Koan Pokal, koan Titel fer de Mia san mia

Nach drei gewonnenen Vizemeisterschaften herrscht tiefe Trauer an der Säbener Straße. Die eigene Vergangenheit ficht das aber nicht an. Sie ist durchaus vorzeigenswert

Der Katzenjammer ist riesgroß. Und das Tal der Tränen, das der Rekordmeister derzeit durchschreiten muss, ebenso. Die hochdotierten Profis konnten den überzogenen Erwartungen und Ansprüche, die die Vereinsführung, insbesondere der Präsident und "Übervater" Hoeneß, in sie gesetzt und vor der Saison erhoben hatte, nicht genügen.

Das Gepäck, das man ihnen aufgehalst hatte, war zu schwer ( Mehr als ein Fußballspiel). Darum ist die Fallhöhe auch so enorm hoch. Eine Zeitenwende scheint nicht ganz ausgeschlossen. Auch Bayer "Vizekusen" hat sich davon nicht mehr erholt.

Nicht nur die Dortmunder Borussia, der man im Herbst noch den Ätschfinger zeigen konnte, hat sich am Schluss als zu stark für den Münchner erwiesen. Gegen den "Ruhrpottklub" hat man jetzt fünfmal in Folge verloren ( Wachablösung), in Berlin sogar haushoch, und dazu auch noch Pokal und Meisterschaft. Auch im "Finale dahoam", das man zum Spiel der Spiele aufgeblasen und sich als Riesenballast während der Spielzeit gezeigt hat, ist man vom FC Chelsea in "ausgebuffter" Weise ausgekontert worden.

Noch nach den Niederlagen gegen den BVB hatte Uli Hoeneß in seiner "unnachahmlichen" Beißerart angekündigt, man werde "die Mannschaft so lange verstärken, bis wir wieder alleine sind", und dabei drohend hinzugefügt: "Wir haben auch das Geld dazu." Womit er nur das latente Vorurteil bei einem Teil der deutschen Fußballfans erneut be- und verstärkt hat, dass es sich bei den Münchner Bayern um "großkotzige Geldsäcke" handelt, die Niederlagen stets mit gezücktem Geldbeutel und Großeinkäufen zu kompensieren suchen.

Dass das Desaster vielleicht hausgemacht und weniger den Spielern als der Klubführung anzulasten ist, diese Gedanken lässt man nie aufkommen. Selbstzweifel, etwa an Vereinsstrategie, Auswahl und Kauf von Spielern und Übungsleitern, sind im Kosmos des Branchenführers nicht vorgesehen. Eher übt man sich in Schönfärberei und selektiver Wahrnehmung und unkt vom "besseren Fußball", den man jedes Mal gespielt habe.

Dabei sind die eigenen Verfehlungen offenkundig. In vier Jahren hat man drei Trainer verschließen, diverse Spielphilosophien ausprobiert und sich teure Diven und Egomanen zugelegt, die, wenn es nicht nach deren Köpfen geht, auch mal aufeinander einschlagen, zum Ausheulen zu Uli an den Tegernsee fahren oder, wenn auch das nicht hilft, beleidigt auf der Ersatzbank herumhocken.

Bei all dem Wehklagen über das verlorene Endspiel wird leicht vergessen, dass man davor zwei Finals nur mit viel Glück erreicht hat, mit Gewinn im Elfmeterschießen gegen Real Madrid und Borussia Mönchengladbach. Bereits in diesen Spielen hätten einige Titelträume platzen können. An fehlenden Wadlbeißern, wie Uli Hoeneß nach dem "Fiasko dahoam" plötzlich beklagt, kann es folglich nicht gelegen haben. Auch nicht am mangelnden Glück oder einem übelgelaunten Fußballgott ( Wie ungerecht? Selbst schuld!). Der ist schon wegen des allseits gefürchteten Bayern-Dusels nicht satisfaktionsfähig.

Es hat ja nicht, wie jedermann am Samstag im Stadion oder vor den Schirmen sehen konnte, am Einsatz oder Einsatzwillen der Spieler gefehlt, auch nicht an Leidenschaft oder der Gier, wie das neudeutsch heute heißt, Europas höchste Trophäe in München zu belassen, eher an der mangelnden Präzision und, vor allem, an allzu zittrigen Beinen und Füßen vor dem Tor. Der Zwang des unbedingten Gewinnenmüssens "dahoam", auf das man das Team eingeschworen hatte, hat die Kicker offenbar mental gelähmt).

Nur so ist zu erklären, warum etwa ein Mario Gomez, der davor zwölf Treffer in vierzehn Spielen der Königsklasse erzielt und nebenbei deren Vize-Torschützenkönig (noch so ein Vize-Titel) geworden ist, nach einer halben Stunde zentral und freistehend vor dem Tor aus sieben Meter den Münchner Nachthimmel anvisierte, statt den Ball einfach ins linke oder rechte Eck zu schieben.

Ganz anders präsentierte sich dagegen Chelsea. Die Londoner spielten weder schön noch gut, aber dafür höchst effektiv. Sie glaubten an ihre Chance, die ihnen die Experten vorher nicht zubilligen wollten. Nüchtern, mit Geduld und kühlem Kopf verfolgten sie nicht nur einen genauen Plan, sie wussten auch, dass sich ihnen diese eine Möglichkeit, eine Standardsituation, irgendwann im Spiel bieten würde - auch in der letzten Minute. Dann würden sie, wie in den beiden Spielen gegen Barca zuvor, eiskalt zuschlagen und diese nutzen.

Und so kam es auch in der vorletzten Minute. Sie war akribisch einstudiert. Bolzte Arjen Robben den Ball gefühlte hundert Ecken halbhoch und uninspiriert auf den Kopf irgendeines Engländers, schlug Mata das Spielgerät dieses eine Mal punktgenau aufs vordere Strafraumeck, wo Lampard Boateng, den Bewacher Drogbas, geschickt sperrte und der Ivorer die Kugel mit der Wucht eines deutschen Panzers mit dem Kopf am verwunderten Neuer vorbei ins Netz wuchtete.

Zudem hatten sie neben dem kolossalen "Didi did it" Drogba, der die beiden Möglichkeiten, die sich ihm boten, gnadenlos ausnutzte, mit dem schier unglaublichen Petr Cech einen Teufelskerl zwischen den Pfosten, der Ruhe aufs Team ausstrahlte und nicht wie im Camp Nou mit tausend Händen Messis oder Iniestas Schüsse, Heber oder Schlenzer abwehrte, sondern mit magischem Blick und robuster Körpersprache, die Münchner Stürmer reihenweise meterweit über oder neben das Tor zielen ließ.

Wer ein Fußballendspiel, erst recht im eigenen Stadion, zu einer Abstimmung über sein "Lebenswerk" umfunktioniert ( Das Spiel des Lebens), es damit zu einem "Prestigekampf" (durchaus im Sinne von Alexandre Kojève) über Leben und Tod aufbauscht, um danach noch größer leuchten zu können als alle anderen, braucht sich hinterher nicht zu wundern, wenn Spieler ob der Größe des Ereignisses versagen und der "Traum" sich zum handfesten "Trauma" auswächst.

Über die Häme und Schadenfreude, die den "großmäuligen" Bayern seitdem vor allem in den Foren der verschiedenen Medienformen entgegenschlägt, braucht sich niemand zu wundern. Es ist ja nicht so, dass ganz Deutschland rotweiß getragen hätte, den Bayern zu Füßen gelegen wäre oder ihnen ganz fest die Daumen gedrückt hätte. Das Bild, das das Fernsehen, Sky Deutschland und Sat1, gemalt haben, ihre Experten und Reporter ebenso wie die großen Zeitungen, hat so nicht gestimmt.

Man muss kein Anhänger der Löwen, der Knappen oder der Clubberer sein, um zu wissen, dass man Niederlagen oder Scheitern der Bayern hierzulande stets mit großer Genugtuung begleitet. Schon immer gab und gibt es in Deutschlands Fußballland eine riesige Abneigung, bisweilen gar echten Hass, gegen den Branchenführer und seinen "Leithammel" Uli Hoeneß. Gewiss hat der Verein gute Arbeit geleistet. Er verdankt sein prall gefülltes Festgeldkonto, anders als mancher Rivale und Gernegroß, vor allem eigener Anstrengung und seinem Willen zu Sparsamkeit und überlegter Haushaltsführung.

Allerdings sind oder waren diese Methoden, man denke an den Kirch-Deal, die Geheimabsprache mit dem Wunderspieler Deisler oder dem Wegkauf wichtiger Spieler konkurrierender Vereine, nicht immer lauter. Das Lamentieren über Milliardäre, die sich Vereine kaufen, über hohe Fernsehgelder in anderen Ligen oder unlauteren Wettbewerb in Europa lenkt von der bayerischen Besonderheit ab, sich von Dax-Konzernen wie der Allianz, von Audi und vor allem der Telekom mit zweistelligen Millionenbeträgen hochpeppen und sponsern zu lassen.

Wer so überheblich mit seinem Geld in der Öffentlichkeit protzt, wie Uli Hoeneß gerade wieder; wer sich Sieges-, diesmal: Trauerfeiern von der Deutschen Telekom ausrichten lässt, und das auch noch mit dem Geld der Aktionäre; und wer sein "Mia san mia" lautstark hinausposaunt und das auch noch zu seinem Markenzeichen macht - wem es mithin an Demut und Bescheidenheit, auch im Erfolg (siehe BVB, Barca oder sogar Chelsea), fehlt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn andere sich "klammheimlich" über das emotionale Elend des Verein freuen, wie das mal ein Stadt-Mescalero anno 1967 formuliert hat.

Die Ankündigung, dass man den "Albtraum" mit dem Plündern des Festgeldkontos bekämpfen wolle, verwundert und überrascht daher nicht. Das hat man an der Säbener Straße immer schon so gemacht,the same procedure than every year, wie es allabendlich an Silvester im deutschen Fernsehen zu hören ist. Es war schon immer Praxis der "Großkopferten" dann die Geldbörse zu zücken. Von geschätzten 60 Millionen Euro ist aktuell die Rede, die man in Spielerbeine investieren will.

Gleichwohl verschleiern derlei üppiges Geldausgaben nur die latenten Probleme, die der Verein schon seit Jahren mit sich herumschleppt und irgendwie nicht lösen kann: Eine fehlende Spielidee, die ungeklärte Nachfolge, ein rechthaberischer und alles besser wissender Übervater Hoeneß, ein schwächelnder Manager Nerlinger, ein medial stichelnder und häufig Dampf plaudernder Kaiser, schwache Trainer, die von Gnaden der Vereinsführung leben usw. ( Mehr Macht den Trainern).

Dabei kann der Verein, wie man dem jüngsten Buch des Sportjournalisten Dietrich Schulze-Marmeling entnehmen kann, auf eine ruhmreiche Vergangenheit verweisen, die zwar schon etwas von jener Vornehmheit ausstrahlt, mit der der FC Bayern sich von den Münchner Löwen, dem Giesinger Arbeiterklub, unterscheidet, aber die vielleicht nicht unbedingt zum Image des polternden "Pfeffersackes" passen will.

Bis zur Machtergreifung durch die Nazis war der Verein, der 1900 gegründet wurde, ein weltoffener und liberaler Klub, in dem religiöse oder nationale Zugehörigkeiten keine Rolle spielten. Während der Weimarer Zeit und auch davor war das wegen der antidemokratischen und antisemitischen Grundstimmung im Land keine Selbstverständlichkeit. Vor allem nicht in München, das später, zumindest kurzzeitig, Hauptstadt der Bewegung werden sollte.

Juden und Protestanten galten häufig als sehr aufgeschlossen gegenüber den An- und Herausforderungen der Moderne, dem Leistungsprinzip und dem Wettbewerb - Werte, die auch im Sport, insbesondere im Fußball, eine große Rolle spielten. Anders als das Turnen des Turnvater Jahns, das eher der Dressur und Wehrhaftmachung des deutschen Volkes gedient hat, galt der Fußball bereirs damals als kreative und lustvolle Betätigung, das auf dem englischen Ideal des "Fair Play" und der "Weltoffenheit" fußt und der Erziehung zum "sportsman" dient.

Gewiss war der FCB laut Schulze-Marmeling kein "Judenklub" wie etwa MTK Budapest oder in Deutschland Eintracht Frankfurt oder Tennis Borussia Berlin. Doch der Verein hieß Juden jederzeit willkommen und bot ihnen Aufstiegs- und Profilierungsmöglichkeiten wie den christlichen Klubkameraden auch. Mindestens zwei der siebzehn Unterzeichner der Gründungsurkunde des Vereins waren damals Juden.

Noch vor WK I wurde der Jude Kurt Landauer erstmals Präsident. Unter seiner Regie wurde der Verein ein "Volksverein", der bereits damals großen Wert auf sein "Anderssein" legte. Mit dem Nachwuchsfunktionär Otto Beer und österreichisch-ungarischen Juden Richard Dombri als Trainer errang der FCB 1932 das erste Mal den deutschen Meistertitel - zu einem Zeitpunkt also, wo die Weimarer Republik schon am Kollabieren war und die Machtergreifung der Nazis unmittelbar bevorstand.

Doch bereits ein Jahr später unterzeichnete man auf Geheiß der Nazis eine Erklärung, in der sich der Verein bereit fand, dem Regime seine Mitarbeit anzubieten und alle Juden aus dem Sportverein zu entfernen. Gewiss verlief die Nazifizierung des Klubs etwas holpriger als bei anderen Vereinen. Innerhalb des Klubs gab es aber Leute, die stets versuchten, eine gewisse Distanz zum Regime zu halten.

Allerdings hatte die Vertreibung des Präsidenten, des Meistertrainers und anderer Funktionäre den sportlichen Abstieg des Klubs zur Folge. Es dauerte 37 Jahre, bis der Verein 1969, also drei Jahre nach dem Aufstieg in die Bundesliga, seinen zweiten nationalen Titel gewann. Ohne die Jahre des Nationalsozialismus, davon ist Schulze-Marmeling überzeugt, hätte der Aufstieg des derzeitigen Rekordmeisters zur unumstrittenen Nummer eins im deutschen Profifußball nicht so lange gedauert.

Merkwürdigerweise hat sich der deutsche Rekordmeister seines Verhaltens während der Nazi-Diktatur, obwohl es da viel Positives zu entdecken und zu berichten gibt, jahrzehntelang nicht gestellt. Anders als etwa der DFB oder manch anderer Traditionsverein. Entweder war es ihm gleichgültig oder es war ihm einfach lästig oder gar peinlich. Anders ist kaum zu erklärbar, warum es über ein halbes Jahrhundert gedauert hat, bis man sich an der Säbener Straße endlich seines "jüdischen Erbes" zu erinnern begann.

Noch Anfang der Sechzigerjahre, als Kurt Landauer starb, war in der Vereinszeitung von dessen Judentum nichts zu lesen. Im Nachruf befand sich stattdessen ein Kruzifix. Und auch in den diversen Vereinschroniken, die später zum Fünfundsiebzigsten, zum Neunzigsten oder Hundertsten erschienen, war diesbezüglich nicht die Rede. Offensichtlich wollte die Vereinsführung, insbesondere Uli Hoeneß, davon aus Rücksicht auf negativen Auswirkungen auf den asiatischen und anderer Märkte nichts wissen.

Erst als nach der Jahrtausendwende ein Teil der Ultras, die für südländisches Flair in den Stadien sorgen, anlässlich des 125. Geburtstages von Kurt Landauer mit beeindruckenden Choreographien auf die Leistung des ehemaligen Präsidenten aufmerksam machten, kam die Vereinsführung nicht mehr umhin, sich des Themas anzunehmen.

Es klingt fast wie ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet die "Schickeria München", eine Ultravereinung, die sich dezidiert "antirassistisch und antikommerziell" gibt, dem FC Bayern, der allgemein als "konservativer CSU-Verein" gilt, diese Erinnerungskultur aufzwang. Seit Mitte der Nullerjahre veranstaltet die Gruppierung, mit der Uli Hoeneß so manchen Strauß (zuletzt wegen des "Koan Neuer") ausfechten muss, ein antirassistisches Turnier auf dem Gustav-Landauer-Platz.

Seit diesen Jahren ist allerdings das Bewusstsein dafür, auch wenn es da manche Widerständigkeiten im Klub gegeben haben mag, dafür gewachsen. Es gibt mittlerweile diesen Platz zu Ehren des ehemaligen Präsidenten, auf dem Turniere stattfinden. Man widmet sich dezidiert der Aufarbeitung seiner jüdischen Vergangenheit und trägt Benefizspiele, man fördert Dokumentationen und unterstützt jüdische Vereine, etwa Maccabi München, finanziell.

Literatur: Dietrich Schulze-Marmelin: Der FC Bayern und seine Juden. Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2011, 272 Seiten, 14,90 €uro.

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