Klimawandel: "Wir sind nicht auf dem richtigen Weg"

UN-Meteorologen legen Krankenakte des Planeten vor und machen auf die Dringlickeit der Probleme aufmerksam. Bundeskanzlerin Merkel schwänzt trotzdem Klimakonferenz

Zwei Tage bevor im südwestpolnischen Katowice die diesjährige UN-Klimakonferenz beginnt, hat die Weltmeteorologieorganisation WMO in Genf, der Dachverband der nationalen Wetterdienste, ihre vorläufige Bilanz des Klimasystems für 2018 veröffentlicht.

Im Wesentlichen kam dabei eine Ansammlung von Katastrophen und Wetterextremen heraus. Algerien berichtet zum Beispiel im Juli einen neuen nationalen Temperaturrekord von 51,3 Grad Celsius. Oman hatte im Juni eine der höchsten jeweils registrierten Nachttemperaturen gemeldet. 42,6 Grad Celsius wurden dort am 26. Juni 2018 in der Küstenstadt Quriyat gemessen, hieß es im Sommer auf der Platform Weather Underground. Der benachbarte Golf von Oman hatte zu dieser Zeit wenig Erfrischung zu bieten: Die Wassertemperatur betrug dort 32 Grad Celsius.

Das sind Temperaturen, bei den schnell tropische Wirbelstürme entstehen können, wenn die atmosphärischen Bedingungen passen. Das ist in der Region zum Glück nicht zu oft der Fall, aber erst vor wenigen Wochen hat ein Tropensturm, wie berichtet, das benachbarte Jemen getroffen, und zwar so weit westlich und so heftig, wie selten zuvor.

Für das arme und von Stellvertreterkriegen verheerte Jemen waren die angerichteten Schäden sicherlich besonders hart und werden schwer zu beheben sein. Aber in absoluten Zahlen waren die von den Hurrikanen "Florence" und "Michael" in den USA angerichteten Schäden mit Sicherheit wesentlich höher. Die versicherte Schadenshöhe betrug für "Florence" dort zwischen 1,7 und 4,6 Milliarden US-Dollar schrieb seinerzeit die Nachrichtenagentur Reuters.

Mit bisher 70 lag die Zahl der tropischen Zyklone – für die es an den verschiedenen Küsten unterschiedliche Bezeichnungen wie Hurrikane oder Taifune gibt - 2018 überdurchschnittlich, und zwar in allen vier Regionen der nördlichen Hemisphäre, in denen sie gewöhnlich auftreten. Im langjährigen Mittel waren es 53.

Schwere Überschwemmungen gab es im ausgehenden Jahr nicht nur durch die tropischen Wirbelstürme in den USA, auf den Philippinen, Vietnam und Laos. Auch der indische Bundesstaat Kerala oder das westliche Japan wurden schwer gebeutelt. In Kerala wurden im August 1,4 Millionen Menschen obdachlos, in Japan wurden Ende Juni/ Anfang Juli ebenfalls tausende Häuser zerstört und 230 Menschen getötet.

Zerstörerische Überschwemmungen hatte es zuvor schon in weiten Teilen Ostafrikas gegeben. Betroffen waren Teile Tansanias sowie Äthiopien, außerdem Kenia und Somalia, die zuvor unter einer schweren Dürre gelitten hatten. Zuletzt traf es im Oktober einige Regionen des westlichen Mittelmeeres.

2018 wird, so die WMO, voraussichtlich das viertwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen werden, dicht hinter 2016, 2017 und 2015 und noch vor 2014, wie die Daten des Goddard Instituts for Space Studies der NASA zeigen.

Die globale Temperatur lag damit in den ersten zehn Monaten 2018 knapp ein Grad Celsius über dem Durchschnitt der Jahre 1850 bis 1900, eine Zeit, in der die Temperatur noch kaum über das vorindustrielle Niveau gestiegen sein dürfte, das gewöhnlich als Referenz gilt, wenn in den internationalen Verträgen Schwellen wie 1,5 oder zwei Grad Celsius Erwärmung genannt werden, die nicht überschritten werden sollen.

Daran wird deutlich, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, diese Ziele noch zu erreichen. Das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung spricht in einer am Freitag veröffentlichten Stellungnahme davon, dass die globalen Treibhausgasemissionen bis 2030 halbiert werden müssen.

Dringlichkeit liegt also in der Luft, aber Bundeskanzlerin Angela Merkel vertagt die Kohlekommission und damit den Ausstieg aus der Kohlenutzung. Sie hält es nicht einmal für notwendig, zur UN-Klimakonferenz ins nahe Katowice zu reisen. Klimakanzlerin war einmal. Wenn überhaupt.

"Wir sind nicht auf dem Weg, die Klimaschutzziele einzuhalten und den Temperaturanstieg zu begrenzen", warnt unterdessen WMO-Generalsekretär Petteri Taalas.

!Die Treibhausgaskonzentrationen erreichen einmal mehr Rekordniveaus und wenn der gegenwärtige Trend anhält könnten wir bis zum Ende des Jahrhunderts einen Temperaturanstieg von drei bis fünf Grad Celsius erleben. Wenn wir alle bekannten fossilen Brennstoffe ausbeuten, wird der Temperaturanstieg sogar noch höher ausfallen. Es lohnt sich uns zu gegenwärtigen, dass wir die erste Generation sind, die den Klimawandel in vollem Umfang versteht und die letzte, die an ihm noch etwas ändern kann."
WMO-Generalsekretär Petteri Taalas
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