Madrid versinkt im Müll

Der Streik gegen Entlassungen und Lohnkürzungen wird zum stinkenden Übel und vergräzt weiter Touristen

Die spanische Hauptstadt wirbt mit einer neuen Attraktion: stinkende Müllberge, die über die ganze Stadt verteilt sind. Seit elf Tagen streiken Müllabfuhr, Stadtreinigung und Gartenpfleger gegen die Entlassung von 1134 Beschäftigten und Lohnkürzungen.

Für Touristen, die sich in Madrid aufhalten, ist das ein Schauspiel. Der Japaner Hirai Murakami lässt sich vor einem stinkenden Müllberg im Zentrum der Stadt von seiner Frau Yuko ablichten. "Unglaublich" sagt er zu der neuen Attraktion Madrids. "Das ist in Tokio unmöglich", fügt er an und will die Bilder seinen Freunden zeigen. Der Gestank ist zum Teil unerträglich. Dazu tragen die weiter milden Temperaturen bei. Sie sind zwar am Donnerstag gesunken, doch mit 17 Grad Celsius noch immer deutlich über dem Novemberdurchschnitt von 13 Grad.

Murakamis Madrid-Bild ist deutlich eingetrübt. Damit hätte er nie gerechnet. Dass es viele Taschendiebe gibt, wusste er. Obwohl er vorsichtig war, wurde ihm in der Metro die Brieftasche gestohlen. Asiaten sind besonderes Opfer der Banden, sagen die Statistiken. 2000 Taschendiebe hat die Polizei registriert. Sie ist weitgehend hilflos, da ein Diebstahl unter 400 Euro ohne Gewaltanwendung keine Straftat ist. Das hat die Japaner genauso empört wie die große Müllhalde.

Zunächst versuchte das Paar, aus dem Gestank nach Hundekot und Abfall das Beste zu machen, der bald aber auch in ihr Hotelzimmer vorgedrungen war. Dass er sich nicht mehr sicher fühlt und nun auch Ratten umherstreifen, gaben Murakami den Rest. "Wir fahren heute nach Bilbao und kommen erst für den Rückflug zurück." Museumsbesuche wurden abgesagt, einen Besuch in Madrid empfiehlt er niemandem und er freut sich nun doppelt, dass Madrid eine Schlappe bei der Olympiabewerbung erlitt und die Spiele 2020 in Tokio stattfinden werden.

Screenshot El Mundo Lokalteil Madrid

Für viele hier ist das Bild, mit dem sich die Hauptstadt vor der Welt präsentiert, ein Ausdruck vom Niedergang einer "dekadenten und korrupten" Hauptstadt. So sieht es Raúl Ramíréz, der in der Straße Serrano Anguita wohnt. Während sich im Viertel der Müll stapelt, ist zwei Ecken weiter auf der Genova Straße alles sauber, wo die regierende Volkspartei (PP) ihren Sitz hat. Führungsmitglied der PP ist auch Bürgermeisterin Ana Botella, auch wenn sie nicht von der Bevölkerung gewählt wurde.

Während Ramírez ihr und der PP-Privatisierungspolitik die Schuld für die danteske Lage gibt, macht Botella den "wilden Streik" und die Gewerkschaften dafür verantwortlich, weil sie den Minimaldienst boykottierten. Die Gewerkschaften klagen dagegen, weil dieser mit 40 Prozent überzogen und auf Nobelviertel und zentrale Plätze konzentriert sei. "Hier haben wir in den letzten Tagen einmal einen Straßenfeger gesehen", meint Rosa Bravo, Sprecherin einer Stadtteilvereinigung im Arbeiterviertel Vallecas. Die Straßen seien schon vor dem Streik dreckig gewesen, doch jetzt sei es unerträglich.

Botella kündigte am späten Mittwoch an, nun durchzugreifen, falls es keine Einigung zwischen Gewerkschaften und Unternehmen gäbe, die die privatisierten Dienstleistungen übernommen haben. Die staatliche Firma Tragsa soll für die Einhaltung des Minimaldiensts sorgen. Doch die großen Baufirmen OHL, FCC und Sacyr erklären, der Minimaldienst werde erfüllt. Sie haben in den Verhandlungen angeboten, die Zahl der Kündigungen auf 625 zu halbieren. Das wäre immer noch ein Zehntel aller Beschäftigten.

Da aber an Lohnkürzungen von bis zu 43 Prozent festgehalten wird, ist das Angebot für die Gewerkschaften unannehmbar. Dass Tragsa nun eingesetzt werden soll, hält der Sprecher der Gewerkschaft UGT für einen Versuch, den Streik zu unterlaufen. Ihr Sprecher Moisés Torres kündigte juristische Schritte an. Dass zudem das Weihnachtsgeld gestrichen, die Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden pro Woche ausweitet werden und ohnehin knappe Löhne gekürzt werden sollen, sei keine Verhandlungsbasis. Die Beschäftigten verdienen zwischen 500 und 1300 Euro. 700 Euro kämen dann durchschnittlich noch heraus. "Wie soll ich mit 700 Euro mit drei Kindern leben und meine Hypothek bezahlen", sagt einer der Streikenden. Er nimmt das Ultimatum der Bürgermeisterin nicht ernst.

Tatsächlich haben Tragsa-Beschäftigte schon abgewunken. "Wir werden nicht Streikbrecher gegen unsere Kollegen spielen", erklärte Santiago Cavero. Er ist Betriebsratsmitglied der großen Gewerkschaft CCOO, die die Mehrheit im Betrieb stellt. Er erinnert auch daran, dass auch die Beschäftigten kürzlich gegen Entlassungspläne gestreikt hätten. "Man kann den Leuten doch nicht zuerst sagen, sie seien unnütz, man müsse sie entlassen, weil es keine Arbeit gäbe, und dann sollen sie für Privatfirmen einspringen."

Bei Tragsa wurde der Streik beendet, nachdem auf die Hälfte der Entlassungen verzichtet wurde. Die Beschäftigten dort wüssten, dass auch massive Lohnkürzungen auf sie zukommen, wenn der Streik in Madrid mit ihrer Hilfe gebrochen würde. Der Müll-Streik in Madrid könnte also noch lange andauern. Im Internet werden derweil schon Unterschriften gesammelt, um vom Militär zu fordern, die Hauptstadt "zu säubern". Bisher haben fast 32.000 Menschen die Petition unterzeichnet. Doch die Militärvereinigungen lehnen es ab, in einen solchen Konflikt einzugreifen.