Es wurden gerade einmal 26 Kinder getestet.

Vergrößern EEG-Muster des Gehirns eines Kindes aus der Oberschicht

Interessiert waren die Wissenschaftler daran, wie die Gehirne der Kinder innerhalb kürzester Zeit reagieren, wenn ein ganz anderes Bild wie etwa eine Mickey Mouse präsentiert wurde. Mit dem EEG konnte die Aktivität im präfrontalen Kortex im Millisekundenbereich erfasst werden. Die Kinder aus der sozioökonomischen Unterschicht hätten teilweise auf den unerwarteten Stimulus so reagiert, sagt der Psychologe Robert Knight, als wäre ihr präfrontaler Kortex beschädigt, ähnlich wie bei einem Menschen, bei dem dieser durch einen Gehirnschlag beeinträchtigt wurde. Das sei zwar nicht bei allen so, aber doch bei Kindern aus der Unterschicht wahrscheinlicher. Die langsame Reaktion könne damit zu tun haben, dass die Kinder sich auch unterschiedlich verhalten, vermuten die Wissenschaftler. Schlechter ist die Reaktion, also die Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsleistung, auch bei der Beobachtung der Dreiecke gewesen.

Auf der anderen Seite haben die Kinder aus den reicheren Familien natürlich einen kognitiven Vorteil. Sie sind wacher und aufmerksamer, können besser Probleme lösen und erzielen deshalb auch bessere Leistungen in der Schule. Ihre Gehirne werden anders geformt. Knight sieht die Erkenntnisse aus der Studie als Alarmsignal: "Die Kinder sind nicht nur arm und haben wahrscheinlich eher Gesundheitsprobleme, bei ihnen entwickelt sich aufgrund der stressigen und relativ verarmten Umwelt, die mit einem niedrigen sozioökonomischen Status verbunden ist: wenige Bücher, wenig Lesen, weniger Spiele, weniger Besuche in Museen, auch das Gehirn nicht vollständig." Reizarme Umgebungen, dass weiß man aus Versuchen mit Tieren, machen "dumm", "reizvolle" Umwelten regen das Gehirn an.

Vergrößern

Die Gehirnentwicklung sei aber nicht zwingend. Mit gezielter Beschäftigung der Kinder der Kinder könne man die kognitiven Leistungen verbessern. Offenbar schwebt den Wissenschaftler vor, dass sie durch bestimmte Spiele, die die kognitiven Fähigkeiten anregen, die präfrontale Aktivität fördern können. Auch das gemeinsame Essen, bei dem man sich unterhält, machen vielleicht schon einen Unterschied aus, meinen die Wissenschaftler.

Anzeige