Kuba, Kommunismus – und die Kirche?

Die sozialistische Führung in Havanna sucht die Nähe zu europäischen Regierungen und dem Vatikan. Die Rolle der katholische Kirche ist nicht neu

An historischen Ereignissen arm ist die kubanische Diplomatie derzeit nicht. Geschichtsträchtig war die Annäherung zwischen Havanna und Washington im vergangenen Dezember (Tauwetter in der Karibik), ebenso wie das erste Treffen zwischen Präsidenten beider Staaten im April in Panama.

Diese Serie setzte Kubas Staatschef Raúl Castro nun fort. In Rom kam er am Wochenende zu einem durchaus freundschaftlichen Treffen mit Papst Franziskus zusammen. Zurück in Havanna empfing er nun Frankreichs Präsidenten François Hollande. Der Sozialist ist der erste französische Staatschef seit der Unabhängigkeit Kubas von Spanien im Jahr 1898, der den Karibikstaat offiziell besucht.

Hollande eröffnete zu Wochenbeginn den neuen Sitz des Kulturinstituts Alliance française, unterzeichnete ein Abkommen zum universitären Austausch und legte ein Gesteck am Denkmal für den kubanischen Freiheitshelden José Martí am Platz der Revolution nieder. Neben Raúl Castro kam Hollande auch mit Revolutionsführer Fidel Castro zusammen. Am Rande des Staatsbesuches wurden wirtschaftliche Kontakte geknüpft.

In Rom hatte sich Raúl Castro zuvor mit Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi getroffen. Nach der Unterredung im Regierungssitz traten Renzi und Castro vor die Presse. Dabei hob Kubas Präsident die guten Beziehungen mit Italien hervor. Tatsächlich sind italienische Unternehmen seit den 1990er Jahren in dem Karibikstaat aktiv, etwa in der Telekommunikation. "Italien spielt derzeit bei den laufenden Verhandlungen mit der Europäischen Union eine sehr wichtige Rolle", sagte Castro in Rom. Er hoffe, dass die Gespräche vor Ende dieses Jahres erfolgreich beendet werden können.

In Rom sorgte Raúl Castro zudem für Schlagzeilen, als er sich als Fan von Papst Franziskus zu erkennen gab. "Ich habe alle Reden des Papstes gelesen", sagte der 83-Jährige auf der Zusammenkunft mit dem gebürtigen Argentinier am Sonntag. "Kein Witz, wenn der Papst weiter so redet, dann fange ich früher oder später wieder an zu beten und trete wieder der katholischen Kirche bei", witzelte Castro.

Dabei hatte das Treffen durchaus einen ernsten politischen Charakter, denn die katholische Kirche hat im Prozess der politischen Öffnung Kubas in den vergangenen Jahren eine wichtige Rolle gespielt. Dabei hat das Verhältnis zwischen Staat und Religion im revolutionären Kuba seit dem Regimewechsel 1959 mehrere von außen- und innenpolitischen Einflüssen geprägte Phasen durchlaufen und ist in Bezug auf die politische Bedeutung der jeweiligen religiösen Gemeinschaft unterschiedlich ausgeprägt.

Historisch betrachtet war die kubanische Gesellschaft stets ähnlich religiös geprägt wie die der übrigen lateinamerikanischen und karibischen Staaten, indes sind auch Unterschiede festzustellen. Durch die geografische Lage des Landes zwischen drei Regionen – Nordamerika, Südamerika und Karibik – war die kubanische Gesellschaft von vornherein religiös heterogener als die anderer Staaten. Zum Zeitpunkt der Kubanischen Revolution bestanden neben der historisch starken römisch-katholischen Kirche rund 50 evangelische Kirchen.

Im Verlauf des Kampfes gegen die Diktatur von Fulgencio Batista spielten die drei religiösen Gruppen zunächst kaum eine Rolle. Nur wenige Vertreter der katholischen Kirche hatten gegen die Diktatur Position bezogen. Nach dem Sturz Batistas hingegen bezog der katholische Klerus rasch zwei Positionen, die für die Dynamik in bilateralen Verhältnis Staat-Kirche und für alle Akteure von weitreichenden Konsequenzen war: Zum einen prangerte die kubanische katholische Kirche den kommunistischen Einfluss (also den des damaligen Ostblocks) auf die neue Führung an, zum anderen sprachen sich katholische Amtsträger gegen Reformen im Bildungswesen aus.

Neben dem allgemein auf Kuba wirkenden geopolitischen Konflikt trug vor allem der zweite Punkt zur Eskalation bei, weil die katholische Kirche – ebenso wie protestantische und jüdische Gemeinden – über Bildungseinrichtungen verfügten, die nun stärker staatlich kontrolliert werden sollten. Besonders die katholische Kirche dominierte das Schulwesen in den Städten des Landes. Es ging also gleichsam um den ideologischen Einfluss in der Bildung. Damit war ein Konflikt begründet, der sich im Dialog Staat-Kirche in Kuba bis heute widerspiegelt.

Nach der blutigen Eskalation einer Demonstration im Zuge einer kirchlichen Prozession wurden 132 katholische Priester – ein Fünftel des Apparates – ausgewiesen, 2.000 Nonnen und 500 Priester verließen das Land freiwillig. Diese Entwicklung ist aus zwei Gründen von Bedeutung: Zum einen brachen die organisatorischen Strukturen der bis dahin landesweit vernetzten katholischen Kirche zusammen, zum anderen verlor die katholische Kirche mit der Verstaatlichung der Bildung 1961 und des damit einhergehenden Verbots privater und damit auch klerikaler Bildungseinrichtungen ihre wichtigste Finanzquelle.

Auch zu den übrigen Religionsgemeinschaften nahm der kubanische Staat deutlich Abstand und kappte institutionelle Verbindungen. Diese Entwicklung war generell außenpolitisch zu begründen. Mit der Annäherung an die Sowjetunion verstärkte sich eine antiklerikale Tendenz, die unter anderem in der Unvereinbarkeit der Mitgliedschaft in einer Kirche und der regierenden Kommunistischen Partei Niederschlag fand. Im Fall der evangelischen (nordamerikanischen) Kirchen kamen die massiv zunehmenden Spannungen zwischen Havanna und Washington erschwerend hinzu.

Nach einer weitgehend konfliktfreien Parallelexistenz von Staat und Kirche zur Zeit der engen kubanisch-sowjetischen Kooperation setzte eine erneute Annäherung Mitte der achtziger Jahre ein. Grundlage dieser Entwicklung war eine Neuorientierung der kubanischen Führung, die parallel zu der als "Rectificación" bezeichneten Loslösung von der UdSSR einsetzte.

Staats- und Regierungschef Fidel Castro versuchte mit dem 1985 vom brasilianischen Dominikaner und Befreiungstheologen Frei Betto herausgegebenen Gesprächsband "Fidel y la religión" (Frei Betto 1985) eine Verbindung zwischen Christentum und Marxismus herzuleiten. Parallel zu diesem diplomatisch-publizistischen Schachzug besuchte 1984 der US-amerikanische Baptistenpriester und Bürgerrechtsaktivist Jesse Jackson Kuba.

Von staatsparteilicher Seite wurde diese Entwicklung mit der Eröffnung eines Büros der regierenden Kommunistischen Partei für religiöse Angelegenheiten begleitet. Die mehrdimensionale Entwicklung in den Jahren 1985 und 1986 führte zu einer Revitalisierung der Religion in Kuba und leitete damit einen Trend ein, der durch den Beginn einer schweren wirtschaftlichen Krise wenige Jahre später noch erheblich verstärkt wurde. Die Krisensituation nach 1991 führte zu einer Aufwertung der religiösen Netzwerke, auf deren Kompensationsleistungen der überlastete Staat hoffen konnte. Katholische und jüdische Organisationen sowie die baptistische Vereinigung Pastors für Peace organisierten Hilfslieferungen nach Kuba.

Damit trugen diese Gruppierungen nicht nur zur objektiven Entspannung der Versorgungslage bei, sie bildeten zugleich – vom kubanischen Staat in Stellung gebracht – ein Gegengewicht zur US-amerikanischen Blockade, die in Hoffnung auf einen Systemwechsel in Kuba Mitte der neunziger Jahre mit mehreren Zusatzbestimmungen weiter verschärft wurde.

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