Kleine Geschenke begründen die Freundschaft

Weltweit haben Medizinstudenten schon früh Kontakt zur pharmazeutischen Industrie

Es liegt in der Natur des Systems, dass pharmazeutische Unternehmen ihre Werbebotschaften dort platzieren, wo sie nachhaltig wirken. Dies ist einerseits bei Ärzten der Fall, denn diese verschreiben die produzierten Medikamente. Andererseits sind Medizinstudenten ein Ziel, wachsen diese doch, so die Hoffnung, mit einem positiven Marken-Branding in ihren Beruf hinein. Eine doi/10.1371/journal.pmed.1001037: Studie des Ethikcenters an der Harvard University hat nun überprüft, welchen Einflussnahmen durch Pharma-Firmen Studenten weltweit ausgesetzt sind.

Die Autoren bezogen 32 Studien in ihre Literaturauswertung ein, die Hälfte davon bezog sich auf die USA und Kanada, der Rest verteilte sich auf Australien, Russland, Finnland und einige andere europäische Länder sowie den Nahen Osten. Insgesamt gaben zwischen 89-98 Prozent der fortgeschrittenen Studenten an, bereits mindestens einmal ein durch die medizinische Industrie gesponsorten Snack oder ein Essen angenommen zu haben. Und ein großer Teil hatte bereits ein Geschenk erhalten, meist einen Kugelschreiber oder einen Notizblock. Es wurden zudem bereits Lehrveranstaltungen besucht, die durch Pharma-Unternehmen gestützt waren. 2005 hatte eine Studenten-Befragung ergeben, dass ältere US-Semester im Durchschnitt einmal pro Woche Kontakt zu Material oder Personen der Arzneimittelindustrie haben. Ohnehin scheint diese frühe Kontaktaufnahme in den USA am verbreitetsten zu sein.

Nach der Angemessenheit von kleinen Geschenken befragt, bezogen die Studenten unterschiedlich Stellung. In einem großen Teil der Studien befanden die fortgeschrittenen Studenten die Annahme von Geschenken als legitim, während die Studienanfänger hier noch kritischer eingestellt waren. Einigen Studien ( 1, 2) fanden aber auch keine Unterschiede im fortschreitendem Studium.

Eine Art Kognitive Dissonanz herrscht bei den Medizinstudenten bezüglich der Qualität industriegestützter Ausbildung. Einerseits ist man der Meinung, dass pharma-gesponsorte Lehrmaterialien unausgewogen und tendenziös sind, andererseits berichten die Studenten immer wieder, dass solches Material eine wertvolle Arbeitshilfe in ihrem Studium gewesen sei.

Zwei Drittel der Studenten gaben zudem an, immun gegen Beeinflussungsversuche zu sein. Das dies natürlich nicht so sein muss, zeigte eine Forschergruppe um David Grande 2009. Sie wiesen nach, dass bereits die Platzierung eines Logos auf einem Klemmbrett und einem Notizblock zur besseren Bewertung eines Medikaments führte. Wohlgemerkt nur bei den Studenten, deren Universität eine offene Grundhaltung gegenüber der pharmazeutischen Industrie in ihren Statuten stehen hatte. Glaubt man der Untersuchung, führte das Logo bei den anderen sogar zur gegenteiligen Wirkung. An deren Universität war es verboten, Studenten mit Geschenken oder Gratis-Mahlzeiten zu beglücken.

Die Verhältnisse in den USA begründen sich zu einem Teil sicherlich mit der dortigen Finanzierung des Bildungswesens, in dem Sponsoring durch Unternehmen systemimmanent ist. In Deutschland öffnen sich die Universitäten gegenüber Kooperationsverträgen mit der Privatwirtschaft erst langsam. Präklinische Medizinstudenten haben kaum Kontakt zur pharmazeutischen Industrie, spätestens mit den Besuchen der ersten Kongresse sind die beliebten Stifte mit den dezenten Aufdrucken der Pharma-Giganten aber allgegenwärtig. Und in fast jeder Arztpraxis stehen Sonderauflagen von Fachbüchern, die von der Industrie gesponsort wurden. Wer all dies bemängelt, sollte sich weniger am persönlichen Verhalten der Studenten und Ärzte stoßen, als vielmehr am Gesundheitssystem, dass ohne die enge Kooperation mit der Industrie schon lange nicht mehr überlebensfähig ist.

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