Langweiliges Ballgeschiebe

Bislang bereitet die WM in Südafrika den Zuschauern wenig Spaß. Das Niveau ist erschreckend schwach, teilweise gar grenzwertig und unterirdisch. Damit schließt sie bislang nahtlos an ihre beiden Vorgänger an, an die WMs in Südkorea und in Deutschland

Die ersten Vorrundenspiele sind absolviert, alle Teams haben vorgespielt. Und schon macht sich große Langeweile unter Zuschauern und Fans breit. Würden nicht die Vuvuzelas ihnen mit ihrem ständigen Getröte den Nerv rauben (Von Hornissenschwärmen geplagt); und würden die unvorhersehbaren Flugbahnen des Jabulani die Torhüter nicht in latente Verzweiflung stürzen, es gebe kaum oder gar nichts Nennenswertes zu berichten (So macht die Weltmeisterschaft keinen Spaß).

Masse statt Klasse

Zu niveau- und einfallslos, ohne Tempo und Laufbereitschaft, ohne Dynamik und Intensität präsentieren sich bislang die meisten Spiele und Spieler. Mitunter hat man das Gefühl, als kickten gerade (ohne den Teams und ihren Fans jetzt zu nahe treten zu wollen) Hannover 96 gegen den VFL Bochum am 23. Spieltag gegeneinander. Zu viel Masse statt Klasse verdirbt hier den Brei.

Selbst die ausgelobten Stars und Ausnahmekönner der WM, Messi, Ronaldo, Ribéry und Co. zeigen sich in ihren ersten Spielen erschreckend müde und bringen ihre Auftritte mehr oder minder lustlos und ohne Esprit über die Bühne. Sie wirken ausgelaugt, blass und überspielt oder sind nicht richtig in das Mannschafsgefüge integriert. Damit scheint sich ein Trend fortzusetzen, der schon bei den beiden vergangenen WMs zu beobachten war.

Überspielt und ausgelaugt

Jene Spieler, die in den Spitzenvereinen Dienst tun, haben, wenn sie zur WM kommen, viel zu viele Spiele in den Knochen. Durch Meisterschaft, Pokal, Euro oder Champions League kommen sie, zählt man noch jene Freundschaftsspiele hinzu, die sich aus den Verpflichtungen den Sponsoren gegenüber, locker auf an oder über siebzig Spiele im Jahr. Rechnet man Urlaubs- und freie Tage weg, dann macht das summa summarum alle drei Tage ein Spiel. Der mentale Druck, da auch immer gewinnen zu müssen und Höchstleistung zu bringen, fordert seinen Tribut.

Obwohl man das weiß, sind die Erwartungen wieder einmal hochgesteckt. Erneut soll es eine Weltmeisterschaft der Superlative werden. 24 Stunden Non-Stop Fußball versprach ein Bezahlsender vollmundig. Allein einen Tross von über 700 Männern und Frauen setzten die Öffentlich-Rechtlichen in Bewegung. Sie geloben Emotionen, Tragiken und Dramatik pur, Tränen des Schmerzes und der Verzweiflung ebenso wie Jubelchöre und kollektive Raserei, tragische Niederlagen und schmutzige Siege.

Schönheit und Reife

Über was ist nicht alles im Vorfeld spekuliert worden, über diverse Fußballstile und nationale Fußballschulen (Spiel mit Stil), über Systemfußball, Dreieckbildung und Spielsysteme, über Raumaufteilung, Positionsspiel und Verschieben ganzer Mannschaftsteile, über taktische Ordnung und die Rolle von Kreativität, über Ballbesitz, One Touch Football und Konterspiel, über die Reife und Schönheit des Spiels.

Beispielsweise wetterte Sepp Gumbrecht in der taz noch über den modernen Ordnungs- und Ergebnisfußball, der kaum noch Raum lasse für überraschende Aktionen. Als ästhetische Alternative dazu empfahl er den antimodernen Fußball der fünfziger Jahre, als Garrincha an der Außenlinie zwei, drei Spieler vernaschte und dann, statt zu flanken, auf den nächsten Abwehrspieler wartete, um auch den noch zu umspielen.

Peter Körte machte uns wiederum in der FAZ (Das schöne Spiel) nochmals mit den diversen Stilschönheiten des modernen Fußballs bekannt, dem „Totaalvoetbal“ der Holländer der Siebziger, dem „Tiki-Taki“ genannten Kurzpassspiel der Spanier, den neuen Effizienzfußball der Dunga-Brasilianer, der Hinwendung der Engländer zum Vertikalspiel unter Fabio Capello und dem Kraftfußball der Ivorer.

Altherrenfußball

Doch nichts davon ist bislang eingetroffen. Ein Fußballfeuerwerk stellte sich bislang nicht ein. Im Gegenteil, der Altherrenfußball, den die Franzosen seit gefühlten fünfzig Jahren bevorzugen, und der Catenaccio, den Helenio Herrera einst in Italien eingeführt hat, dominieren.

Selbst Spanien, das das „schöne Spiel“ wie kein anderes Land kultiviert hat, das das Spielgerät kreiseln lässt wie einst der „Schalker Kreisels“ und das dadurch meist über zwei Drittel des Spiels den Ball besitzt, ist am Abwehrriegel, den Otmar Hitzfeld mit seinen Schweizern vor ihrem Strafraum aufgebaut hat, zerschellt wie damals die Titanic am Eisberg im Atlantik. Auch hier heiligt der Zweck die Mittel, die Form folgt der Funktion. Und auch hier gilt: Schön ist das, was gewinnt.

Jung und ausgeruht

Nur die deutsche Mannschaft scheint das Turnier noch nicht ganz verstanden zu haben. Vielleicht oder gerade wegen ihrer jugendlichen Unerfahrenheit spielt sie unbekümmert und frech drauf los und wild nach vorn, vertikal und über die Außen den Ball bis an die Grundlinie passend. Neben den Laufwundern aus Südkorea hat sie bislang als einziges Team überzeugt. Alle Spieler sind in Bewegung, sie zeigen Spielfreude und fordern den Ball.

Doch die können auch gut lachen. Mit Klose, Podolski und Gomez haben sie Spieler in ihren Reihen, die sich das ganze Jahr auf der Ersatzbank ausgeruht haben. Mit Ausnahme der Vielbeschäftigten Thomas Müller, der ist aber auch gerade mal zwanzig, oder Bastian Schweinsteiger, der mit seinen fünfundzwanzig Lenzen voll im Saft steht, haben alle anderen, was ihre Einsatzzahlen angeht, ein relativ geruhsames Fußballjahr hinter sich.

Nur Schaulaufen

Daraus aber schon die Konsequenz zu ziehen, dass Deutschland Weltmeister wird, ist mehr als verwegen. Bislang ist noch jeder, der in der Vorrunde überragend war, in den Achtel- oder Viertelfinals kläglich oder unglücklich gescheitert. Der Weltmeister wird immer erst in den KO-Spielen geboren, frühestens in den Viertelfinals, dann, wenn es wirklich um was geht. Dann wird das deutsche Team auch beweisen müssen, ob ihre Defensive auch stark und gut genug ist. Vor allem die Innenverteidigung scheint für das Spiel nach vorne nicht die nötige Qualität zu haben.

Die Vorrunde ist allenfalls ein Schaulaufen, die dem Einspielen und der Selbstfindung der Teams dient. Mithin kommt es hier allenfalls darauf an, sie zu überstehen und die Endrunde zu erreichen. Erst danach wird sich zeigen, wessen Mannschaftsteile besser ineinandergreifen; wer mehr mentale Stärke, Teamgeist und individuelle Klasse besitzt; wer mehr Präzision in sein Passspiel bringt, die Laufwege besser aufeinander abstimmt und blindes Verständnis in seinen Aktionen zeigt; wer taktisch diszipliniert und defensivstark dem Gegner sein Spiel aufzwingt und dabei Wege durch dessen Abwehrbollwerk findet; und: wer neben dem nötigen Glück keine Fehler macht und eine passende Antwort auf das Spiel des Gegners findet.

Bis dahin heißt es, Geduld zeigen und warten. Denn, es kann im Prinzip nur besser werden.

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