Logan CIJ Symposium zum investigativen Journalismus

Muckraker-Treffen in Berlin

Martin Kaul von der taz ist wahrhaft ein Enthüllungsjournalist: Statt sich mit einer guten Sache gemein und bei seinen Kollegen beliebt zu machen, bewies er den Nerv, einen Kongress denkbar verdienter Enthüllungsjournalisten zu verreißen. Respekt! Aufgabe verstanden, so couragiert handelt nun einmal ein Muckraker aus echtem Schrot und Korn!

Was Kaul beim Logan CIJ Symposium in Berlin vermisste, waren kontroverse Panels statt Harmonie. Tatsächlich nämlich waren sich die Talkgäste sehr einig; die Veranstaltung war ein Stück weit das, was man "Preaching to the own choir" nennt. Allerdings hatten die Organisatoren gar nicht den Anspruch, Talkshow-verwöhntes Publikum und blasierte Feuilletonisten zu unterhalten, sondern wollten Hacker, Aktivisten, Künstler und Journalisten vernetzen. Dies dürfte ihnen wohl gelungen sein.

So boten die Veranstalter etwa den weltweit prominentesten Enthüllungsjournalisten Seymour Hersh auf, dessen Reportage über das Mỹ Lai Massacker in den USA entscheidend die öffentliche Meinung für ein Ende des Vietnam Kriegs beeinflusste. Trotz seiner Bekanntheit und zahlreicher Preise hat jedoch auch Hersh nach wie vor große Schwierigkeiten, unerwünschte Nachrichten in den Mainstreammedien unterzubringen, etwa 2004 die unpatriotische Story über das Foltergefängnis in Abu Ghraib.

Nicht weniger beeindruckend war der afrikanische Undercoverjournalist Anas Aremeyaw Anas, der wie Günter Wallraff unter der Tarnung von Rollen recherchiert und sich dabei durchaus in Gefahr begibt. Oder NSA-Whistleblower wie Thomas Drake oder William Binney, die jeweils ihre Existenz aufgaben, weil sie nicht mehr weiter am Bruch von Bürgerrechten mitwirken wollten. Faszinierend war der Bericht eines Mitglieds des südafrikanischen ANC über die Tricks, wie man seinerzeit verdeckt sogar mit Nelson Mandela im Gefängnis heimlich kommunizierte. Zudem konnten die Veranstalter die medienkritischen Rap News nach Berlin verpflichten (leider ohne "Robert Foster"). Auch Live-Schaltungen zu den denkbar prominenten Exil-Whistleblowern Julian Assange und Edward Snowden blieb man nicht schuldig.

Auf der Veranstaltung stellten IT-Experten neue Programme vor, mit denen etwa Journalisten ihren Quellen Sicherheit bei der Kommunikation bieten können. Selbst Fachmann Snowden war begeistert. Die wichtigste Erkenntnis hatte allerdings bereits P. Sainath in seiner Keynote formuliert: Die wirklich großen Enthüllungen kommen nicht aus dem regulären Medienbetrieb, sondern von außerhalb, etwa von WikiLeaks und anderen Aktivisten. In Deutschland etwa laufen etliche Enthüllungungen nicht über konventionelle Medien, sondern über netzpolitik.org. Ähnlichen Esprit bewiesen die Leute von CAGE.

So gesehen war dann auch Kaul kaum mehr gelungen als das, was halt ein (temperamentvoller) akkreditierter Berichterstatter so macht. Aber immerhin kein unkritischer Stenograph! Da geht noch was!

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