"Kirchengeschichtlicher Tabubruch"

Ein evangelisch-methodistisches Gebetshaus in Mönchengladbach wird zum alevitischen Cem-Haus

Als "kirchengeschichtlichen Tabubruch" wertet "Die Welt" die Übergabe eines evangelisch-methodistischen Gemeindesaals an Aleviten in Mönchengladbach-Rheydt: Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte, so heißt es in dem Artikel, wurde hier ein christliches in ein alevitisch-muslimisches Gotteshaus umgewandelt.

Es gebe, so der Bericht, einen Konsens unter den deutschen Kirchen, dem sich die beiden Großkirchen wie die kleinen Freikirchen bislang angeschlossen hätten: "Aufgegebene Gotteshäuser dürften zwar in Museen oder Synagogen, nicht aber in islamische Gotteshäuser umgewandelt werden."

Diesem Konsens sei nun in Mönchengladbach nicht mehr gefolgt worden, so stellt das auch kath.net dar - nur dass man hier deutlicher darum bemüht ist, das Gotteshaus der Aleviten zu einer Moschee zu machen, um der Meldung etwas Schärfe hinzuzufügen, und sie in die nächstmögliche Nähe zu einer Schlagzeile der Art "Kirche wird zur Moschee" zu rücken. Entsprechend wird auch in der Einleitung verfahren:

"In Mönchengladbach verkauft die methodistische Gemeinde eine Kirche an die Aleviten, die ihr Gotteshaus nicht Moschee, sondern Cem-Haus nennen - Bisher galt Konsens, dass Kirchen keine islamischen Gebetshäuser werden (...) Zum ersten Mal ist in Deutschland eine Kirche in eine Moschee umgewandelt worden."

Welchen Interessen dient solche Rhetorik, die mit undifferenzierten Gleichsetzungen arbeitet?

Im "Welt"- Artikel wird die Ausnahmestellung der Aleviten gegenüber Muslimen deutlich betont - wie man auch anderswo bei einfachster Google-Recherche sehr schnell zu Informationen gelangt, die als Besonderheit der Aleviten herausstellen, dass es zwar "Anknüpfungspunkte mit dem schiitischen Islam" gebe, die Aleviten sich jedoch nicht als Muslime betrachten würden ("Ihre Theologie unterscheidet sich in zentralen Punkten"). So ist auch ein Cem-Haus, ein Gemeindezentrum, nicht ohne Weiteres mit einer Moschee gleichzusetzen, auch wenn hier wie dort gebetet wird. Dass mit dem Begriff Moschee bestimmte Assoziationen und Bilder aufgerufen werden, dürfte Kath.net klar sein. Daraus zu folgern, eher Spannung aus dem vielfach polemisch aufgeheizten Themenfeld "Christentum/Islam" zu nehmen und aufzuklären, hat dort anscheinend keine Priorität.

Der Standpunkt des Methodisten-Bischofs Klaiber Christen ist ein anderer - er rät laut Welt-Artikel Christen davon ab, "sich in ein Bollwerk zurückzuziehen". Es gehe ihm um andere Kriterien:

"Er rät den anderen Kirchen, vor allem ein Kriterium anzulegen, wenn es darum gehe, ein Gotteshaus an eine Glaubensgemeinschaft zu verkaufen: die Frage, ob diese Gemeinschaft das 'Humanum, das Wohlergehen unterschiedslos aller Menschen ins Zentrum' stelle. Bei einer 'Liebesreligion' wie der alevitischen sei dies gegeben. Darum könne man ihr eine ehemalige Kirche guten Gewissens anvertrauen."

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