Ließ sich der britische Geheimdienst von Hollywoodfilm inspirieren?

"The Rock" als Anregung für Saddams gläserne "Chemiewaffen"

Vor genau 20 Jahren portraitierte Sean Connery im damaligen Sommer-Blockbuster The Rock einen britischen Agenten, der für die USA wegen seines Wissens über Familiengeheimnisse von CIA und FBI zur Altlast geworden war. Gemeinsam mit einem von Nicolas Cage verkörperten Giftgasspezialisten rettet er San Francisco vor einem Angriff von abtrünnigen Marines, welche die USA mit VX-Gas erpressten. Im Film wurde das plakativ giftgrüne Gas in Glasbehältnissen gelagert, die auch schon mal dramatisch durch die Szene rollten und zerdepperten.

Als der echte britische Geheimdienst Entscheidungsträgern 2002 seine "Erkenntnisse" über die Bedrohungslage im Irak präsentierte, beriefen sich die Spione dem Chilcot-Report zufolge auf eine "anonyme Quelle", die über solche Glasgefäße mit tödlicher Fracht berichtete. Dem Guardian zufolge war die Glaubwürdigkeit der Quelle damals in Zweifel gezogen worden, da authentische biologische und chemische Waffen üblicherweise nicht in fragilen Materialien wie Glas transportiert werden. Den Spionen ihrer Majestät war zudem auch die Ähnlichkeit zum populären Kinofilm aufgefallen, wo man dem Publikum möglichst visuelle Bilder lieferte.

Die Zweifel der Geheimen beirrten allerdings nicht Mr. Blair, der mit Mr. Bush für einen orientalischen Krieg Geschichten aus 1000 und einer Nacht suchte. Im Weißen Haus ließ man sich anscheinend ebenfalls von einem Film inspirieren, der ein Jahr nach "The Rock" Premiere hatte: Wag the Dog. Die ehemaligen Erdölmanager Bush, Cheney und Rice importierten über CIA und BND "harte Beweise" für "rollende Labors", die perfekt zur zerbrechlichen Geschichte mit den tödlichen Stinkbomben passten. Wer wollte schon, dass ein rollendes Labor über ein Schlagloch fährt und ein Fläschchen dabei platzt?

Und so kam es, dass in Zeiten größter Not im Orient gerade noch rechtzeitig die edle Kavallerie anrückte, selbstlos die Demokratie herbei bombte und den Mittleren Osten in einen Hort des Friedens verwandelte. Happy End.

Von Markus Kompa ist bei Telepolis als eBook erschienen: Cold War Leaks. Geheimnisvolles und Geheimdienstliches aus dem Kalten Krieg.