Kolkatas Polizei verbietet "störende und gefährliche Fahrradfahrten"

In der indischen Millionenstadt sperrt die Polizei 174 Hauptverkehrsstraßen für Fahrradfahrer trotz der enormen Luftverschmutzung durch Autofahrer. Gegner des Verbots machen soziale Gründe geltend

In der indischen Millionenstadt Kolkata, früher Kalkutta, demonstrierten heute Tausende gegen ein Fahrrad-Verbot. Seit Ende August hatte die Stadtverwaltung Fahrradfahrern wie auch Rikschafahrern die Benutzung von über 170 großen Straßen untersagt. Zuwiderhandelnden wurde das Fahrrad weggenommen; für viele ist es das Verkehrsmittel, mit dem sie zur Arbeit fahren.

Laut Angaben der in Indien bekannten Umweltaktivistin Medha Patkar, die von der Regierung Westbengalens fordert, gegen das Verbot einzuschreiten, ist Kolkata die einzige große Stadt in Indien, in der der Radverkehr den Autoverkehr übertrifft. Nach ihren Daten zählt man dort bis zu 2,5 Millionen Fahrrad-Fahrten täglich, was darauf schließen lasse, dass viele Einwohner auf das Verkehrsmittel angewiesen seien. Dazu gebe es eine gesetzliche Richtlinie, die ausdrücklich die nicht-motorisierten Verkehrsmittel unterstütze.

Einer der Gründe, weshalb man diese Richtlinie erlassen hat, ist die Luftverschmutzung in den großen Städten durch den Verkehr. Kolkata gehört zu den besonders verschmutzten Metropolen Indiens. Umso unverständlicher erscheint das Verbot der umweltfreundlichen Fahrräder. Als Begründung gab die Polizei an, dass die Fahrräder wie auch die Rikschas und die ebenso verbotenen Handkarren den Verkehr verlangsamen würden und Staus provozieren.

Zitiert wird auch die Begründung der Polizei, wonach der Fahrradverkehr ein Sicherheitsrisiko darstelle: "Weil Räder oft dazu benutzt wurden, um Bomben zu legen", wird ein Mitarbeiter der Verkehrsleitstelle der Polizei in Kolkata wiedergegeben. Diese Aussage findet sich auch in einem Lokalbericht der indischen Zeitung The Telegraph, allerdings datiert vom Juni 2009 - möglicherweise ein falsche Datumsangabe. Feststeht, dass die Verkehrsprobleme in Kolkata schon seit einigen Jahre andauern und damit zusammenhängend auch die enorme Luftverschmutzung.

"Vielleicht sollten wir alle mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren? Sie machen das in Teilen Europas", schlug die Kolkata-Kolumnistin von Outlook India im Jahr 2010 vor. Auch der indische Nobelpreisträger Venkatraman Ramakrishnan macht sich gegen das Verbot und für die Unterstützung der Fahradfahrer stark. Die Lösung liege nicht im Verbot, sondern im Gegenteil im Ausbau von Fahrradwegen. Das Problem hinter dem Verbot sei eigentlich ein soziales, so die Argumentation des Strukturbiologen. Das Verbot komme vor allem den Wohlhabenderen entgegen, die aus ihren Wohnungen in den Gated Communities im Auto zur Arbeit fahren, oft alleine und am liebsten ungestört.

"Ich habe den Verdacht, dass die Gleichgültigkeit oder sogar die Verachtung gegenüber den Radfahrern ihre Wurzeln in der wachsenden Trennung der Bessergestellten ('the well-off') vom Rest Indiens hat. Die wohlhabenden Klassen haben sich von der Masse abgesetzt. Sie leben in ihren privaten Blasen und wollen keine Begegnungen auf öffentlichen Plätzen, schon gar nicht mit der Öffentlichkeit."

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