Kleinkariert

Der Sänger Peter Doherty hat beim BR die erste Strophe des Deutschlandliedes intoniert. Dafür soll er sich jetzt entschuldigen und hat dies auch getan.

Blöder geht’s nimmer. Der Bayrische Rundfunk forderte vom britischen Sänger Peter Doherty ( Tief unten in Arkadien), der seit Freitag in der Stadt sein „Unwesen“ treibt und am Samstag Abend ein Solo-Konzert im Münchner „Backstage“ gab, eine förmliche Entschuldigung für sein Verhalten am Samstag. Da hatte er auf dem „on3-Festival“, zu dem er ungebetenerweise erschienen war, drei- oder viermal „Deutschland, Deutschland, über alles“ intoniert, als ein Teil des Publikums, das auf PC-Pop á la „Kettcar“ eingestellt war, ihn von der Bühne buhen wollte. Dummerweise war das auch noch live über den Sender gegangen.

Dabei ist das Singen der ersten wie auch der zweiten Strophe, wie man weiß, gar nicht verboten, sondern nur unschicklich, seitdem eine vorauseilende politische Korrektheit das den Deutschen ins Stammbuch geschrieben. Schließlich will man im Ausland, auch wenn man das im täglichen Umgang in der EU oder bei bilateralen Handelsfragen mit kleineren Staaten anders handhabt, nicht mehr als großmännisch wahrgenommen werden.

Von Geschichtsbewusstsein scheint der Sender weder was zu halten noch davon etwas zu kennen. Sonst würde er zumindest wissen, dass Lied und Text wesentlich älter sind, als es die offensichtlich nur bis 1933 zurückdenkende Fraktion im BR meint. Hoffmann von Fallersleben war jeder Nationalchauvinismus fremd, er hatte das Lied 1841 auf der Insel Helgoland gedichtet und es den in Kleinstaaten zerfallenen Deutschen zugeeignet, auf dass sie sich bald möglichst zur Kulturnation vereinigen werden.

Die erste Strophe wurde nach WK I von Fritz Ebert (SPD), dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten Deutschlands, am 11. August 1922 zur Nationalhymne erklärt. Gleichwohl wurde das Deutschlandlied, obwohl es gern anders erzählt wird, keineswegs die Hymne der Nazis, sondern stets nur in Verbindung mit der SS-Hymne „Die Fahne hoch“ intoniert.

Nach dem Krieg blieb das Lied nach eingehenden Diskussionen Nationalhymne. Noch 1974, als die deutsche Mannschaft im Endspiel gegen die Niederlande in München stand, wurden alle drei Strophen auf die Anzeigetafel projiziert, damit jeder im Stadion sie mitsingen konnte. Bis zur Wiedervereinigung sang man offiziell, was den meisten aus dem Bewusstsein verschwunden zu sein scheint, immer auch alle drei Strophen. Erst nachdem Deutschland sich wiedervereinigt hatte, glaubten Helmut Kohl und seine Mannen sich davon distanzieren zu müssen.

Den Text, so kitschig und unzeitgemäß er heute auch klingt, nur auf die Jahre 1933-45 zu beschränken, darauf, dass das Lied auch mal von den Nazis gesungen wurde, zeugt nicht nur von eklatanter Geschichtsvergessenheit, sondern auch von fehlendem National- und Selbstbewusstsein.

Wer Briten und Franzosen ihre Hymnen schmettern sieht, die in vielerlei Dingen viel kriegerischer, blutrünstiger und großspuriger sind als das Deutschlandlied, kann über die geistige und kulturelle Kleinkariertheit der BR-Verantwortlichen und einer bestimmten Zahl von Deutschen nur den Kopf schütteln.

Peter Doherty hat das ihnen, unfreiwillig zwar, wieder mal gezeigt. So sturzbesoffen kann der Sänger folglich gar nicht gewesen sein, wie die Berichte besagen. Zumindest in Vertretung hat sich Doherty schließlich doch entschuldigt. "Peter wanted to celebrate his appearance in Munich by assimilating and integrating with the crowd, something he tries to do wherever he goes", sagt seine Sprecherin in seinem Namen. "He was unaware of the controversy surrounding the German National anthem and deeply apologises if he has caused any offence. Peter himself is from Jewish descent and has fought against racism and fascism with numerous organisations including Love Music Hate Racism. This is a subject he feels very strongly about."

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