Leben und Sterben auf Lampedusa

Wieder einmal sind wir mit den Bildern einer tödlichen Flüchtlingspoltik der EU konfrontiert

Die Zahl der toten Flüchtlinge steigt stündlich. War zunächst von 50, dann von über 60 ertrunkenen Menschen die Rede, so wird mittlerweile von über 100 Menschen ausgegangen, die in der Nacht zum 3. Oktober in unmittelbarer Nähe der Küste der italienischen Mittelmeerinsel ums Leben kamen. Augenzeugen sprechen im Radio von einem Meer voller Toten.

Die Leichen sind am Strand der beliebten Ferieninsel Lampedusa aufgebahrt. Ein mit über 500 Flüchtlingen aus Somalia überladenes Flüchtlingsboot hatte Feuer gefangen. Nach ersten Berichten versuchten die Menschen mit einem brennenden Tuch auf sich aufmerksam zu machen. Dabei fing das Boot rasch Feuer und die Menschen mussten ins Meer springen. Es wird von einer Tragödie und von einem Schiffbruch gesprochen, als würde es sich um ein Naturgesetz handeln.

Dabei vergeht kaum ein Monat, an dem nicht Flüchtlinge in der Nähe von Lampedusa im Meer sterben. Im November 2012 richtete die damals neugewählte Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, mit einem kurzen Brief einen dramatischen Appell an die Bürger Europas.

"Ich bin die neue Bürgermeisterin von Lampedusa. Ich wurde im Mai 2012 gewählt, und bis zum 3. November wurden mir bereits 21 Leichen von Menschen übergeben, die ertrunken sind, weil sie versuchten, Lampedusa zu erreichen.

Das ist für mich unerträglich und für unsere Insel ein großer Schmerz. Wir mussten andere Bürgermeister der Provinz um Hilfe bitten, um die letzten elf Leichen würdevoll zu bestatten. Wir hatten keine Gräber mehr zur Verfügung. Wir werden neue schaffen, aber jetzt frage ich: Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden?

Ich bin über die Gleichgültigkeit entrüstet, die alle angesteckt zu haben scheint; mich regt das Schweigen von Europa auf, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl es hier ein Massaker gibt, bei dem Menschen sterben, als sei es ein Krieg."

Jedes dieser Worte ist gerade heute wieder aktuell, wo der Nachrichtenseher mit dem täglichen Sterben in Lampedusa konfrontiert wird.

Zufällig fand das jüngste Massensterben im Mittelpunkt in der Nacht zum 3. Oktober statt, dem Tag, an dem das offizielle Deutschland das Ende der Teilung feiert und so viel von fallenden Mauern und offenen Grenzen die Rede ist. Welcher der Politiker, der heute in Stuttgart die Deutschlandfeier zelebriert, hat aus dem Brief der Bürgermeisterin zitiert? Wer hat nur einen Gedanken daran verschwendet, dass die tödlichen Grenzen nur verlegt wurden, unter anderem ins Mittelmeer.

Die Toten im Mittelmeer gehen auch und gerade die Menschen in Deutschland an. Schließlich sind sie eine Folge der europäischen Flüchtlingspolitik, die maßgeblich von Deutschland vorangetrieben wird und dafür sorgt, dass kaum noch Flüchtlinge nach Deutschland gelangen Wenn sich Menschen trotzdem bis nach Deutschland durchschlagen und nicht als Bittsteller auftreten, sondern ihr Recht auf Bewegungsfreiheit einfordern, versuchten die Landesregierungen und die Bundesregierung alles, um die Menschen zur Ausreise zu zwingen.

Dabei haben sie die Unterstützung von großen Teilen der Bevölkerung. Für die meisten bedeutet die Freude über den Fall der deutschen Mauer eben nicht eine wirkliche Kritik an Grenzen, die Menschen an ihrer Bewegungsfreiheit verhindern. Es geht ihnen nur um deutsche Bewegungsfreiheit.

Als 2011 auf der zentralen Gedenkveranstaltung zum fünfzigsten Jahr des Mauerbaus ein Redner aus dem christlichen Spektrum an das Schicksal von Flüchtlingen heute erinnerte, erntete er wütende Zwischenrufe und Pfiffe. Wenn Fluchthelfer und Flüchtlinge als Helden geehrt werden, sind es nicht die Menschen, die im Mittelmeer vom brennenden Schiff gerettet werden.

Mittlerweile haben sich auch zahlreiche Künstler mit dem täglichen Sterben in Lampedusa beschäftigt. Issac Julien hat mit seiner Videoinstallation Western Union eine beeindruckend realistische Arbeit über das Nebeneinander von Tourismus und Massensterben in der europäischen Peripherie auf die Leinwand gebracht.

Noch nicht realisiert werden konnte vor Ort das Projekt "Ein Leuchtturm für Lampedusa", mit dem der Berliner Künstler Thomas Kilpper eine Open-Air-Installation am Strand der Insel schaffen will, die Leben retten kann.

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