Mal verliert man, mal gewinnen die anderen...

Wie konnte es passieren? Über die Ursachen des deutschen Scheiterns im Halbfinale

Am Mittwoch war Schluss. Der Geist Franz Beckenbauers schwebte über Löw, aber dann musste sich der Mann, der Jogi heißt, doch dem Dämon Berti Vogts geschlagen geben. Männer weinten. Massen schwiegen. Das Land erschrak: Deutschland war wirklich ausgeschieden.

Mit der ehrenvollen Niederlage gegen Spanien vollendet sich der unsterbliche Ruhm des diesjährigen deutschen WM-Teams. Die Three Lions fehlen zwar auf dem deutschen Trikot, aber den britischen Song "Three Lions on the shirt", die beste Fußball-Hymne aller Zeiten, können die Deutschen jetzt auch voller Stolz und Liebe mitsingen: "Football's coming home".

Alle ganz großen Teams scheitern bei der Weltmeisterschaft. Sie verlieren den Jules-Rimet-Pokal und gewinnen unsterblichen Ruhm: Die Ungarn 1954, die Deutschen 1970, die Holländer 1974 und 1978, die Brasilianer 1982, die Spanier 1986, die Engländer 1990, die Portugiesen 2006. Nur Brasilien 1962 und den Franzosen 1998 glückte die Ausnahme. Der erwähnte Song erzählt im Prinzip nichts anderes, als eine Liebesgeschichte. Die von der Liebe zu deiner Mannschaft trotz dem immer wieder scheiternden Versuch, zu gewinnen. Das ist die Lektion, um die es im Fußball geht: Nicht siegen, sondern Niederlagen hinnehmen, zivilisiert und mit Anstand scheitern. So ist es vielleicht höhere Gerechtigkeit, dass am kommenden Sonntag die beiden Länder unter den großen Fußball-Nationen im WM-Finale stehen, die bislang die unangefochtenen Weltmeister des Scheiterns waren.

Gelauer und Feinmechanik

"Spain I think is a more difficult opponent" - Franz Beckenbauer hatte kaum überraschend wieder mal recht gehabt. Man hat es gleich gespürt, schon in den ersten fünf Minuten war alles klar, war die große Überlegenheit Spaniens in das Spiel eingeschrieben und blieb nahezu unangefochten. Die Deutschen waren von Anfang an paralysiert, spielten wie das Kaninchen vor der Schlange. Spanien dagegen: hochkonzentriert, selbstbewusst, dabei gelassen.

Deutschland sei eine Turniermannschaft heißt es gern. Gestern konnte man sehen, was wirklich eine Turniermannschaft ist. Nichts mehr zu spüren - aber das war von vorn herein erwartbar gewesen - von dem statischen Spiel gegen Paraguay, wo sie selbst nervös waren. Stattdessen Fußball im Kung Fu Stil - Nutze die Kraft des Gegners. Moderner Fußball ist feinkonstruiert wie ein Uhrwerk, und das spanische lief nahezu perfekt.

Nach dem Wahnsinnsgelauer der ersten Minuten, schon in Minute 6 die erste große Chance der Spanier. Dann weiter Rasenschach, in dem sich Spanien zentimeterweise nach vorn arbeitete, die Deutschen zu spät verteidigten, tief standen, aber den Raum vorne kaum bespielten. Spanien entwickelte ständige Überlegenheit. Und die war nicht nur deutsche Schwäche, die Spanier bewiesen, dass man einen Gegner auch zu Fehlern zwingen kann.

Und es gelang: Die Deutschen spielten nicht nur zunehmend mutlos, sie spielten vergleichsweise viele Fehlpässe, sie hinterließen insgesamt ein Vakuum im Mittelfeld. Podolski war in einem seiner besten WM-Spiele so oft hinten, wie noch nie. Er musste aushelfen gegen Ramos, den offensiven rechten Außenverteidiger, der wieder so glänzte wie gewohnt und Lahm zeigte, was auf diesem Posten wirkliche Weltklasse bedeutete, ihn völlig in den Schatten stellte. Lahm war nicht gut, Schweinsteiger schon, aber auch er stand im Schatten: Gegen Iniesta und Xavi fast nur Verteidigungsarbeit, keine Gelegenheit zur Offensive. Der große Puyol machte, unabhängig vom Tor, eines der Spiele seines Lebens: Klose bekam in seinem vorletzten WM-Spiel keine einzige Torchance. Puyol ist ein Verteidiger, wie sie früher im halben Dutzend im deutschen Team spielten. Weckt Erinnerungen an die Mannheimer Schule - "Isch mach Disch platt" - aber mit Technik.

Haben die Deutschen alles getan?

Kann man sagen: Die Deutschen haben nicht alles getan? Löw sprach in ersten Statements von "manchen Hemmungen..." Und "letztendlich hat Spanien auch toll gespielt." Alles richtig. Aber, wenn man das nicht als Schicksalsschlag akzeptieren möchte: Was was hätte man tun sollen? Kroos zeigte sich als klare Bereicherung. Fast ein Müller-Ersatz. Im Nachhinein kann man sagen: Er hätte spielen sollen. Man hätte etwas kampfstärker auftreten müssen, schlicht gesagt: Etwas mehr foulen, Karten riskieren. Mehr Pressing, Forechecking. Die Deutschen wollten stattdessen kontrolliert spielen, Druck aufbauen, und als das nicht geklappt hat, sind sie zu früh eingeknickt, haben nicht mutig genug nach vorne gespielt. Erst im letzten Spieldrittel dann der Mut der Verzweiflung. Löw wechselte, als spürte er: eine Verlängerung würde sein Team sowieso nicht überstehen. Dann eine kurze, knapp 5-minütige Drangphase der Deutschen. Es war klar: It's now or never! Dann Puyol: Never!

Die Spanier waren dagegen sie selbst, wie sie es noch nie gewesen waren in diesem Turnier: Direkte Pässe, die butterweich durch die Tiefe des Raums schnitten. Der Erfolg war nur eine Frage der Zeit, und voller Gelassenheit warteten die Spanier auf ihren Moment. Sie boten auch einen Beleg für die Beobachtung, dass gute Mannschaften die Prinzipien des Handballs übernommen haben: Kreisläufe, Power Play, schnelle Vorstöße.

Demut statt Hybris: Wer mag schon Siegfried?

So verlor der Musterschüler gegen seinen Lehrer. Die Niederlage hat auch ihr Gutes: Demut. Sie zerstört nach Deutschlands zweiwöchigem Drunter- und Drübergang die Illusion, dass Willenskraft allein schon alles Mögliche möglich macht (siehe Alles ist doch nicht möglich. Und die Hybris kam vor dem Fall: Das viel zu frühe Capitano-Gelaber des Ersatzkapitäns Lahm ist zwar in der Sache richtig, aber nicht der Zeitpunkt.

Trotzdem hat das deutsche Team belegt, dass sich mit dem Prinzip Gleichheit statt Führertum, mit flachen Hierarchien schöner spielen und nicht weniger erreichen lässt als mit altem deutschen Fußball-Autoritarismus. Niederlagen, auch unverdiente, auch Eingriffe der Hand Gottes, gehören zum Fußball. Sie sind es, die aus ihm ein Drama machen. Wer mag schon Siegfried? Darum war Uruguays Sieg gegen Ghana auch eine Form höherer, übermenschlicher Gerechtigkeit. Sie setzte den Zufall und die Freiheit wieder in ihr Recht.

Im Spiel Spanien-Deutschland war ein Eingriff Gottes gar nicht erst nötig. Jetzt können die Deutschen wählen, ob sie mit dem Favoriten Spanien ziehen, oder mit dem Underdog Holland jubeln, der sich schon in seiner Nationalhymne "von deutschem Blut" ableitet, und so deutsch spielt, wie die Deutschen holländisch. Deutsche halten zu Holländern. Wow! Die Dinge normalisieren sich. Wie schön.